Freitag, 24. Februar 2012

In der Wachstumsfalle - Griechenland & Co. (Teil 1): Wachstum und Entwicklung

Vorwort
Griechenland befindet sich auf einer massiven wirtschaftlichen Talfahrt. Die Austeritätspolitik, zu der nicht nur Griechenland, sondern auch alle anderen europäischen Schuldenstaaten verpflichtet worden sind, wird mehr und mehr als krisenverschärfend erkannt. Die Erkenntnis, dass es ohne wirtschaftlichen Aufschwung für diese Schuldenstaaten keinen Ausweg aus der Krise geben wird, andererseits aber ein erfolgversprechendes „Wachstumskonzept“ fehlt, tritt immer mehr in den Vordergrund der Debatte um die Krisenbewältigung.
In mehreren Aufsätzen möchte ich mich mit diesem Thema befassen. Im ersten Teil geht es um Grundsätzliches, nämlich um das Problemverständnis selbst, das heißt, um die Perspektive, aus der die Wirtschaftskrise in den Schuldenstaaten und die Aufgabe der Bewältigung derselben wahrgenommen wird.
Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern entscheidend. Denn nach dem Einbruch der Finanzmärkte und der Weltwirtschaft im Jahr 2008 hat sich gezeigt, dass solche grundsätzlichen Fragen völlig vernachlässigt worden sind. Die nicht beseitigten gravierenden Erklärungsdefizite, die nicht gründlich herausgefilterten Ursachen sowie die deswegen nach wie vor ungelösten Probleme haben uns mittlerweile wieder eingeholt. Neue, nämlich insbesondere die Staatsverschuldung, sind hinzugekommen.
Die wirtschaftliche Misere der Schuldenstaaten in Europa muss in diesem Gesamt-zusammenhang gesehen und gelöst werden. Der Fall Griechenland etwa kann nicht mit chirurgischer Präzision herausgeschnitten und isoliert gelöst werden. Im Wege einer euphemistisch als „pragmatisch“ zu bezeichnenden, tatsächlich jedoch schlicht experimentellen Herangehensweise, wird sie diese wirtschaftliche Krise nicht zu lösen sein. Das war der Weg, der nach der Lehman-Pleite beschritten wurde, nicht zuletzt deswegen, weil die Finanzkrise gezeigt hat, dass die Theorien und Modelle der Ökonomen versagt haben.
An dieser Ausgangslage hat sich nichts geändert und darum ist es besonders wichtig, den ökonomischen Rat bezüglich der Handhabung der Wirtschaftskrise von Griechenland & Co. zu hinterfragen. Das soll im Folgenden geschehen.

Wirtschaftswachstum und wirtschaftliche Entwicklung
Wachstum ist ein eindimensionaler Prozess mit quantifizierbaren, messbaren Ergebnissen, die ein positives oder negatives Vorzeichen tragen können. Entwicklung ist ein mehrdimensionaler Prozess. Aufgrund seiner Mehrdimensionalität kann es keine einzelne Messgröße geben, die ihn treffend bewertet.
Beide Begriffe kann man auch auf den Menschen anwenden und, wenn man das zu Verdeutlichungszwecken einmal tut, dann lässt sich leicht nachvollziehen, worin der Unterschied besteht. Die Entwicklung eines Menschen schließt dessen (Größen-) Wachstum mit ein, ist aber ein viel umfassenderer Begriff und meint deswegen auch etwas ganz anderes. Auf die Wirtschaft angewendet, ist es dasselbe. Wachstum darf also definitiv nicht als Synonym für Entwicklung missverstanden werden.
Damit ist der grundsätzliche Unterschied vielleicht am besten auf den Punkt gebracht.
Geht es um die Wirtschaftskrise in den europäischen Schuldenstaaten, so fällt auf, dass seit Beginn der griechischen Schuldenkrise Ende 2009 so gut wie gar nicht über Entwicklung geredet wird, sondern fast ausschließlich über Wachstum – soweit es überhaupt schon darum geht, denn bisher ging es nur um Haushalts- und Finanzierungsfragen.
Das hat natürlich etwas mit der herrschenden wirtschaftstheoretischen Basis zu tun, die die Denk- und Sprachregelung für die Debatte über die Krise und ihre Bewältigung determiniert. Die herrschende neoklassische Gleichgewichtstheorie ist keine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern eine des wirtschaftlichen Wachstums.
Damit wird sogleich deutlich, wie stark verkürzt, um nicht zu sagen „amputiert“, die aktuelle, öffentlich geführte Diskussion der Frage ist, was getan werden muss, um Griechenland & Co. wirtschaftlich wieder auf solide Beine zu stellen.
Das zeigt sich auch an anderer Stelle, abseits dieses konkreten, realen Problemzusammenhangs. So gibt es mittlerweile gerade aufgrund der zunehmend auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich erhebliche Zweifel, ob das Bruttoinlandsprodukt (BIP), so wie es bisher statistisch erfasst bzw. ermittelt wird, der geeignete Wohlstandsmesser ist. „Wirtschaftswachstum“ ist „BIP-Wachstum“. Wie allerdings der Wohlstand oder die Wohlfahrt von Nationen gemessen werden kann, das ist schon seit die Ökonomen begonnen haben, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, ein Problem und zwar ein bis heute ungelöstes. Denkt man dabei an den oben beschriebenen Unterschied zwischen „Wachstum“ und „Entwicklung“, was die Vertreter der herrschenden neoklassischen Theorie nicht tun, dann ist auch verständlich, warum es sich dabei um ein Problem handelt.
Ähnlich verhält es sich mit dem auch in der Debatte um Griechenland & Co. verwendeten Begriff der „Wettbewerbsfähigkeit“, der aus dem neoklassischen Gedankengebäude abgeleitet und darüber auch mit dem Wachstumsbegriff verbunden ist. Wettbewerbsfähigkeit führt zu Wachstum, so lautet die verkürzte Formel. Allerdings wird diese gängige Definition von „Wettbewerbsfähigkeit“ (noch) nicht grundsätzlich infrage gestellt, sondern nur indirekt, weil erstmals wahrgenommen wird, dass dauerhafte Leistungsbilanzdefizite nur die eine Seite des Problems sind, dauerhafte Leistungsbilanz- bzw. im Wesentlichen Export-Überschüsse die andere. Mit anderen Worten wird bisher verkürzt der Exporterfolg einer Volkswirtschaft als Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit und Voraussetzung für Wachstum begriffen, was, wie nun auffällt, die Krisenbewältigung in Griechenland & Co. im gesamteuropäischen Kontext zum Versuch der Quadratur des Kreises werden lässt.
Was ist das Problem? – werden Sie jetzt vermutlich fragen.
Das Problem ist, dass sich Wachstumstheorie und die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung widersprechen. Anders ausgedrückt sind die Annahmen bezüglich der Voraussetzungen für Wachstum – das ja, wie eingangs erläutert, im Entwicklungsbegriff enthalten und in der Entwicklungstheorie eingeschlossen ist – nicht dieselben. Mehr noch schließt Entwicklung permanentes Wachstum aus.
Wieso das?
Denken Sie an den von Joseph A. Schumpeter für die Beschreibung seines Entwicklungsextrems (Technologische Revolution) geprägten Ausdruck vom „Prozess der schöpferischen Zerstörung“. „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ meint, dass „radikale“ Innovationen den Umbruch ganzer Volkswirtschaften auslösen, weil dadurch völlig neue Industrien entstehen, aber eben um den Preis des Nieder- und Untergangs bestehender und bis dahin erfolgreicher Industrien.
Das ist zwar ein theoretischer Extremfall, den Schumpeter hier vorgestellt hat. Er verdeutlicht aber das der Erklärung von wirtschaftlicher Entwicklung zugrundeliegende Prinzip, dass nämlich Innovation nicht gleich Innovation ist und ökonomisch signifikante, umwälzende Innovationen einerseits der Ursprung von Wachstum sind, aber zunächst etwas anderes zerstören oder zumindest wirtschaftlich stark entwerten. Eine unmittelbare, „verlustfreie“ oder „Win-win“-Situation gibt es in einer solchen Umbruchsituation nicht. (Danach wird aber, nebenbei bemerkt, gegenwärtig gesucht.)
Ein gutes Beispiel dafür ist das, was jeder mit der Innovation/dem Innovationsschub verbindet, der „Silicon Valley“ seinen Namen gab und das Computerzeitalter eröffnete. Er leitete nicht nur die explosionsartige Entwicklung einer neuen Industrie und einen massiven Wachstumsschub ein, sondern auch die explosionsartige Entwicklung einer ganzen Region. Die Kehrseite davon war das Verschwinden zahlreicher Produkte und der Niedergang ganzer Industriezweige (z.B. Büromaschinen).
Solche radikalen Innovationen oder Innovationsschübe treten naturgemäß selten auf. Sie sind gefolgt von einer langen Phase der Ausreifung, in der die davon ausgehenden wirtschaftlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, verbreitet und Verbesserungen sowie Weiterentwicklungen realisiert werden. Es ist diese, für die Phase der Ausreifung typische Form der Verbesserungsinnovation, die mit der Innovationsvorstellung der Wachstumstheorie kompatibel ist bzw. mit der Vorstellung, dass die Wirtschaft entlang eines gleichgewichtigen Wachstumspfades immerfort wächst. Umbrüche kommen in der Wachstumstheorie nicht vor.
Es ist aus dieser Perspektive betrachtet jedoch evident, dass sich unternehmerische „Wettbewerbsfähigkeit“ in Phasen von Umbrüchen oder innovativer Turbulenz nicht in derselben Weise definieren lässt wie in Phasen wirtschaftlicher Ausreifung. Das wirtschaftliche Überleben von Unternehmen hängt in diesen sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Umfeldern von unterschiedlichen Faktoren und Fähigkeiten ab.
Wettbewerbsfähigkeit kann und muss folglich im Kontext der Marktsituation definiert werden. Weil sich Märkte/Volkswirtschaften entwickeln, muss es unterschiedliche Definitionen geben – zumindest eine für Phasen hoher und eine für Phasen geringer innovativer Turbulenz.
Und wenn man nun noch einen Schritt weiter geht und nicht nur die vom Innovationsgeschehen abhängigen Unterschiede berücksichtigt, sondern ebenso, dass die Wirtschaft eines Landes auf unterschiedlichen regionalen, nationalen und globalen Märkten sowie auf Märkten in unterschiedlichem Ausreifungsstadium tätig ist, dann ist die Frage der Wettbewerbsfähigkeit von ganzen Volkswirtschaften keineswegs so einfach zu beantworten, wie aktuell in der Debatte um die „Wettbewerbsfähigkeit“ von Griechenland & Co. suggeriert wird.
Geht man des Weiteren davon aus, dass die aus der neoklassischen Wachstumstheorie abgeleitete Vorstellung davon, wie Volkswirtschaften prosperieren können, nicht uneingeschränkt sowie mitunter - situationsabhängig - überhaupt nicht trägt, weil die Theorie gravierende Fehler aufweist, dann verstellt sogar bereits die gewählte Zielsetzung (Wachstum) den Blick auf die tatsächlichen Erfordernisse und Möglichkeiten für prosperierende Volkswirtschaften in Griechenland & Co.

Ausblick
So viel zum Grundsätzlichen. Im nächsten Aufsatz geht es um die Erklärung und Diskussion des bisher verfolgten Wachstumsmodells oder anders ausgedrückt, wie und warum wir in eine Art Wachstumsfalle geraten sind. Damit ist gemeint, dass Wachstum als Lösung angesehen wird, aber nicht erreicht werden kann.

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