Montag, 6. Juli 2009

Die Krise bewältigen: Das Dilemma von Ökonomen und Notenbankern


Glauben Sie, dass ein Kind im Prinzip schon als Professor oder Vorstandsvorsitzender auf die Welt kommt? Halten Sie es für möglich, dass man schon im frühen Kindesalter bestimmen kann, zu was ein Kind im späteren Verlaufe seines Lebens einmal fähig sein wird? Oder anders ausgedrückt, ob es eine schwierige Frage, die es nicht beant-worten kann, auch zu keinem späteren Lebenszeitpunkt wird beant-worten können?


Es mag sein, dass es Einzelfälle gibt, in denen dies möglich ist. Aber würden Sie so weit gehen zu behaupten, dass dies generell möglich ist oder mit anderen Worten, würden Sie im Falle einer Beantwortung dieser Fragen mit einem "Ja" einen Allgemeingültigkeitsanspruch vertreten wollen?

Wenn Sie es täten, dann würden Sie Menschen im Grundsatz jegliche Entwicklungsfähigkeit absprechen.

Übertragen Sie das Ganze einmal auf die Sphäre der Wirtschaft. Die Frage könnte dann lauten: Würden Sie der Wirtschaft im Grundsatz jegliche Entwicklungsfähigkeit absprechen?

Nein, das würden Sie vermutlich nicht tun. Es würde ja bedeuten, dass beispielsweise ein Entwicklungsland immer ein Entwicklungsland bliebe.

Übertragen Sie die Frage nun auf die Sphäre der Ökonomie als Wissen-schaft. Würden Sie nach dieser kurzen Vorbetrachtung nicht davon ausgehen, dass Wirtschaftswissenschaftler und Notenbanker bei ihrer Arbeit und ihren Handlungsempfehlungen für die Politik bzw. ihren geldpolitischen Entscheidungen die Entwicklungsfähigkeit bzw. die Entwicklung der Wirtschaft selbstverständlich berücksichtigen?

Sie irren sich, wenn Sie diese Frage für sich mit einem "Ja" beantwortet haben. Genau dies tun Notenbanker und Ökonomen, ganz gleich ob Keynesianer, neoklassischer Mainstream oder Monetaristen, nicht.

Ihre Arbeit baut auf einer statischen Wirtschaftstheorie auf, das heißt, sie haben im Prinzip eine Kreislaufwirtschaft vor Augen, eine Wirtschaft also, in der mit gegebenen, knappen Ressourcen immer dieselben Güter und Leistungen erstellt werden. Tagein, tagaus. Eine sich verändernde, entwickelnde Wirtschaft haben sie nicht vor Augen. Entwicklung interpretieren sie als Wirtschaftswachstum, das heißt es wird immer mehr vom Selben bzw. effizienter produziert. Die Kreis-laufwirtschaft wird dabei durch technischen Fortschritt auf ein höheres Leistungsniveau gehoben, wobei auch die Produkte selbst verbessert werden. Es bleibt aber eine Kreislaufwirtschaft.

Diese Denkweise, die sich Politiker der Industriestaaten zu eigen gemacht haben und meist auch gar nicht mehr hinterfragen - einmal abgesehen vom Bundespräsidenten, der dies jüngst in seiner vierten Berliner Rede tat -, ist in der Vergangenheit schon oft kritisiert worden. Man denke etwa an die Kritik des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums". Tatsache ist, dass die Sicht der Wirtschaft als Kreislauf-wirtschaft die Herangehensweise der Ökonomen an volkswirtschaftliche sowie geldpolitische Probleme und damit auch den Lösungsrahmen determiniert.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell. Es ist ein von historischen Gegebenheiten vollkommen unabhängiges Modell. Nichts verändert sich, alles läuft immer in derselben Weise ab. Infolgedessen gelangt man, wenn man diese Modellvorstellung für die Lösung realer Probleme nutzt, vereinfacht ausgedrückt bei einem konkreten Problem wie etwa Inflation oder einer Kreditklemme zu jedem beliebigen historischen Zeitpunkt immer zu derselben Lösung. Das heißt nicht, dass Keyne-sianer, neoklassische Mainstream-Ökonomen oder Monetaristen exakt dieselbe Lösung für das jeweilige reale Problem präsentieren werden. Aber es bedeutet, dass - innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite, die sich aus der individuellen Interpretation der Gegebenheiten mithilfe des gewählten theoretischen Rahmens ergibt - alle Keynesianer dieselbe Lösung anbieten werden und ebenso alle neoklassischen Mainstream-Ökonomen und auch die Monetaristen werden sich unter-einander weitgehend einig sein.

Sie alle suchen und streben innerhalb ihrer ökonomischen Denkschule nach Gesetzmäßigkeiten, nach allgemeingültigen Regeln, nach denen Wirtschaftsprozesse ablaufen, sofern sie diese nicht schon gefunden zu haben glauben, nach Regeln und Antworten auf volkswirtschaftliche Problemstellungen, die zeitlos gültig sind. Pointiert ausgedrückt kann es für jedes Problem immer nur eine einzige richtige Lösung geben, weil infolge des Allgemeingültigkeitsanspruches der Faktor "Zeit" ausge-blendet wird und damit etwaige immanente Veränderungen der Markt-wirtschaft (z. B. dass Wettbewerb sich wandelt und nicht mehr als Preiswettbewerb charakterisiert werden kann). Dass solche Verände-rungen auch die Funktionsweise der Marktwirtschaft betreffen können, liegt ebenso außerhalb der modelltheoretisch determinierten Wahrnehmung.

Solche Veränderungen müssen die Funktionsweise der Marktwirtschaft nicht einschränken, obwohl dies natürlich auch der Fall sein kann, etwa ein marktstrukturell bedingt dauerhaft zu niedriger Innovationsoutput trotz intakten Preiswettbewerbs. Es heißt in erster Linie lediglich, dass es, wenn man der Vorstellung von einer sich entwickelnden Wirtschaft gerecht werden will, mehr als einen funktionsfähigen Arbeitsmodus der Marktwirtschaft gibt. Mit anderen Worten haben die Gesetzmäßigkeiten der Modelltheorie nur eine eng begrenzte Gültigkeit, eben nur für jenen Arbeitsmodus, den das Modell der Kreislaufwirtschaft abbildet. Anders formuliert: Für ein und dasselbe Problem kann es unterschiedliche Lösungen geben - je nach Arbeitsmodus bzw. Entwicklungsphase der Wirtschaft! Mehr noch: Was heute die richtige Lösung, das probate Mittel für ein spezifisches Problem ist, wird zu einem anderen Entwick-lungszeitpunkt nicht helfen oder möglicherweise sogar schaden.

Joseph A. Schumpeter hatte dies im Kern erkannt. Er unterschied 1912 in seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" den "Wirt" als Vertreter der Kreislaufwirtschaft und den "Unternehmer" als Vertreter von Phasen des technologischen und wirtschaftlichen Umbruchs. Keynesianer, Monetaristen und generell neoklassische Vertreter sehen all dies nicht.

Ginge es den Ökonomen der Gegenwart nicht um die Wirtschaft, sondern um das oben angesprochene Kind, so würden sie folglich die "Funktionsweise" dieses Kindes ergründen und davon ausgehen, dass dies ausreicht, um es zu jedem beliebigen Zeitpunkt seines weiteren Lebens verstehen zu können, weil es zwar größer wird, sprich "wächst", sich nach ihrer Auffassung im Grundsatz aber ansonsten nicht mehr verändern wird. Die Tatsache, dass es im Zeitablauf zu Änderungen in der Denk- und Handlungsweise kommt, würde vollständig ausgeblendet werden. "Entwicklung" existiert in ihrer Vorstellungswelt nicht.

So lange die reale Wirtschaft große Ähnlichkeit mit der Kreislaufwirt-schaft hat, was in den Jahren vor dem Ausbruch der Finanzmarktkrise zumindest halbwegs der Fall war, wird dies kein Problem darstellen.

Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation und ebenso die auf dem Finanzmarkt ist mit jener der Kreislaufwirtschaft allerdings nicht zu vergleichen - allerdings auch nicht mit der des wirtschaftlichen Umbruchs infolge technologischer Revolution, wie es Schumpeter vor Augen hatte. Alle Antworten, welche die Ökonomen für das Modell der Kreislaufwirtschaft betreffende Fragen gefunden haben und geben können, passen nicht mehr auf die gegenwärtige turbulente wirtschaftliche Situation. Vielen Ökonomen und Notenbankern ist dies zwar mittlerweile klar geworden, was die teils heftigen Debatten um divergierende Interpretationen der Lage und Lösungsmöglichkeiten belegen. Die Schwächen der gängigen, auf der Kreislaufwirtschaft aufsetzenden Modelle werden vielfach gesehen und von nicht wenigen Ökonomen offen zugegeben. Aber das ist selbstverständlich noch keine Lösung, sondern nur ein erster Schritt dorthin und es wird sehr schwierig werden für die Ökonomen, aus ihren von der Kreislaufwirt-schaft geprägten und über Jahrzehnte hinweg gepflegten Denkgewohn-heiten auszubrechen und zu neuen Denkmodellen zu gelangen, welche der Entwicklung der Wirtschaft Rechnung tragen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es das Ende einer Ära, das Ende eines Paradigmas bedeuten würde.

Es sind also nicht nur die Denkgewohnheiten, die den Ökonomen und Notenbankern bei der Suche nach Erklärungen und Lösungen für die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise gegenwärtig im Wege stehen, sondern auch der Glaube an die Erklärungskraft der über Jahrzehnte kultivierten Theorien der verschiedenen Denkschulen.

Konrad Lorenz hat dieses Problem der Zunft der Wissenschaftler einmal sehr schön auf den Punkt gebracht:

"Die hypothetische Annahme, daß gewisse Dinge einfach wahr sind, gehört also zu den unentbehrlichen Verfahren menschlichen Erkennt-nisstrebens. Ebenso gehört es zu der motivationsmäßigen Voraus-setzung menschlichen Forschens, daß man hofft, die Annahme sei wahr, die Hypothese sei richtig. ... Die meisten von uns - dessen müssen wir uns bewußt sein - lieben ihre Hypothesen, ... . Zum "Lieben" einer Hypothese trägt natürlich auch die Zeitdauer bei, während deren man sie vertreten hat; Denkgewohnheiten werden genauso leicht zu "lieben" Gewohnheiten wie irgendwelche anderen. Besonders tun sie das, wenn man sie nicht selbst geschaffen, sondern von einem großen und verehrten Lehrer übernommen hat. Wenn dieser Entdecker eines neuen Erklärungsprinzips gewesen war und daher viele Schüler hatte, so gesellt sich zu dieser Anhänglichkeit noch die Massenwirkung einer von vielen Menschen geteilten Meinung."
(K. Lorenz, "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit", R. Piper & Co. Verlag 1973, Lizenzausgabe für die Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh, S. 110-111)

Und noch etwa ist vielleicht in diesem Fall zu berücksichtigen: Jeder Fahrlehrer stöhnt, wenn er erfährt, dass sein neuer Fahrschüler zuvor schon in Eigenregie das Autofahren "gelernt" hat, weil es dann besonders schwer ist, ihm seine Fehler wieder abzugewöhnen. Und: Einem alten Hund bringt man keine neuen Kunststücke mehr bei.

Es wird deswegen wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis die nötige Offenheit für neue Perspektiven, neue Denkweisen und damit für ein besseres Verständnis der Wirtschaft in die Debatte der Ökonomen einkehrt. Zeit, die wir eigentlich nicht haben, denn die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise richtet nach wie vor große Schäden an. Der Höhepunkt der Krise ist noch nicht erreicht. Einen schwachen Trost gibt es: Sobald sich die vorübergehend mithilfe der gigantischen Bankenrettungs- und Konjunkturpakete abgebremste Talfahrt wieder beschleunigt, wird sich der Druck auf die Ökonomen, wirksame Lösungen anzubieten, beträchtlich erhöhen.


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