Dienstag, 17. November 2009

Wirtschafts- und Finanzmarktkrise: Falsche Theorie, falsche Politik


Haben die Bankenrettungspakete der Regierungen und die Niedrig-Zinspolitik sowie die Geldschwemme der Notenbanken die Finanzmarktkrise wirklich gelöst? Reichen neue, strengere Regeln aus, um künftig Finanzmarktkrisen zu verhindern oder müssen große Banken zerschlagen werden? Haben die Konjunkturprogramme die Weltwirtschaft wieder in die Spur gebracht oder bloß ein Strohfeuer entfacht?


Diese Fragen werden kontrovers diskutiert. Die Debatten könnten nicht geführt werden, gäbe es keine konkreten Vorstellungen hinsichtlich der geeigneten Voraussetzungen für reibungslos funktionierende Märkte. Dabei wird wiederum als selbstverständlich voraus-gesetzt, dass man weiß, wie Märkte funktionieren, um präzise zu sein, wachsende, prosperierende Märkte.

Ist das wirklich der Fall? Wird hier nicht eine für die Bewältigung der Krise grundlegende Frage voreilig als beantwortet übersprungen, weil man sie lediglich für richtig beantwortet hält?

Was ist, wenn die in der Tat seit Jahrzehnten mit schlafwandlerischer Sicherheit gegebene Antwort auf diese Frage falsch ist? Anders ausgedrückt, wie erfolgreich können neue Finanzmarktregeln und andere Maßnahmen zur Krisenbewältigung sein, wenn die Bauanleitung für das, was man erreichen will, nämlich gesunde, dynamisch prospe-rierende Märkte, gar nicht richtig ist?

Dann führen die ergriffenen Maßnahmen nicht zu den erwünschten Resultaten.

Darum soll es im Folgenden gehen.

Von der Überbewertung der Bedeutung der Finanzmärkte in der bisherigen Krisenbewältigungspolitik und damit verbundenen Fehlern

Die Lage auf den Finanzmärkten hat sich zwischenzeitlich etwas entspannt - allerdings nur so lange man bei einer oberflächlichen Betrachtung bleibt, wie sie der Öffentlichkeit präsentiert wird. Niemand sollte glauben, dass mit neuen Regeln für Boni und neuen Vergütungssystemen die Finanzmarktprobleme gelöst seien. Alle wesentlichen Fragen, welche die Klärung der tieferen Ursachen der Finanzmarktkrise betreffen, sind weiterhin ungelöst.

Aber wie wichtig sind die Finanzmärkte überhaupt, wie wichtig ist das, was beispielsweise an den Börsen geschieht, für das Wohl und Wehe der Wirtschaft?

Scheinbar sind die Finanzmärkte enorm wichtig.

Die Wirtschaft hat ihre eigenen Probleme, ihre eigene Krise. Doch merkwürdigerweise dominiert die Fieberkurve der Finanzmärkte die globale Stimmungslage absolut und das, obwohl sich die Entwicklung der Finanzmärkte weitgehend von der realwirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt hat. Die Börse führt uns dies seit Monaten vor. Geht es dem Patienten Finanzmarkt ein wenig besser, gerät es ob dieser Tatsache zur Nebensache, wie es um die Realwirtschaft steht. Letztere wird wie eine Art Suffix oder Wurmfortsatz der Finanzmärkte behandelt: Geht es mit den Finanzmärkten aufwärts, muss sich dies schließlich irgendwie auch in der Realwirtschaft positiv bemerkbar machen - was dann auch mit irgendwelchen neuen Fakten oder Umfragen rasch belegt wird. Tritt man einmal ein paar Schritte zurück und betrachtet die Szenerie aus der Distanz, dann entsteht dieser Eindruck.

Leider ist es mehr als nur ein Eindruck.

Die Finanzmärkte werden derart stark fokussiert, von den Notenbanken, der Politik und den Medien, dass es schon dem berühmten Tanz um das goldene Kalb gleicht - kein Wunder, dass sich Finanzmarktgrößen für die "Masters of the Universe" halten und sich auch so aufführen. Damit wird den Finanzmärkten für die globale Wirtschaft eine Bedeutung beigemessen, die sie nicht haben und nie hatten. Denn die Menschen auf diesem Globus leben nicht von Finanzanlagen und bunt bedruckten Scheinen aus Papier, die genau genommen lediglich ein technisches Hilfsmittel für die Abwicklung von Tausch-geschäften sind. Sie leben von Gütern und Leistungen, mit denen die globale, hochgradig arbeitsteilige und damit leider auch sehr anfällige Wirtschaft sie bisher zuverlässig versorgt. Die volkswirtschaftliche Aufgabe der Finanzmärkte ist die Geldversorgung der Wirtschaft. Brechen die Finanzmärkte ein, weil eine oder diverse Finanzmarktblasen platzen und in der Folge große Banken pleite gehen, weil sie sich in gigantischem Ausmaß verzockt haben, dann verlieren selbstverständlich nicht automatisch Währungen ihren Wert als Zahlungsmittel. Und auch die Güterversorgung wird infolgedessen nicht zwangsläufig zusammenbrechen, es sei denn, auch in der Realwirtschaft lagen bereits gravierende Probleme vor. Nein, "nur" die Infrastruktur für die Abwicklung von Geldströmen kollabiert und den Schaden haben zunächst die Finanzmarktakteure und natürlich die Anleger. Das wäre, je nachdem wie weitreichend der Zusammenbruch ist, sehr schlimm, zweifellos. Der Warentausch lässt sich auf ansonsten intakten Waren-märkten zur Not jedoch immer auch anders organisieren, freilich bei weitem nicht so effizient.

So wichtig die Finanzmärkte für die Geldversorgung der Wirtschaft und für die Abwicklung von Geldströmen auch sind, so wichtig ist es, die Relationen nicht aus den Augen zu verlieren: Wäre es nicht viel schlimmer, wenn zwar die Finanzmarktinfrastruktur intakt wäre, aber man mit Geld oder auch mit sonstigen Zahlungsmitteln nicht mehr die Güter bekommen könnte, die man benötigt, weil die Güterversorgung kollabiert ist?

Wenn das geschieht, es wäre eine Katastrophe und vor allem auch ein Zeichen dafür, dass, damit es soweit kommen konnte, in der Realwirtschaft selbst gravierende systemische Probleme vorgelegen haben müssen - ob sie nun wahrgenommen wurden oder nicht.

Aus diesem Grund ist es grotesk, wie sehr gegenwärtig die Bedeutung der Finanzmärkte in Relation zur Realwirtschaft hochgespielt wird - vor allem letztlich nur deswegen, damit Investmentbanker weiterhin das große Rad drehen können. Viel bedenklicher ist, dass in der Realwirtschaft, insbesondere auf globalen Märkten, trotz billionenschwerer Konjunkturpakete keine Anzeichen für eine solide, nachhaltige Besserung in Sicht sind, was darauf hindeutet, dass in der Tat ernste wirtschaftssystemische Probleme vorliegen. Doch das wird so gut wie gar nicht thematisiert. Die Regierungen haben sich mit viel Geld lediglich etwas Zeit erkauft, die sie für die Lösung der Probleme nutzen können und sollten, sich dabei aber potenziell, das heißt, sofern es nicht bald gelingt, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, neue schwerwiegende Probleme eingehandelt, bedingt durch die exorbitante Staatsverschuldung.

Tatsächlich haben sich die Voraussetzungen für die Bewältigung der Krise durch die bisher ergriffenen wie auch durch die bisher unterlassenen Maßnahmen der Regierungen weiter verschlechtert.

Möglicherweise liegt das daran, dass bei der Suche nach Erklärungen und Lösungen das Augenmerk bisher viel zu sehr auf die Finanzmärkte und die geldpolitischen Heraus-forderungen gerichtet wird. Eine solche Herangehensweise greift indes viel zu kurz, weil damit zentrale systemische Probleme der Finanzmärkte sowie vor allem der Realwirt-schaft ausgeblendet werden.

Denn wie auch immer man es dreht und wendet, es geht im Kern um Funktions-störungen der Marktwirtschaft, denn die Finanzmärkte sind ebenso wie die Realwirt-schaft marktwirtschaftlich organisiert. Vor diesem Hintergrund, dies muss man sich vor Augen führen, haben die Regierungen rund um den Globus vor allem dreierlei getan:

1. Sie haben unternehmerisches Versagen finanziell belohnt und

2. Unternehmen alimentiert, die auf Märkten tätig sind, die ihren Zenit überschritten respektive zu schrumpfen begonnen haben; das bedeutet nichts anderes, als dass in diesen Fällen, und es sind nicht wenige, das Grundprinzip der Marktwirtschaft, nämlich dass Unternehmen sich durch innovative Leistung auf Märkten behaupten müssen und damit zugleich zur dynamischen Entwicklung der Märkte sowie letztlich zu einer prosperierenden Gesamtwirtschaft beitragen, außer Kraft gesetzt. Sie haben den in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen und Banken ein goldenes Ruhekissen bereitet.

3. Sie haben es nicht nur zugelassen, sondern aktiv gefördert, dass eine Welle von Übernahmen und Fusionen auf ohnehin schon stark konzentrierten Märkten in Gang gekommen ist und noch größere Konzerne entstehen, während gleichzeitig über die "Too Big to Fail"-Problematik lamentiert wird. Sie haben mit anderen Worten grünes Licht dafür gegeben, dass sich die Unternehmenskonzentration noch ein Stück weiter auf monopolistische Verhältnisse zu bewegt und der Wettbewerb, der Motor der Marktwirt-schaft, abgewürgt wird - möglicherweise dauerhaft. Sie haben die Abhängigkeit der Gesamtwirtschaft von einzelnen Konzernen erhöht.

Wirklich schlimm daran ist, dass dies scheinbar nicht auf dem Radar der Ökonomen ist, wie die jüngste Welle optimistischer Wirtschaftsprognosen belegt. Denn ansonsten müssten die Prognosen weitaus pessimistischer ausfallen und es müsste vor allem Alarm geschlagen werden. Stattdessen ist es von dieser Seite - von einigen Ausnahmen abgesehen - vergleichsweise ruhig. Es herrscht offenbar überwiegend eine stille Zuver-sicht, dass nun die Selbstheilungskräfte des Marktes wieder zu wirken begonnen haben und alles gut wird.

Noch schlimmer ist, dass die Regierungen das Schiff auf diesem Kurs halten, der im Prinzip derselbe wie vor der Krise ist, entweder aus Überzeugung und jegliche warnenden Anzeichen ignorierend oder schlicht deswegen, weil sie keine Alternative haben - in Ermangelung alternativer Handlungsvorschläge oder weil sie nicht die Kraft und auch nicht wirklich die Macht dazu haben, den Kurs zu ändern.

Nichts hat sich geändert. Nicht das Verhalten der Finanzmarktakteure, nicht die Politik, nicht die Erklärungen der Ökonomen.

Es ist deswegen an der Zeit, eine Art analytische Bestandsaufnahme vorzunehmen und den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken, nämlich dass es bei der Bewältigung der Krise im Kern um marktwirtschaftliche Probleme geht, bevor das große Vernebeln, Verdrängen und Vergessen abgeschlossen ist, worauf Ökonomen und Politiker scheinbar angewiesen sind, um glaubhaft große Überraschung äußern zu können, wenn die Märkte wieder "verrückt spielen" und sich erneut auf rasante Talfahrt begeben.

Die These von den Selbstregulierungskräften des Marktes: Fehlerhafte theoretische Begründungen und wie sie die Wirtschaftspolitik beeinflussen

Was lehrt uns die Krise bisher?

Sie lehrt uns vor allem: Die Marktwirtschaft verfügt keineswegs über Selbstregulierungs- oder gar Selbstheilungskräfte.

Die Idee einer sich selbst regulierenden und selbsttätig Wachstum respektive Wohlfahrt generierenden Marktwirtschaft, die die liberale Wirtschaftstheorie seit Adam Smith prägte und ebenso den existenziellen Kern der modernen neoklassischen Wirtschaftstheorie bis in die Gegenwart hinein ausmacht, ist für die Erklärung der wirtschaftlichen Realität ungeeignet. Und dies war der Grund für die Sprach- und Ratlosigkeit der führenden Ökonomen, als die Wirtschaft nach der Lehman-Pleite zu einer rasanten Talfahrt startete und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu prophezeien, dass sie erneut sprach- und ratlos sein werden, wenn Finanzmärkte und Wirtschaft abermals in Richtung Keller rauschen.

Die wichtige Schlussfolgerung betreffend die Wirtschaftswissenschaften ist: Die klassische liberale wie auch die herrschende neoklassische Theorie können die Funktionsweise der Marktwirtschaft nicht erklären. Allerdings haben die Ökonomen selbst und auch die verantwortlichen Politiker über Dekaden geglaubt, sie könnten es. Daran hat sich bisher nichts geändert.

Das Resultat war und ist eine Politik, die auf falschen Annahmen gründet oder, wenn man so will, die das richtige Ziel vor Augen in die falsche Richtung gelaufen ist und aus diesem Grund bis in die Gegenwart hinein einen wirtschaftspolitischen Kurs verfolgt, der lediglich gemäß der herrschenden Theorie funktionierende Märkte, Wachstum und Wohlfahrt verspricht.

Ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde, denn tatsächlich haben wir etwas anderes bekommen: Wir sind in einer tiefen ökonomischen Krise gelandet, deren Ende nicht absehbar ist.

Das ist nicht überraschend, wenn man sich der grundlegenden Schwächen der liberalen und neoklassischen Theorien bewusst ist. Klar ist insofern aber auch, dass nur eine Wirtschaftstheorie den Weg aus der Krise weisen kann, welche die Funktionsweise der Marktwirtschaft zutreffend erklärt.

Wirtschaftspolitisch ergibt sich daraus notwendigerweise eine völlige Neuausrichtung. Denn de facto bedeutet es Abschied zu nehmen von zwei wirtschaftspolitischen Basis-konzepten, die bisher als konkurrierend betrachtet wurden und sich aus der neoklas-sischen bzw. der klassischen liberalen Wirtschaftstheorie ableiten, weil beide auf falschen Annahmen beruhen:

a) Neoklassische Wirtschaftstheorie, Marktwirtschaft und "funktionsfähiger Wettbewerb"

Es gibt wirtschaftsstrukturell gesehen keinen Idealzustand von Märkten. Das heißt, wenn man die möglichen Ausprägungen einer Reihe von Merkmalen vor Augen hat, mit denen Märkte beschrieben werden können (z. B. Anzahl, Größe und Marktanteile der Unter-nehmen, Marktschranken, Markttransparenz), dass es kein ideales Set von Marktmerk-malsausprägungen - vergleichbar mit einer Bauanleitung oder Rezeptur - gibt, welches sicherstellen kann, dass Märkte bzw. die Wirtschaft selbsttätig rund läuft und im Hinblick auf Wachstum und gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt optimale Ergebnisse zeitigt.

Eine solche Rezeptur könnte nur dann gefunden werden, wenn die Wirtschaft eine Kreis-laufwirtschaft wäre, in der also mit denselben Produktionsmitteln immerfort dieselben Produkte erzeugt werden, sprich wenn sie sich nicht entwickeln würde. Indem ideale Marktgegebenheiten definiert werden, schließen die Verfechter dieses Ansatzes wirtschaftliche Entwicklung aus. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man etwa an eine Fotografie denkt, die man von einer Sommerlandschaft macht. Das Foto wird nie etwas anderes zeigen. Die Landschaft wird damit als Sommerlandschaft definiert.

Doch ausgehend von dieser neoklassischen theoretischen Basis wird bisher angenommen, ein solches ideales Set an Merkmalsausprägungen lasse sich definieren. Mehr noch herrscht bisher und zwar schon seit den 60er Jahren die Überzeugung vor, man kennen die wesentlichen Ingredienzen dieser idealen Rezeptur, nach der die Wirtschaft selbsttätig Wachstum und Wohlfahrt generiert. Grundsätzlich wird bisher gemäß dieser Auffassung davon ausgegangen, dass zu den wichtigsten (marktstruk-turellen) Voraussetzungen dafür gehört, dass Märkte jeweils mit wenigen, sehr großen Unternehmen besetzt sind. Anders ausgedrückt: Unter diesen und weiteren Bedingungen läuft der Motor der Marktwirtschaft, also der Wettbewerb, selbsttätig rund und im Hinblick auf Wirtschaftswachstum optimal. In den Wirtschaftswissenschaften wird dabei von "funktionsfähigem Wettbewerb" gesprochen.

Diese Vorstellung liefert den theoretischen Hintergrund für eine Wirtschaftspolitik, die Großunternehmen fokussiert, das heißt, nicht nur günstige Rahmenbedingungen, sondern durchaus auch finanzielle Anreize für sie schafft, beispielsweise im Rahmen der Forschungsförderung. Es ist etwa bekannt, dass die Forschungsförderung primär Groß-unternehmen zugute kommt und die einzelnen Förderprogramme sogar oft inhaltlich auf deren Belange und Interessen zugeschnitten sind. Diese Auffassung liefert auch die theoretische Begründung, warum kleine und mittelgroße Unternehmen wirtschafts-politisch eher vernachlässigt werden. Und sie liefert die Begründung dafür, warum Mega- Fusionen und -Übernahmen selbst auf bereits hoch konzentrierten Märkten, auf denen ohnehin schon nur noch wenige, sehr große Unternehmen dominieren (z. B. Automobil-markt, Pharma, PC, Software, Luftfahrt, Telekommunikation, Banken), noch zugelassen werden.

b) Klassische liberale Wirtschaftstheorie, Marktwirtschaft und "freier Wettbewerb"

Die Alternative dazu leitet sich aus der klassischen liberalen Wirtschaftstheorie ab und heißt "freier Wettbewerb".

Einmal abgesehen vom noch stärker an die "vollkommene Konkurrenz" (Polypol) der neoklassischen Theorie angelehnten Ordoliberalismus (insb. W. Eucken) lassen sich nach dieser Auffassung hinsichtlich der Marktstruktur keine idealen Bedingungen definieren, weil der Markt als evolutionär angesehen wird (F. A. von Hayek) und sich  die Marktstruktur somit im Zeitablauf verändert (E. Hoppmann). Stattdessen gilt - ausgehend vom Glauben, Märkte seien selbstregulierend und prinzipiell wohlfahrtsgenerierend - als einzige Bedingung und Maß für eine prosperierende Marktwirtschaft, dass auf Märkten "Freiheit" herrscht. Das heißt, innerhalb des staatlich gesetzten Rahmens von Regeln können die Marktakteure frei agieren, staatlich unbeeinflusst ihre Ziele verfolgen und, so die Annahme, dieses individuelle Streben führt dann im Wettbewerb auf sich selbst-regulierenden Märkten selbsttätig zu einer - jedenfalls zumindest auf lange Sicht - prosperierenden Wirtschaft.

Typischerweise liegt der wirtschaftspolitischen Forderung nach Deregulierung von Märkten, einschließlich des Arbeitsmarktes, und einer Begrenzung staatlichen Handelns auf Ordnungspolitik (Rahmensetzung) die liberale Theorie zugrunde, denn ihr geht es um freie - also staatlich unbeeinflusste - Entfaltung der Marktkräfte. Eine unternehmens-größenspezifische Fokussierung der Wirtschaftspolitik lässt sich aus der liberalen Theorie indes nicht ableiten. Kleine und mittelgroße Unternehmen werden deswegen zumindest prinzipiell nicht gegenüber Großunternehmen benachteiligt. Subventionen sind gemäß dieser theoretischen Auffassung grundsätzlich als wettbewerbsverzerrend abzulehnen. Bürokratieabbau ist hingegen wünschenswert, denn auch er trägt zu einem größeren Maß an Freiheit der Wirtschaft bei.

Diese liberale Grundorientierung ist für die Wirtschaftspolitik allerdings ebenfalls ungeeignet, weil sich die Freiheitsrelationen zwischen den Wirtschaftssubjekten im Zeitablauf allein schon aufgrund der Marktentwicklung mitunter stark ändern - zum Teil notwendigerweise - und zwar in Abhängigkeit vom Markterfolg. Zudem werden die Marktakteure immer auch nach Wegen suchen, die Regeln zu umgehen und den Wettbewerb auszuschalten, um eine einmal erreichte Marktposition zu halten. Man denke beispielsweise an den Markt für PC-Software (Microsoft), an den für Computer-prozessoren (Intel) oder auch an die Schmiergeldaffäre bei Siemens. Es ist deswegen, das heißt sowohl aus Gründen der Marktentwicklung (Wandel der Marktstruktur) als auch bedingt durch Verhaltensänderungen, nicht möglich, ein Set von Regeln und Rahmen-bedingungen festzulegen, das freie Märkte, freien Wettbewerb und eine prosperierende Wirtschaft dauerhaft sicherstellen kann. Sind Märkte verkrustet, gibt es also keinen freien Wettbewerb mehr, beispielsweise marktstrukturell bedingt, dann lässt sich dieses Problem allein mit Regeln und Rahmensetzung nicht beheben. Genau dieses Problem stellt sich für Teilbereiche der Finanzmärkte aktuell, weswegen der Vorschlag geäußert wird, Großbanken zu zerschlagen. Rahmenbedingungen sollen der Wirtschaft zudem Verlässlichkeit bieten und so stabilisierend wirken. Häufige Anpassungen und kurzfristige Änderungen von Regeln laufen diesem Ziel zuwider.

Beide Ansätze weisen exakt denselben grundlegenden konzeptionellen Fehler auf. Man findet ihn, wenn man danach fragt, was gemäß der liberalen und der neoklassischen Theorie Selbsttätigkeit bzw. Selbstregulierung der Märkte bewirken soll?

Die Antwortet lautet: Der Wettbewerb.

Wettbewerb, Innovation und selbstregulierende Märkte

Die wichtigste und stärkste regulierende Kraft auf Märkten ist nicht der Staat, der Regeln vorgibt und über deren Einhaltung wacht, sondern der Wettbewerb. Er soll auf Märkten im Idealfall für eine dynamische Machtbalance zwischen den Akteuren sorgen, was nichts anderes als Wahrung der prinzipiellen Chancengleichheit bedeutet.

Wettbewerb wird in der modernen Theorie als Prozess gedacht, der wie folgt funktioniert. Er wird angestoßen durch die Innovation eines Unternehmens. Diese Innovationsleistung begründet einen Wettbewerbsvorsprung vor den Konkurrenten und ist Basis für einen größeren Markterfolg des Innovators, weil dessen überlegenes Angebot mehr Nachfrage auf sich ziehen wird. Die Konkurrenten verlieren infolgedessen Marktanteile und sind deswegen, wollen sie auf Dauer nicht ihre Existenz gefährden, dazu gezwungen, möglichst rasch mit ähnlichen verbesserten Angeboten nachzuziehen, um so Nachfrage-anteile zurückgewinnen zu können. Dazu haben sie zwei Möglichkeiten: Sie können entweder ein Nachahmerprodukt erstellen oder selbst mit einem neuen Produkt, also einer Innovation, auf den Markt gehen.

Diese Gegenbewegung führt in theoretischer Perspektive dazu, dass der Innovator seinen Vorsprung mit der Zeit wieder einbüßt, weil die übrigen Wettbewerber wieder mit ihm gleichziehen. Die moderne liberale Theorie ("freier Wettbewerb") wie auch die neoklas-sische Theorie ("funktionsfähiger Wettbewerb") gehen davon aus, dass dieser Prozess sich unendlich fortsetzt, immer auf dieselbe Weise abläuft, immer neue Innovationen hervorbringt und somit fortlaufend Wohlfahrtssteigerungen bzw. Wirtschaftswachstum generiert.

Entscheidend sind für beide Theoriestränge die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit dieser Wettbewerbsprozess immerfort in der beschriebenen Weise abläuft.

Sie wurden bereits genannt:
  • Neoklassisch gesehen ("funktionsfähiger Wettbewerb") ist es ein bestimmtes Set an Marktmerkmalsausprägungen, insbesondere eine geringe Anzahl sehr großer Wettbewerber;
  • gemäß der modernen liberalen Wirtschaftstheorie ("freier Wettbewerb") sind die Marktmerkmalsausprägungen irrelevant. Einzige Voraussetzung ist, dass die Märkte und somit die Marktteilnehmer frei sind.
Das heißt also, dass die These von den Selbstregulierungs- und Selbstheilungskräften des Marktes genau genommen bedeutet, dass der Wettbewerbsprozess unter bestimmten Voraussetzungen selbsttätig und in immer gleicher Weise abläuft.

Und es lässt sich weiter präzisieren, dass die These von der sich selbst regulierenden und Wachstum bzw. Wohlfahrtssteigerungen generierenden Wirtschaft letztlich nicht auf den Wettbewerbsprozess an sich, sondern darauf zurückzuführen ist, dass diesem die Fähigkeit zugeschrieben wird, immerfort Innovationen hervorzubringen, die entweder unbegrenzt Wachstum ermöglichen (Neoklassik, "funktionsfähiger Wettbewerb") oder schlicht anhaltend wirtschaftliche Entwicklung (Klassik, "freier Wettbewerb").

Innovationen sind somit in der klassischen wie auch der neoklassischen Sicht sowohl der Antrieb als auch das Resultat des Wettbewerbsprozesses.

Insofern ergibt sich für beiden Theoriewelten folgender zentraler Zusammenhang:
  1. Die These vom selbsttätig und in immergleicher Weise ablaufenden Wettbewerbs-prozess - Wettbewerb als "Motor" der Marktwirtschaft - und
  2. die These, Innovationen seien die Ursache dafür, dass der Wettbewerbsprozess in Gang gehalten wird - Innovationen als das "Benzin" für den "Motor" - führen
  3. zur These, dass der Wettbewerbsprozess selbsttätig und immerfort zu Wohlfahrtssteigerungen bzw. Wachstum führt: Motor + Benzin = Leistung (Entwicklung/Wachstum).
Während also die in der neoklassischen Theorie verankerte Vorstellung vom Wettbewerb davon ausgeht, über die Veränderung der Konstellation und Ausprägung von Markt-merkmalen ließe sich der "Motor" in einer Art "Feintuning" auf höchste Leistung (Innova-tionsoutput bzw. Wirtschaftswachstumsrate) bringen, gehen die Verfechter der klassischen Sicht des Wettbewerbs davon aus, dass ein solches "Feintuning" weder möglich noch wirklich erforderlich ist. Es reicht nach ihrer Auffassung völlig aus, die richtigen Regeln und Rahmenbedingungen für die Marktteilnehmer zu setzen und auf deren Einhaltung zu achten, weil so Freiheit und Chancengleichheit der Marktakteure gewährleistet werden und damit genügend Innovationsanreize gegeben sind, so dass sich ein freier, wohlfahrtssteigernder Wettbewerb entfalten kann.

Das Problem: Es wird dabei in keiner Weise berücksichtigt, dass Märkte neu entstehen, reifen, das heißt schlicht altern und auch "sterben" können. Es ist vor diesem Hintergrund schlicht undenkbar, dass die Entwicklung von Märkten ohne Konsequenzen für den Wettbewerbsprozess und das Innovationsverhalten der Marktakteure bleiben soll.

Wie unrealistisch das Marktverständnis ist, das diese beiden Theorien geprägt haben, lässt sich veranschaulichen, wenn man noch einmal die oben verwendete Metapher vom Foto von der Sommerlandschaft aufgreift: Die neoklassische Theorie ("funktionsfähiger Wettbewerb") empfiehlt der Wirtschaftspolitik als Ziel eine ewige Sommerlandschaft und gibt "geeignete" Orientierungen, wie dies zu erreichen ist. Die klassische liberale Theorie ("freier Wettbewerb") lehnt jegliche Zielvorstellung wie auch jegliche Zielsetzung ab und empfiehlt der Wirtschaftspolitik stattdessen, blind auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes zu vertrauen, das heißt darauf, dass der Wettbewerbsprozess von einem nie endenden Strom von Innovationen angetrieben wird. So lange "Freiheit" gewährleistet ist - "Freiheit", wie sie die Theorie definiert und misst -, so lange wird der Wettbewerb, die "Invisible Hand", immer alles richten und dafür sorgen, dass sich die Märkte fortlaufend weiterentwickeln und die Gesamtwirtschaft prosperiert. Auf lange Sicht wird alles gut.

Es ist evident, dass der unterstellte Zusammenhang (Motor + Benzin = Leistung bzw. Wachstum) von den Abweichungen zwischen klassischer liberaler und neoklassischer Theorie hinsichtlich der Voraussetzungen für wirksamen wohlfahrts- bzw. wachstums-steigernden Wettbewerb nicht berührt wird.

Was das Marktverständnis anbelangt, so besteht zwischen den beiden konkurrierenden Auffassungen folglich nur hinsichtlich der Voraussetzungen für einen sich selbst tragenden, Wachstum generierenden Wettbewerb bzw. für eine reibungslos funktio-nierende, prosperierende Marktwirtschaft ein Unterschied.

Falsche Theorie, falsche Politik

Genau das ist das Problem, das gegenwärtig - wie oben angesprochen - Ökonomen und Politikern möglicherweise den Blick darauf verstellt, dass die tiefere Ursache der Finanz-markt- wie auch der Wirtschaftskrise eben nicht die Gier der Manager und auch nicht darin zu suchen ist, dass die Voraussetzungen für funktionierende Märkte, so wie sie  die klassische bzw. neoklassische Theorie definieren, nicht erfüllt sind. Im Gegenteil, beide Ansätze sind vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Wirtschaftssituation falsch.

Vielmehr sind es die dargelegten grundlegenden Annahmen beider Wirtschaftstheorien betreffend die Funktionsweise wettbewerblicher Märkte, die erst zu den Problemen geführt haben. Denn die Erklärung der Funktionsweise von wirksamem, wachstums- und entwicklungstragendem Wettbewerb ist falsch.

"Freier Wettbewerb" wie auch "funktionsfähiger Wettbewerb" führen, wenn die dafür definierten Voraussetzungen erfüllt sind in der Realität eben nicht, wie in den Theorien unterstellt, zu einer selbstregulierenden, reibungslos funktionierenden und wachsenden Wirtschaft.

Weil sich die Wirtschaftspolitik jedoch seit mehreren Dekaden daran orientiert hat - es spielt, wie dargelegt, keine Rolle, ob an der einen oder der anderen Theorie -, mussten sich früher oder später auf den Märkten Funktionsmängel einstellen. Das wäre auch ohne das Platzen der Immobilienblase und ohne die Lehman-Pleite geschehen. Die Finanz-marktkrise hat lediglich als Katalysator gewirkt und die Entwicklung beschleunigt.

Die Krise deckt folglich auf, dass beide Theorien den Praxistest nicht bestanden haben - nicht in der Realwirtschaft, nicht auf den Finanzmärkten. Sie bieten anders als bisher angenommen keine geeignete Orientierung für die Wirtschaftspolitik und auch nicht für die Suche nach Wegen aus der Krise. Die Regierungen haben anders ausgedrückt Billionen von Dollar aufgewendet, um die verfehlte Vorstellung davon, wie Märkte funktionieren, zu retten.

Funktionierende Märkte haben und werden sie nicht dafür bekommen.

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