Sonntag, 21. März 2010

Erste und zweite Weltwirtschaftskrise: Andere Situation, andere Maßnahmen, aber dieselben Fehler - History repeating?


Die Krisen-Akteure sind dabei, dieselben Fehler wie in der ersten Weltwirtschaftskrise zu machen, sage ich. Die Akteure selbst sind überzeugt, dass sie genau das nicht tun. Schließlich haben die Notenbanken die Zinsen gesenkt und die Märkte mit Geld geflutet und die Regierungen riesige keynesianische Konjunkturprogramme aufgelegt. Sie haben also getan, was aus heutiger Sicht seinerzeit fälschlicherweise unterlassen worden war.

Zweifellos haben die Maßnahmen einen noch tieferen Absturz der Märkte verhindert und auch eine gewisse Stabilisierung erreicht - zumindest so lange die ergriffenen Maßnahmen aufrecht erhalten werden. Was aber geschieht, wenn die Konjunkturmaß-nahmen ausgelaufen sind und die Notenbanken damit beginnen, die Liquidität von den Märkten wieder abzusaugen und ihren Leitzins wieder anzuheben? Trotz historisch beispielloser Interventionen gibt es noch immer keine nachhaltige wirtschaftliche Erholung. Nach wie vor gibt es große Sorgen hinsichtlich der Gefahr einer Kreditklemme. Andererseits ist die Kreditnachfrage gering, was nicht dafür spricht, dass die Firmen wieder zu investieren bereit sind. Auf den Finanzmärkten wird wieder gezockt wie vor der Krise, aber in der Realwirtschaft herrscht eine bleierne Zurückhaltung.

Das ist nicht wirklich überraschend. Denn im Bestreben, die geld- und wirtschaftspoli-tischen Fehler der ersten Weltwirtschaftskrise nicht zu wiederholen, wurde übersehen, dass sich die aktuelle Krisensituation trotz vieler Ähnlichkeiten erheblich von der damaligen unterscheidet. Es kommt natürlich darauf an, anhand welcher Kriterien man Vergleiche anstellt. In jedem Fall waren die Folgen des ersten Weltkriegs und der kommende zweite Weltkrieg für den Verlauf der damaligen Entwicklung wesentlich. Eine globale, hochgradig arbeitsteilige und vernetzte Weltwirtschaft sowie hoch entwickelte, computerisierte Finanzmärkte gab es damals nicht. Es gab auch keine solch großen Konzerne wie heute, etwa im Bankensektor, deren Bilanzsumme mitunter das Brutto-inlandsprodukt so mancher Staaten (z. B. Schweiz, Island) übersteigt und die für nahezu alle global bedeutsamen Märkte kennzeichnend sowie für das Geschehen auf diesen Märkten absolut prägend sind. Und nie zuvor gab es auf einer so großen Zahl von Märkten derart ausgeprägte Sättigungsmerkmale.

Dieselben Fehler wie damals zu machen bedeutet deswegen etwas ganz anderes als Maßnahmen, die rückblickend als falsch bewertet wurden, heute schlicht nicht zu wiederholen. Denn es ist eine vom ökonomischen Mainstream und dem Modell der Kreislaufwirtschaft bzw. der entwicklungslosen Wirtschaft geprägte Denkweise, Maßnahmen seien entweder generell richtig oder grundsätzlich falsch. Es bedeutet vielmehr, dass genau wie damals die Situation völlig unzureichend analysiert wurde. Es bedeutet deswegen auch, dass eine echte Problemlösung gar nicht entwickelt werden konnte bzw. kann. Stattdessen wurde und wird wieder experimentiert und das heißt heute wie damals: Es werden bekannte anerkannte Konzepte angewendet, ohne ihre Wirksamkeit in der konkreten Situation korrekt beurteilen zu können - wie sollte das auch gehen, ohne die Krise verstanden und zutreffend erklärt zu haben?

Man schaut einfach in den Medikamentenschrank und probiert es mit der "Medizin", die sich darin befindet und die irgendwann einmal erfolgreich war. Warum sie einmal erfolgreich war, in der ersten Weltwirtschaftskrise, im Nachkriegsdeutschland (Erhards` liberale Wirtschaftspolitik) oder im Deutschland der späten 60er Jahre (Schillers` Keynesianismus) und dann wieder scheiterte, darüber wurde nie Klarheit hergestellt. Dafür reicht die herrschende ökonomische Theorie ebenso wie Keynes auch gar nicht aus. Entwicklungsunterschiede von Märkten und Volkswirtschaften kommen darin gar nicht vor und doch sind es gerade diese, die bei der Auswahl und Wirksamkeit der "Medizin" eine zentrale Rolle spielen. Insofern ist der Verweis auf die früheren Erfolge der jeweiligen "Medizin" irreführend. Die möglichen Konsequenzen dieses Vorgehens werden jedoch entweder nicht gesehen oder ignoriert.

In der ersten Weltwirtschaftskrise hatte man Keynes lange Zeit ignoriert, weil er für den liberalen ökonomischen Mainstream ein Ketzer war, jemand, der die wirtschaftliche Realität anders erklärte und den man nicht akzeptieren konnte und wollte. Das gilt in gleicher Weise für die mainstreamgläubige Politik. Er hatte am Ende nur deswegen Erfolg, weil der liberale Mainstream ein totales Desaster erlitt und der Handlungsdruck in der Politik es unausweichlich werden ließ, andere Lösungskonzepte auszuprobieren.

Weil Keynes erfolgreich war, hat die Politik heute beim Griff in den Medikamenten-schrank auch die Wahl zwischen der liberalen und der keynesianischen Erklärung der Realität bzw. "Medizin" oder einer Kombination von beiden. Alles, was dieser Schrank hergibt, alles Bewährte und allgemein Anerkannte, wurde aktuell bereits ausprobiert. Dass sich die richtige "Medizin" wieder einmal, das heißt, wie damals Keynes, gar nicht im Medikamentenschrank befinden könnte, wird völlig ausgeblendet.

Es ist insofern absehbar, dass sich die Probleme erst weiter zuspitzen müssen, die Politik noch erheblich stärker unter Druck geraten muss, bevor - nicht nach gründlicher Analyse, sondern schlicht aus der Not heraus - außerhalb des Medikamentenschranks hektisch nach Erklärungen und wirksamen Mitteln gesucht oder besser gesagt weiter experimentiert wird, so wie damals. Die Märkte wie auch die Politiker wissen längst, dass sie bald dazu gezwungen sein könnten. Deswegen herrscht eine solch große Nervosität.

Es sind die Denk- und Verhaltensweisen der Verantwortlichen in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und, ja, auch der Gesellschaft (wir werden es bei kommenden Wahlen sehen), die sich wiederholen und deren Wechselwirkungen erneut dieselben Probleme herauf-beschwören (z. B. auch, dass es aufgrund einer fortschreitenden Zersplitterung der Parteienlandschaft immer schwerer wird, regierungsfähige Mehrheiten zu finden).(1)

Doch im Unterschied zu damals sind Finanzmärkte und Realwirtschaft eben hochgradig vernetzt und viele Volkswirtschaften von den globalen Märkten abhängig. Das kann und wird dazu führen, dass die globalen Märkte abrupt und zudem massiv einbrechen, um 20, 30 oder mehr Prozent. Das ist so, als würde eine Reihe von gesättigten Märkten kollektiv über die Klippe gehen und das wird so manche Volkswirtschaft - je nach Abhängig-keitsgrad - sehr hart treffen. Die Pleite von Lehman Brothers hat dies schon deutlich werden lassen und es gibt, auch wenn Bankenrettungs- und Konjunkturbillionen dies bisher noch übertünchen können, nach wie vor dieselben alten Probleme, zusätzlich aber mittlerweile so viele neue Krisenherde, dass man gut beraten ist, sich nicht in Sicherheit zu wiegen. Die Gefahr einer Depression ist durchaus real.

Der Druck auf Ökonomen und vor allem Politiker, überzeugende Analysen und Lösungs-konzepte zu liefern, ist gegenwärtig zu schwach. Und darum geht noch immer alles so weiter wie bisher oder: wie damals. Welchen konkreten Verlauf die Krise in Anbetracht derselben Denk- und Verhaltensfehler dieses Mal nimmt, lässt sich schwer abschätzen. Die Entwicklungsrichtung ist indes sehr wohl erkennbar und es ist überaus beunruhigend, dass niemand in Sicht ist, der in der Lage wäre, diesen ungebremst dahinrasenden Zug zu stoppen oder in eine andere Richtung zu lenken. Die entscheidende Frage aber, wann es zu dem oben angesprochenen Absacken der Märkte kommt und wie tief der Absturz letztlich sein wird, lässt sich nicht beantworten. Genau das ist das Problem. Weil die gängigen ökonomischen Theorien blind sind für viele bedeutsame Aspekte und sich schwerlich überzeugend belegen lässt, wann ein solcher Fall eintritt, wird auch keine Notwendigkeit erkannt zu handeln, um zu verhindern, dass er eintritt.

Das politische System ist bereits in der Krise, selbst wenn die Politiker das noch nicht wahrhaben wollen. Die Macht und Glaubwürdigkeit der etablierten Parteien erodiert schnell und es ist deswegen absehbar, dass es bald Schwierigkeiten geben wird, regierungs- und handlungsfähige Mehrheiten zu finden. Wie einst in der Weimarer Republik könnte eine politische Lähmung eintreten. Diese Phase der politischen Lähmung lässt sich dann nur von einer politischen Kraft überwinden, die ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung genießt, von Politikern also, die als authentisch und überzeugend wahrgenommen werden. In der Konsequenz könnte dies eine Gegen-bewegung erzeugen, nämlich in Richtung politischer Machtkonzentration. Was dann aber letztlich zählt, ist der Erfolg, das heißt, eine Trendwende sowie eine anhaltende Erholung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes zu erreichen.

Insofern kommt es doch wieder auf das Lösungskonzept an. Keynes` Konzept ist in der ersten Weltwirtschaftskrise aufgegangen, auch nochmals in den späten 60er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland (Karl Schiller), zumindest anfangs. In beiden Fällen, wie im Übrigen auch im Nachkriegsdeutschland (Ludwig Erhards` liberale Wirtschaftspolitik), war das signifikant andersartige Lösungskonzept auch die Basis für den politischen Erfolg. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es dieses Mal anders sein sollte. Und das Lösungskonzept war erfolgreich, weil es der jeweiligen wirtschaftlichen Problemlage gerecht wurde. Davon kann gegenwärtig keine Rede sein. Das Problem der Politik ist, dass sich die aktuelle wirtschaftliche Problemlage wesentlich von den zuvor genannten unterscheidet und deswegen weder die liberale noch die keynesianische Erklärung bzw. die daraus abgeleitete "Medizin" weiterhilft. Die aktuelle Situation der Politik ist in diesem Punkt jedoch wieder vergleichbar mit der in den 20er/30er Jahren, das heißt: Die Überwindung der gegenwärtigen Krise setzt so wie damals ein neues ökonomisches Paradigma, eine neue Sicht und Erklärung der wirtschaftlichen Realität voraus.

Die politischen Parteien haben es infolgedessen in der Hand, ob sich die Geschichte in ähnlicher Weise wiederholt. Das muss nicht so sein, wenn sie vorausschauend, offen und flexibel genug sind, nach einem neuen, tragfähigen wirtschaftspolitischen Paradigma zu suchen und es dann auch offensiv vertreten. Sie sollten sich damit jedoch besser nicht zu lange Zeit lassen.

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