Samstag, 12. Mai 2012

JP Morgan verzockt Milliarden – und blamiert den „härtesten“ Fed-Stresstest aller Zeiten


Ende November 2011 erstaunte die Fed die Welt mit einem Stresstest, der im Unterschied zu dem vorange-gangenen Pendant für die Prüfung der Krisenfestigkeit von US-Banken ein Szenario vorgab (1), das der Situation nach der Lehman-Pleite schon erstaunlich nahekam. (2)
Ich habe damals in einem Aufsatz mit der Überschrift “Das Lehman-Szenario der Fed: Genug Stress für oder durch US-Banken?“ dennoch meine Skepsis geäußert, ob dieses Szenario wirklich geeignet ist, die Krisen-sicherheit der US-Banken ausreichend zu testen. (3) Allerdings bezog sich meine Skepsis primär auf das Szenario selbst. Ein neuerlicher Crash könnte aus einer Reihe von Gründen, die ich in diesem Aufsatz ansprach, verheerendere Auswirkungen haben als die Lehman-Pleite im Herbst 2008.
JP Morgan hat uns nun vor Augen geführt, wie unzulänglich dieser „harte“ Stresstest der Fed mit Blick auf die Bankenrisiken auch aus anderen Gründen tatsächlich gewesen ist. (4) JP Morgan bestand ihn mit Glanz und Glorie und hat dennoch mal eben in wenigen Wochen mindestens 2 Milliarden US-Dollar mit Derivaten verzockt, obwohl auf den Märkten in den vergangenen Wochen noch nicht einmal eine erkennbar ernste Abwärtsbewegung zu verzeichnen war. Mindestens, weil Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan und einer der schärfsten Kritiker einer Verschärfung der Finanzmarktregulierung, bereits gesagt hat, dass die Höhe des Verlustes noch nicht feststeht und er leicht noch höher ausfallen könne. (5) Zur Art der Geschäfte und den Hintergründen ist bisher noch immer nicht viel bekannt. Jamie Dimon weigerte sich, dazu etwas zu sagen. Es wird angenommen, dass es sich um Geschäfte mit Credit Default Swaps (CDS) gehandelt haben könnte (6) – ausgerechnet! Aber das ist bisher unbestätigt.
Ein Blick auf die jüngsten Zahlen des Office of the Comptroller of the Currency (OCC) zum Derivatehandel der US-Banken zeigt, dass nach wie vor lediglich fünf Großbanken 96 Prozent des nominalen Volumens des Derivategeschäfts in den USA auf sich vereinen und JP Morgan ist die Nummer 1 – auf Holdingebene –, dicht gefolgt von der Bank of America. (7)
Welche Bedeutung diese US-Banken damit für den globalen Derivatemarkt haben, wird ersichtlich, wenn man berücksichtigt, dass die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) das nominale Volumen des globalen OTC-Derivatemarktes nach jüngsten Zahlen zum Ende des Jahres 2011 auf 647 762 Milliarden Dollar beziffert. (8)
Das JP-Morgan-Desaster zeigt vor dem Hintergrund des jüngsten Fed-Stresstests deutlich, wie intransparent der Bankensektor und vor allem auch der Derivatemarkt sowie die darin versteckten Risiken nach wie vor sind. Wollte man ein Resümee ziehen, so ließe sich darüber hinaus Folgendes konstatieren:
  • Die Aufsichtsbehörden sind nach wie vor nicht im Stande die Risiken in Großbanken und im Banken-sektor realistisch einzuschätzen, abzubilden und zu kontrollieren und
  • Großbanken sind nach wie vor nicht in der Lage, ihre Risiken zuverlässig zu kalkulieren und zu beherrschen.
Oswald Grübel, der damalige Chef der Schweizer UBS, und zwei weitere Top-Manager mussten aufgrund eines ähnlichen Desasters ihren Hut nehmen. Vor wenigen Monaten hatte es dort wegen unautorisierter und mächtig schief gegangener Wetten einen Verlust in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar gegeben. (9) Simon Johnson, Ex-Chef-volkswirt des IWF und heute Wirtschaftsprofessor am MIT, meint, in jedem anderen Bereich der US-Wirtschaft müsste der Chef eines Unternehmens, das einen solchen Verlust realisiert, zurücktreten. Er rechne aber damit, dass Jamie Dimon seinen Stuhl wohl trotzdem nicht räumen muss. (10)
Aber das ist fast schon ein Nebenschauplatz.
Was im Vordergrund stehen sollte ist die Frage, warum angesichts der aktuell erneut aufgedeckten Schwächen im Management von Großbanken sowie bei den Aufsichtsbehörden bezüglich der Kontrolle von Risiken nach wie vor kein Verantwortlicher zuzugeben bereit ist, dass das „Too big to Fail“-Problem offensichtlich nur auf eine Weise wirklich wirksam gelöst werden kann: „Too big to fail“-Banken müssen kleiner werden.
Dieses Thema ist umso dringlicher, als JP Morgan als Bank besser dasteht als sehr viele seiner Konkurrenten und solche Schläge insofern besser verkraften kann. Ferner gilt auch sein Risikomanagementsystem an der Wall Street schon als das beste und hat trotzdem versagt. (11) Dass ein solches Desaster dort möglich war, lässt deswegen – nicht zuletzt angesichts des enormen Engagements von Großbanken im risikobehafteten Deriva-temarkt – die begründete Befürchtung aufkommen, dies könne in anderen Großbanken, die nicht so „stabil“ aufgestellt sind wie JP Morgan, jederzeit auch geschehen. Das gilt erst recht, wenn sich die Lage auf den Finanzmärkten wieder verschärfen sollte und das kann ebenfalls jederzeit geschehen. Potenzielle Auslöser gibt es genug - man denke nur an die Entwicklung in Griechenland.
Im vierten Jahr nach der Lehman-Pleite werden Regierungen, Notenbanken und Regulierer anerkennen müssen, dass ihr bisheriger Kurs im Management der Finanzmarktkrise und in der Finanzmarktregulierung wirkungslos war und eine Eskalation an den Finanzmärkten auch heute weder ausgeschlossen noch antizipiert werden kann. Es wäre gerade angesichts erheblicher rezessiver Tendenzen in vielen Volkswirtschaften wichtig, die krisenver-schärfende Spekulation einzuschränken und den Bankensektor wieder stärker auf seine originäre Funktion auszurichten. Doch wie sagte es jüngst Folker Hellmeyer, der Chefanalyst der Bremer Landesbank: (12)
„Es gibt aber auch Banken, die die volkswirtschaftlichen Funktionen unserer Branche vor­leben. Diese Institute haben in der Krise antizyklisch ihre Kreditportfolien erhöht und damit der Stabilisierung der Wirtschaft gedient. ... Genau diese Institute sollen übrigens jetzt durch Basel III in ihrer klassischen Kreditvergabe, die gar nicht Ausgangspunkt der Krise war, eingeschränkt werden. Bisweilen frage ich mich, was die Regulierer bezwecken oder ob sie willfährig Lobbyisten folgen.“
Er hat vollkommen Recht. Auch das ist ein Problem, das der Überwindung der Finanzmarkt- und der Wirtschaftskrise (in immer mehr Volkswirtschaften) im Wege steht.

Kommentare:

  1. Ihr Beitrag, sehr geehrter Herr Eichner, und die Äußerung des Herrn Hellmeyer machen es doch überdeutlich: Nicht Geld regiert die Welt, sondern Angst.

    Warum wohl sonst finden sich so wenige Menschen, vor allem solche, die eine gehobene gesellschaftliche Position innehaben, die einmal klar und deutlich in der Öffentlichkeit auszusprechen bereit sind, daß es eben KEINE Freude ist, sehenden Auges in den Abgrund zu springen?

    Irgendwie, ich weiß auch nicht wieso, kommt mir da gerade „Biedermann und die Brandstifter“ in den Sinn.

    Eventuell deshalb, weil Biedermann Angst davor gehabt haben könnte, sein Selbstbild als Menschenfreund zu beschädigen, wenn er die beiden als Hausierer getarnten Brandstifter aus seinem Haus hochkant hinauswürfe...............

    Hans B.

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    1. Ja, selbst wenn eigentlich schon nichts mehr geht und rund herum die sprichwörtlichen Fetzen zu fliegen begonnen haben, so kann und wird doch immer noch zumindest an der Illusion einer heilen Welt festgehalten.

      Das Erhalten dieser Illusion haben nicht wenige offensichtlich - einem Irrtum unterliegend - zum Selbstzweck erhoben, frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, das ist auch nicht da und was nicht da ist, kann mir auch nicht gefährlich werden.

      Grüße
      SLE

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  2. Guter Blogeintrag. Vollkommen richtig, keiner blickt mehr durch bei den Derivaten. Das ist den Banken über den Kopf gewachsen. Weder die Führungskräfte noch die Finanzaufsicht versteht das Zusammenspiel dieser gefährlichen Instrumente.

    Ich habe dazu mit Nobelpreisträger Robert Merton ein Gespräch geführt, der hat das glasklar gesagt: Das keiner der Oberen die Zusammenhänge versteht. Hier der Link: http://www.timschaefermedia.com/?Banken_Derivate_Laender_wackeln_Aktien_bleiben_1_Wahl&id=1236&det=1

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    1. Hallo Tim Schäfer,

      ja, man kann es nicht oft genug wiederholen. Denn es ist unfassbar und brandgefährlich, dass sich daran noch immer nichts geändert hat.

      Vielen Dank auch für den Hinweis/Link!

      Viele Grüße
      SLE

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