Sonntag, 17. Juli 2016

Putschversuch in der Türkei schlägt Brexit: Von der Kurzlebigkeit der Nachrichten an den Börsen und dem Blick aufs große Krisenbarometer


Der Putschversuch in der Türkei ist gescheitert. Ganz sicher hätte ein gelungener Putsch den Wochenauftakt an den Börsen turbulent ausfallen lassen. Dazu wird es nun nicht kommen. Doch das Scheitern der Putschisten und Erdogans Antwort darauf haben die Sicht auf die Türkei als Land und als Investitionsstandort quasi über Nacht verändert. Diese neue Unsicherheit dürfte an den Finanzmärkten sehr wohl ein Thema sein und bleiben.

Präsident Erdogan ist kein Garant für Stabilität der Türkei

Denn wie der Putschversuch belegt, ist Präsident Erdogan keineswegs eine Garantie für die künftige Stabilität und sichere Verhältnisse für Investoren in der Türkei. Zwar mag seine Macht nun stärker sein als zuvor, was politisch für klare Verhältnisse sorgt. Doch Erdogan selbst ist ein Quell der Unberechenbarkeit und Unsicherheit. Seine Marschrichtung für die Türkei ist vollkommen klar und zu stoppen ist er nun auch nicht mehr.
Die Türkei verwandelt sich unaufhaltsam in einen Staat, in dem Demokratie nicht mehr viel zählt, die Religion, der Islam, dagegen sehr viel und der Wille Erdogans noch sehr viel mehr. Das Land ist nicht mehr auf dem Weg zur Europäischen Union, sondern dürfte im Gegenteil schon bald ein gar kein europäisch geprägtes Land mehr sein. Die Transformation der Türkei ist sicher, weil der Aufstand gegen Erdogan in der Bevölkerung keine Unterstützung gefunden hat. Erdogans Rückhalt in der Bevölkerung ist offensichtlich sehr groß und das ist für ihn eine Blankovollmacht, seine politischen Vorstellungen Realität werden zu lassen.

Ein weiterer politischer Rückschlag für die EU

Erdogans innenpolitischer Triumph ist eine Sache. Die außenpolitische Folgen und die wirtschaftlichen Perspektiven der Türkei eine andere. Die wirtschaftliche Erfolgsstory des Landes als aufstrebendes Schwellenland hat einen erheblichen Knacks bekommen. Erdogan ist auf dem besten Wege, das Land politisch zu isolieren. Er ist ein launischer Herrscher. Nicht nur die EU wird künftig bei Erdogan auf Granit beißen. Ihn zu hofieren, macht die Sache auch nicht besser.
Nimmt man das größere Ganze in den Blick, so könnte man die folgende Zwischenbilanz für die Europäische Union ziehen: Die Zahl ihrer politischen Misserfolge steigt in erschreckendem Tempo. Die Austeritätspolitik hat einen Spaltkeil in die EU getrieben und die Ungleichgewichte vergrößert. Die Ukraine ist inzwischen praktisch ein gescheiterter Staat. Die Niederländer haben im Referendum das Assoziierungsabkommen der EU mit diesem Land gestoppt. Die Flüchtlingspolitik hat die Risse innerhalb der EU noch vergrößert und dazu beigetragen, die Briten aus der EU zu treiben. Das Brexit-Votum wiederum hat gezeigt, wie anfällig das europäische Bankensystem noch immer ist und die Türkei ist nach Erdogans Sieg über die Putschisten und über seine Gegner für die EU politisch de facto unerreichbar geworden.

Das globale Krisenbarometer zeigt nichts Erfreuliches

Sieht man über die EU hinaus, lässt sich festhalten, dass die Zahl der potenziellen Krisenherde nicht geringer geworden, sondern weiter gestiegen ist. China bleibt aufgrund des sich abschwächenden Wachstums und der Verschuldungsprobleme ebenso wie Japan aufgrund der nach wie vor wirkungslosen Abenomics auf der Liste. Großbritannien und die EU sind hinzugekommen, das europäische Bankensystem steht erneut darauf. Brasilien steuert wirtschaftlich und politisch immer tiefer ins Chaos. In den USA sind nicht nur die immer wieder aufflammenden sozialen Spannungen Besorgnis erregend, sondern auch die von vielen geäußerten Zweifel an der Robustheit der US-Wirtschaft und am Höhenflug der US-Börsen. Die Liste ließe sich fortsetzen. In immer mehr Industrieländern ergibt sich eine politische Pattsituation, die das Regieren schwierig macht. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt.
Der Putschversuch in der Türkei und seine Folgen haben schlagartig den Brexit als dominierendes Thema ebenso wie Italiens Problembanken in den Hintergrund gerückt. Die Turbulenzen an Chinas Börsen sind Schnee von vorgestern. Doch das ist nur wieder einmal ein Beispiel dafür, wie rasch ungelöste Probleme und Krisen unter die Wahrnehmungsschwelle rutschen. Ein Krisenbarometer gibt es leider nicht. Gäbe es eins, es würde uns wohl anzeigen, dass sich der Zeiger immer noch im Krisenbereich befindet und weiter nach unten bewegt – dem Höhenflug an den Börsen zum Trotz ….

Kommentare:

  1. Vielleicht will Erdogan web Von NATO und EU? Vielleicht neigt er zu Russland, China, Iran etc?

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    1. Hallo Levan,

      in jedem Fall ist der Streit mit Russland aus der Welt geschafft. Erdogan war in Moskau und hat sich für den Abschuss des russischen Jets entschuldigt und Moskau hat die Sankionen gegen die Türkei aufgehoben.

      Ich vermute, Erdogan wird eine ambivalente Außenpolitik betreiben. Er wird auf seine Vorteile bedacht sein. Die NATO ist für ihn eine Rückversicherung gegen Russland und schützt ihn vor allzu großme Druck aus dem Westen. Jedenfalls so lange der IS ein Problem darstellt.

      Mit der EU ist es ähnlich. Das Geld für die Flüchtlinge nimmt er, aber was die EU dafür wirklich bekomt, steht auf einem anderen Blatt.

      Entscheidend wird wahrscheinlich sein, wie sich die Wirtschaft in der Türkei nun weiter entwickelt und wie sich die neuen politischen Ereignisse und Konsequenzen derselben auf ausländische Investoren auswirken.

      Viele Grüße
      SLE

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  2. "Präsident Erdogan ist kein Garant für Stabilität der Türkei"

    Nicht nur für die Türkei ist er ein Destabilitätsfaktor, denn dieses Wendespielchen hatten wir schon einmal. Dieser Mann neigt wohl ebenfalls dazu die Leute gegeneinander auszuspielen. Man erinnere sich an die Pipeline Geschichte während der Ukraine Krise, als die USA so verärgert waren, als sie den Gastransfer Rußlands nach Europa, via die Ukraine meinten erfolgreich destabilisieren / kontrollieren zu können, und als Erdogan es Rußland dann gestattete eine Pipeline durch die Türkei Richtung Europa zu bauen, er dann aber nach einer Weile doch wieder einen Rückzieher machte.

    Andererseits spielen derzeit Alle Herren dieser Welt dieses Spielchen, bis es dann mal schief geht. Irgendwann wird aus diesem ständigen reagieren auf Etwas mal eine Kettenreaktion. Wenn man bedenkt was für Charaktere hinter diesen Staatsführern stecken müssen, um solche Hinterhältigen gefährlichen Spielchen zu spielen, dann gute Nacht liebe Welt.

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  3. Ein Interessante Aspekt http://file.scirp.org/pdf/TEL_2016071914255648.pdf

    Gruß

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