Montag, 12. Januar 2015

„Endspiel um Griechenland“ reloaded – ein Aufruf zur Diskussion über Alternativen zur europäischen Krisenpolitik



Vorwort


Die Griechen sind aufgerufen, am 25. Januar ein neues Parlament zu wählen und wie bereits im Mai 2012 und dann nochmals im Juni 2012 wird es wieder eine Abstimmung über den mit der sogenannten Troika (Europäische Kommission, EZB, IWF) ausgehandelten austeritätspolitischen Sanierungskurs werden. Und genau wie 2012 wird auch dieses Mal von maßgeblichen Politikern der Eindruck erweckt, das Sanierungskonzept der Troika sei alter-nativlos, sofern die Griechen den Euro nicht verlassen wollten. Nicht wenigen mag es deswegen so vorkommen, als seien Europa und Griechenland auf ihrem krisenpolitischen Kurs zweieinhalb Jahren vorangeschritten, aber letztlich doch nur im Kreis herumgeirrt.

Warum ist Griechenland jetzt wieder in derselben, politisch heiklen Situation wie im Frühjahr 2012? Und warum reagieren maßgebliche Politiker darauf wieder genauso? Vor allem aber: Wohin soll es führen, jetzt denselben Kreislauf nochmals zu beginnen?

Das Problem ist, dass es rein sachlich betrachtet falsch ist zu behaupten, der austeritätspolitische Kurs sei alternativlos, sofern Griechenland im Euro bleiben will. Es gibt nur keine offene Diskussion über Alternativen. Die Zuspitzung auf die Formel „Austeritätspolitik oder Grexit“ ist vornehmlich politisch motiviert und sie ist wirtschafts- und parteiideologisch bedingt. Auf diese Weise wurde bisher – ganz im Sinne der etablierten großen politischen Parteien – eine ergebnisoffene Debatte über die europäische Krisenpolitik und ihre Alternativen stets wirksam verhindert.

Nicht nur Griechenland, sondern Europa kann sich das nicht mehr länger leisten. Denn der austeritätspolitische Kurs hat die wirtschaftliche, finanzielle, politische und vor allem auch gesellschaftliche Realität in anderen europäischen Krisenstaaten in sehr ähnlicher Weise verändert. Das ist alarmierend und darf nicht länger unter den Teppich gekehrt werden. Denn was in Griechenland jetzt im Zuge der Neuwahlen geschieht, kann sehr bald auch in anderen Mitgliedstaaten Europas geschehen.

Der vorliegende Beitrag von Klaus Kastner wurde im September 2012 auf seinem Blog „ObservingGreece“ unter dem Titel „Volkswirtschaftlicher Entwicklungsplan für Griechenland“ veröffentlicht. Es ist die überarbeitete Fassung seines Aufsatzes „Endspiel um Griechenland“ von Juni 2011, die unter derselben Überschrift im April 2012 – also kurz vor der damaligen Neuwahl in Griechenland – auf „Stefan L. Eichner´s Blog“ veröffentlicht wurde.

Es handelt sich dabei um einen konstruktiven alternativen Lösungsvorschlag für Griechenland, der absolut nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, sondern im Gegenteil angesichts der Entwicklung in Griechenland und anderen europäischen Krisenländern heute aktueller ist denn je.

Ihn erneut vorzustellen, möchten wir als dringenden Aufruf verstanden wissen, die europäische Krisenpolitik nicht länger als Spielwiese parteipolitischer Interessen zu missbrauchen, sondern stattdessen in einen längst überfälligen offenen und konstruktiven Dialog über sinnvollere Alternativen einzutreten. Wir haben bereits zweieinhalb Jahre verloren.

Stefan L. Eichner


Endspiel um Griechenland

(überarbeitete Fassung vom 12.09.2012)
 
von Klaus Kastner

Ausgangssituation


Die griechische Wirtschaft liegt darnieder und es sind noch keinerlei überzeugende Maßnahmen erkennbar (weder seitens der griechischen Politik noch seitens der EU), wie man die Wirtschaft wieder in Gang bringen möchte. Es fehlt ein industriepolitischer Entwicklungsplan, wie man eine Volkswirtschaft von einer verkrusteten und korrupten Amigo-Wirtschaft in eine wertschöpfende Marktwirtschaft „drehen“ kann. Das ist kein Projekt für ein paar Monate oder 2-3 Jahre; das ist ein Generationenprojekt und muss entsprechend langfristig angelegt werden.

Blick zurück


Volkswirtschaftler haben errechnet, dass Griechenland seit dem Euro gegenüber Deutschland um ca. 40% teurer geworden ist. Die internationale Kaufkraft des griechischen Euro ist jedoch dieselbe geblieben wie jene des deutschen Euro. Somit hat Griechenland Produkte und Dienstleistungen in dramatischen Dimensionen im Ausland gekauft statt sie selbst herzustellen. Die griechische Wirtschaft hatte ihr Geschäftsmodell schon vor Beginn der Finanzkrise verloren: mit 80% Dienstleistungen wurde sie eine Zombie-Wirtschaft, wo man sich gegenseitig Souvlaki zu erhöhten Preisen verkaufte und mit Geld, das man sich im Ausland borgte, bezahlte.

Von 2001-10 importierte Griechenland 446 Mrd. EUR und exportierte nur 146 Mrd. EUR. Griechische Exporte deckten weniger als 45% der Importe. Das Leistungsbilanzdefizit summierte sich in diesem Zeitraum auf 199 Mrd. EUR! Dieser Luxus der Wirtschaft wurde mit den Spareinlagen anderer Länder finanziert.

Von 2001-10 sind Griechenlands Auslandsschulden von 121 Mrd. EUR auf 409 Mrd. EUR gestiegen; das ist eine Netto-Erhöhung um 288 Mrd. EUR! Die Staatsschulden konnten mittlerweile von einem Schuldenschnitt profitieren. Die Auslandsschulden des Bankensektors sind jedoch deutlich über 200 Mrd. EUR und steigen mit jeder neuen Finanzierung der EZB weiter an. Selbst wenn man Griechenland alle seine Staatsschulden erlassen würde und wenn der Haushalt ausgeglichen werden könnte, wäre das Problem der Wirtschaft nicht gelöst.

Die griechische Wirtschaft „verbrennt“ Geld. 2011 betrug das Leistungsbilanzdefizit immer noch 21 Mrd. EUR. Außerdem verlor der Bankensektor seit 2010 rund 70 Mrd. EUR an Einlagen. Bisher hat die EZB dieses „Loch“ im Bankensektor gefüllt. Man führe sich vor Augen, dass die EZB Steuerzahlergeld nach Griechenland schickt, damit wohlhabende Griechen ihr eigenes Geld – ganz legal via Bankkonten – ins Ausland überweisen können und damit die Wirtschaft massiv importieren kann, statt Produkte selbst herzustellen! Wie lange wird die EZB das noch machen können?

Diagnose


Griechenland ist zwar kein Fass ohne Boden, jedoch ein Fass mit 3 großen Löchern: Haushaltsdefizit, Leistungs-bilanzdefizit und Kapitalflucht. Beim Haushaltsdefizit wurden bereits (an und für sich sehr beeindruckende) Maßnahmen umgesetzt, aber viel ist noch zu tun. Solange man aber nicht das Leistungsbilanzdefizit und die Depositenflucht in den Griff bekommt, hat Griechenland keine Chance. Ein industriepolitischer Entwicklungsplan muss darauf abstellen, dass das Leistungsbilanzdefizit reduziert und dass die Depositenflucht gestoppt wird.

Von Exporten ist kurzfristig keine rasante Steigerung zu erwarten, weil Griechenland (noch) nicht sehr viel zum Exportieren hat. Auch die Einkünfte aus dem Tourismus wird man nicht rasant steigern können, weil sie bereits hoch sind und weil Griechenland – objektiv betrachtet – auch hier nicht wirklich wettbewerbsfähig ist (der griechische Tourismus lebt vom Kult).

Somit verbleiben als letzte Stellschrauben nur mehr Importe und Depositenflucht, diese beiden stellen jedoch ganz große Stellschrauben dar. Importe müssen drastisch eingedämmt und soweit wie möglich mit Inlands-produktionen substituiert werden. Und die Depositenflucht muss ganz einfach gestoppt werden.

Würde Griechenland Euroland verlassen und zur Drachme zurückkehren, dann würde all dies von selbst geschehen und zwar rasch: die neue Drachme würde 30-40% abwerten (mindestens!) und die Importe (und zwar alle Importe!) würden analog teurer werden. Kapitalflucht via Bankkonten gäbe es keine, weil dem Bankensektor die notwendigen Devisen fehlen würden. Ein Euro-Austritt – noch dazu ein ungeordneter – wäre jedoch das größte von allen Übeln. Außerdem würden die Finanzvermögen der Griechen über Nacht um 30-40% (oder mehr!) entwertet werden. Bye, bye sozialer Friede!

Lösungsansatz


Wenn ein Euro-Austritt das größte von allen Übeln ist und wenn Griechenland es mit der jetzigen Euro-Struktur nicht schaffen kann, dann muss Griechenland mit dem Euro – zumindest vorübergehend – eine Situation simulieren, als wäre es zur Drachme zurückgekehrt!

Vorübergehende Maßnahmen: Sonderabgaben auf Importe, die die Importe insgesamt um 30-40% verteuern (allerdings gestaffelt nach Priorität; z. B. 0% für lebenswichtige Güter und 100% für Luxusgüter); selektive Freihandelszonen, wo international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit neue Produktionen für Importsubstitution aufgebaut werden können; und Kapitalkontrollen.

Damit würde man EU-Verträge verletzen (freier Güter-/Kapitalverkehr), aber Verträge kann man – vor allem vorübergehend – ändern. Ein Notstand erfordert Notstandsgesetze. Es ist für die EU allemal vorteilhafter, vorüber-gehende Ausnahmeregeln zu bewilligen, damit sich Griechenland in eine wertschöpfende Wirtschaft entwickeln kann, statt Steuerzahlergeld nach Griechenland zu schicken, um eine Zombie-Wirtschaft am Leben zu erhalten.

Ein neues Investitionsgesetz im Verfassungsrang muss gemacht werden, das dem Investor alle jene international wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen zusichert, die er sich wünscht. Die EU sollte dieses Gesetz garan-tieren, damit die Investoren kein politisches Risiko tragen müssen (wirtschaftliches Risiko schon!).

Der Investor findet ein wirtschaftliches Nirwana vor: er kann wettbewerbsfähig produzieren und er hat bereits einen Absatzmarkt. Und Sicherheit hat er auch.

Vermögende Griechen verfügen über geschätzte 3-stellige Mrd. EUR Beträge auf Bankkonten im Ausland. Das neue Investitionsgesetz muss darauf zielen, dass zumindest ein Teil dieser Gelder freiwillig nach Griechenland für Investitionen fließt. Griechen sind gute Geschäftsleute und erkennen Geschäftsmöglichkeiten rasch. Warum sollten vermögende Griechen im Ausland 2% verdienen wollen, wenn sie mit Investitionen in Griechenland bei gleicher Sicherheit ein Vielfaches davon verdienen könnten?

Warum selektive Freihandelszonen und nicht gleich das ganze Land? Weil man die ganze Wirtschaft eines Landes nicht auf einmal von A-Z umstrukturieren kann; das ergäbe eine Revolution. Stattdessen muss man hoffen, dass die Freihandelszonen gut funktionieren und dass im Zuge der Jahre die dortigen Rahmenbedingungen auf den Rest der Wirtschaft abfärben.

Oberste Priorität müsste sein, dass die Geschäftsgebarung in diesen Freihandelszonen absolut korrekt ist. Sollte sich auch dort das „griechische Wesen“ durchsetzen (Steuerhinterziehung, Korruption), dann müsste man das Projekt von Anfang an als gescheitert betrachten. Begleitmaßnahmen (anerkannte Wirtschaftsprüfer; möglicherweise sogar EU-Inspektionen) müssten gewährleisten, dass das griechische Wesen nicht Einzug halten kann.

Das große Risiko bei Importkontrollen ist, dass dieser Schutz vom Inlandshersteller missbraucht wird. Angenommen, eine importierte Zahnpastatube kostet 1 EUR und die neuen Rahmenbedingungen in den Freihandelszonen ermöglichen es dem Investor, zu diesem Preis profitabel zu wirtschaften. Nehmen wir weiter an, dass die Sonderabgaben für importierte Zahnpastatuben vorübergehend mit 100% festgelegt werden, damit der Investor sein Geschäft aufbauen kann. Somit würde die importierte Zahnpastatube 2 EUR kosten. Die Gefahr ist, dass der gewitzte griechische Unternehmer dann seine Zahnpastatube um 1,99 EUR verkauft.

So kann das nicht funktionieren! Die Freihandelszonen haben zum Ziel, dass in Griechenland eine nachhaltige Inlandswertschöpfung aufgebaut werden kann. Sie sind nicht dazu da, dass ein gewitzter Unternehmer wettbe-werbsfähig produzieren und zum doppelten Preis verkaufen kann. Die Benchmark muss immer der internationale Preis sein.

Schlussbemerkung


All das klingt stark nach Planwirtschaft, ist es aber nicht. Es hängt von der Gestaltung des Investitionsgesetzes ab, dass es keine Planwirtschaft wird. Wenn das Gesetz dem Investor ein interessantes Verhältnis Risiko/Ertrag gewährleistet, dann wird der Investor von selbst kommen.

Chile hatte Ende der 1970er Jahre gezeigt, dass ein gutes Investitionsgesetz eine vormalige kommunistische Planwirtschaft in kürzester Zeit zum „Darling“ von internationalen Investoren „drehen“ kann. Warum sollte das Griechenland nicht auch gelingen? Argentinien hat in den letzten Jahrzehnten mehrere Stabilitätspläne gemacht, die dann auch jeweils eine Zeit lang funktionierten. Auslandsvermögen kamen immer rasch ins Land zurück und beschleunigten die Erholung. Beim Auftauchen der ersten Wolken am Wirtschaftshimmel verflüchtigten sie sich wieder. Der „Trick“, den Griechenland schaffen muss, ist, dass die Auslandsvermögen der Griechen nachhaltig im Land bleiben.

Die Regierung muss dafür sorgen, dass zahlreiche Investitionsmöglichkeiten – mit Business Plänen – ausge-schrieben werden. Wenn von geschickter PR-Arbeit begleitet, könnte es sogar gelingen, dass ein „Run“ auf diese Investitionsmöglichkeiten entsteht (nach dem Motto: „treten wir ein, bevor die Türe wieder zugemacht wird“).

Das griechische Staatsschuldenproblem wurde hier bewusst nicht angesprochen, weil es im Vergleich das einfachere Problem ist. Das Staatsschuldenproblem kann man mit ein paar Hundert Leuten in einem Konfe-renzsaal lösen (solange sich alle einigen). Einen industriepolitischen Entwicklungsplan zu erarbeiten und erfolgreich umzusetzen, das erfordert die besten Köpfe nicht nur Griechenlands, sondern von ganz Europa.

Wenn es aber einmal einen industriepolitischen Entwicklungsplan gibt, dann ist das Staatsschuldenproblem wesentlich einfacher zu lösen, weil die Geldgeber die Hoffnung haben dürfen, dass es doch wieder Licht am Ende des Tunnels geben könnte.

Der Norden verliert langsam den Geduldsfaden mit dem Süden und möchte kein Geld mehr schicken. Der Norden muss sich jedoch bewusst werden, dass man den Kuchen nicht gleichzeitig anschauen und essen kann. Entweder der Norden unterstützt eine angemessene Verlagerung der Wertschöpfung in den Süden, damit sich dort eine eigenständige und selbsterhaltende Wirtschaft entwickeln kann oder der Norden wird auf Dauer Trans-ferzahlungen leisten müssen.

Kommentare:

  1. zölle und steureerhöhungen sind also eure lösung? sie verteurern die waren, also ist das nicht anderers als austerität. ein gesetz sorgt dafür, dass ein teil der gelder griechischer privatleute "freiwillig" nach griechenland fließt? gesetz und freiwilligkeit stehen sich meist diametral gegenüber. das geld fließt nur nach griechenland, wenn eine ausreichende verzinsung ermöglicht wird. da aber die schuldenstände bereits so hoch sind, wären hohe zinsen der kollaps des systems. und genau das bleibt als 3. möglichkeit: systemkollaps, das ende aller sozialleistungen, radikale kürzung aller staatsausgaben, senken der steuern und verbot der staatsverschuldung. da man viele bürger von diesen leistungen abhängig gemacht hat, indem man sie gewährt, und es sehr viele staatliche angestellte gibt, wird diese lösung nur als allerletzte möglichkeit bleiben. und dennoch, wer die augen aufmacht, sieht sie kommen, denn:
    -die austerität macht die schulden unbezahlbar
    -ein grexit und ständige haircuts werden die zinsen für den gr. haushalt so weit hochtreiben, dass sie strukturreformen durchführen müssen. da sie sich jedoch weigern, wird ein systemkollaps sie dazu zwingen müssen

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    1. Austeritätspolitik bedeutet massive Einschnitte und eine drastische Absenkung der Kaufkraft, egal ob in Bezug auf importierte oder heimische Güter. Daraus resultiert eine enorme Insolvenzwelle, die Arbeitsplätze en masse ausradiert und die wirtschaftliche Basis massiv und dauerhaft beschädigt.

      Schutzzölle ändern an der Kaufkraft im Binnenberech nichts. Nur importierte und wegen der Zölle deutlich teurere Güter können nicht mehr im selben Maße erworben werden. Findige griechische Unternehmer können die dadurch entsehende Lücke ausfüllen und das verbessert und verbreitert die wirtschaftliche Basis.

      Und genau darum geht´s.

      Ohne nachhaltige Verbesserung des Wirtschaftswachstums kann Griechenland seine Staatsschulden niemals abbauen. Daran ändern auch Schuldenschnitte nichts. Ändern lässt sich das aber aufgrund der wirtschaftsstrukturellen Schwäche ohne weiteres nicht. Es bedarf zwingend einer Verbesserung und Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis. Die Austeritätspolitik ist in dieser Hinsicht kontraproduktiv. Schauen Sie sich dafür bitte einmal die Charts im letzten Aufsatz hier im Blog an (BIP und Staatsschulden 1998-2013 in den PIIGS-Staaten).

      Der Euro-Ausstieg ist in Bezug auf die Lösung der wirtschaftsstrukturellen Probleme Griechenlands eine schlechte Lösung. Denn Griechenland mag zwar preislich in bestehenden Wirtschaftsbereichen im Wettbewerb besser dastehen, aber es hat ja kaum Exporte. Zudem müsste sich die unterentwickelte griechische Wirtschaft auf allen wachstumsstarken internationalen Märkten jeweils einer kleinen Zahl sehr großen Konzerne stellen, die allein schon aufgrund ihrer Größenvorteile (Skalenerträge) kostenmäßig nicht zu unterbieten sind.

      Deswegen sind größte Zweifel angebracht, ob, wie von Mainstream-Ökonomen behauptet, Griechenland mit der Rückkehr zur Drachme international wieder besser mitspielen könnte.

      Hinzu kommt, dass Griechenland kein Einzelfall ist. Das austeritätspolitische Konzept hat in Portugal, Spanien und Italien zu sehr ähnlichen Konsequenzen geführt. Wer also jetzt fordert, Griechenland sollte aus dem Euro-Verbund aussteigen, könnte sich sehr bald mit dem Problem konfrontiert sehen, dass weitere europäische Krisenländer in dieselbe Situation geraten, ggf. auch Frankreich. Sollen die dann auch aus dem Euro aussteigen, um wettbewerbsfähiger zu werden?

      Ich habe hier im Blog schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Europa die Wachstumsstory abhanden gekommen ist oder anders ausgedrückt das bisherige Wachstumskonzept nicht mehr funktioniert. Und ich habe auch vor den Folgen gewarnt.

      siehe dazu z.B. hier: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/01/die-europaische-krise-teil-2-die-euro.html;

      Es ist deswegen falsch, die anhaltende Euro-Krise nur als Problem der Währungsunion zu betrachten. Europa hat auch ein fundamentales Wachstumsproblem und das wir immer noch ausgeblendet. Und ohne Wachstum ist die Schuldenproblematik nicht zu lösen - nicht in Griechenland und auch nicht anderswo.

      Viele Grüße
      SLE

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    2. Letztlich haben Sie die Zeitachse nicht berücksichtigt. Auch diese Art von Strukturwandel braucht seine Zeit, will sagen "Jahre". Schauen Sie, wenn die Arbeitslöhne in Polen um 50 % niedriger sind, als die in Griechenland, oder (drastischer ausgedrückt) die in Griechenland um 100 % höher als die in Polen,
      und dies bei eine sehr niedrigen Industrialisierung, dann bin ich einfach ratlos. Polen kann sich von einem recht niedrigen Niveaus aus, entwickeln. Die Griechen müssen einen Spagat schaffen, der so nicht machbar ist. Sie müssen um Wettbewerbsfähig zu werden (z.B. gegenüber Polen) die Produktivität steigern. Aber wie soll das gehen, wenn der Tourismus die Haupteinnahmequelle ist? Letztlich bleibt hier nur die Senkung der Löhne übrig. Das es keine nennenswerte Industrie gibt, hilft eine Produktivitätssteigerung auf diesem Sektor auch nicht. Nehmen Sie es mir nicht krumm, es wird eine langer mühevoller Prozess werden. Mit dem Euro wird er unsäglich, weil z.B. die Polen (zurecht) irgendwann auch mal die gleiche Unterstützung einfordern werden (ich weiß, sie kriegen auch Darlehen). Letztlich werden die menschlichen Verwerfungen zu hoch sein.

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    3. Sie haben völlig recht, das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Das gilt aber für den Grexit ebenso wie für die Schutzzoll-/Industriepolitik-Lösung.

      Vor allem aber ist es in Anbetracht der Tatsache, dass die globalen Märkte jeweils von nur wenigen, sehr großen Konzernen dominiert werden, ein Irrglauben, dass Griechenland durch den Austritt aus dem Euro international kostenwettbewerbsfähig werden könnte, wie viele Ökonomen behaupten. Unter solchen Marktgegebenheiten ist das schlicht unmöglich. Und es ist ebenso unmöglich, die dadurch verursachten und ständig vergrößerten wirtschaftlichen Ungleichgewichte abzubauen.

      Griechenland steht mit diesem Problem keineswegs alleine dar. Das betrifft praktisch alle schwächeren europäischen Volkswirtwschaften. Das ist auch kein Währungsproblem, sondern ein Wachstumsproblem und zwar der EU als Ganzes. Das bisherige Wachstumskonzept der EU, das einseitig auf National Champions und Kostensenkung setzt, funktioniert seit der Finanzmarktkrise nicht mehr. Und primär dadurch bedingt sind die schwächeren Volkswirtschaften verstärkt in Schwierigkeiten geraten. Doch wird dieses Problem bisher ignoriert - nicht zuletzt von der Bundesregierung.

      Dass bei der Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit so sehr die Produktivität im Vordergrund steht, hängt damit zusammen, dass Wettbewerb auf ausgereiften, gesättigten und stagnierenden Märkten praktisch nur noch reiner Kostenwettbewerb und zunehmend Verdrängungswettbewerb ist, weil Marktanteilsgewinne - das gilt für Unternehmen ebenso wie für Volkswirtschaften - nur noch auf Kosten anderer möglich sind.

      Auf wachstumsträchtigen Märkten wird die Wettbewerbsfähigkeit dagegen an üerlegener Funktionalität, Qualität und Know-How-Vorsprüngen festgemacht. Doch die Wirtschaftspolitik in Europa fokussiert wie gesagt - seit Dekaden schon - einseitig Konzerne und Kostensenkung und dadurch bedingt sind die Märkte inzwischen nicht nur ausgereizt, sondern verkrustet.

      Das Wachstumsproblem Griechenlands, Portugals etc. und Europas wird man nur durch eine völlige Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik lösen können. Es müssen mittelständische Unternehmen und auf allen Märkten wieder eine stärkere innovative Dynamik gefördert werden. Dies würde es der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik in EU-Mitgliedstaaten ermöglichen, auf Differenzierung zu setzen und die vorhandenen wirtschaftlichen Stärken zu nutzen und auszubauen.

      Dieses Problem MUSS endlich angepackt und geöst werden, sonst, so wage ich zu prophezeien, werden wir bald darüber diskutieren, ob z.B. Portugal aus dem Euro aussteigen muss, um "seine" Probleme zu bewältigen.

      Nochmal: Der Euro ist nicht das zentrale Problem, sondern das gesamte Wachstumskonzept der EU. Ökonomen, die behaupten, durch den Euro-Ausstieg würde Griechenland wieder kostenwettbewerbsfähig, irren und verstehen von Märkten viel weniger als sie zu verstehen vorgeben.

      Viele Grüße
      SLE

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    4. Lieber Herr Eichler,
      letztlich funktionieren solche Strategien, wie auch von Ihnen vorgeschlagen, aus meiner Sicht nur, wenn "Rationalität" vorherrscht und dies nicht nur bei den Entscheidungsträgern sondern auch bei den Bürgern. Da "rationales Handeln" gleich "vernünftiges Handeln" sein sollte, wir die Krux deutlich. Denn "rationales Handeln" ist nur individuell definierbar. "Individuell" bezieht sich sowohl auf Staaten als auch auf Bürger. Da es sehr divergente Handlungsempfehlungen geben wird (sowohl auf der Ebene der Staaten als auch der Bürgen), wird es zu Missgunst und somit zu großen zwischengesellschaftlichen und innergesellschaftlichen Problemen kommen. Wollen wir dies? Lieber Herr Eichler, da wir eben kognitiv sehr begrenzt sind, werden wir große Probleme bekommen. Die Euro-Staaten sind viel zu heterogen , welche Ebene wir auch immer betrachten. Ihnen einen schönen Sonntag

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  2. Ich schließe mich dem 1. Kommentar an und füge hinzu: Maximal realitätsfern.

    - Selbst die Schulden von D. sind nur kein Problem weil Zinsen niedrig.
    - Griechenland ist nur eines der Problem-Länder.
    - Investoren hätten alle gern.
    - Chile und Argentinien waren nicht im € - Raum
    - Wenn die Staatsschulden so einfach lösbar wären, wären sie schon gelöst.
    - Es gibt im € - Raum keine funktionierende Marktwirtschaft.

    Ich empfehle dem Autor: Systemisches Denken.

    bengelking

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    1. Hallo bengelking,

      ich gebe mir Mühe, systemisch zu denken. Vielleicht tun Sie das aber auch mal. Zur Sache habe ich mich oben bei Ihrem "Anonym"-Kollegen schon geäußert.

      Viele Grüße
      SLE

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  3. Ja, ich finde es immer gut, wenn man über Dinge erst mal diskutiert, und versucht seinen Horrizont zu erweitern anstatt leichtfertig Urteile abzugeben.
    Denn wir alle haben einen bestimmten Fokus auf etwas, weil wir schon mal irgendetwas gehört, gesehen oder gelesen haben. Daraus bilden wir uns unser Weltbild.

    Was Herr Eichner noch nicht weiß ist, woher Griechenland seine Verschuldung hat, und warum Griechenland wirklich pleite ist.
    :
    Das hat eben nicht, wie die Thinktanks erfolgreich in die deutsche und europäische Medienlandschaft getragen haben damit zu tun, dass die Griechen über ihre Verhältnisse gelebt haben, oder dass sie zu faul sind, bzw. dass sie nicht mit Geld umgehen können oder sie uns betrogen hätten. Nein, hier läuft ein ganz perfides Spiel, an deren Ende ein ganz anderes Ziel steht.
    :
    1. die Hauptschulden Griechenlands entstanden weil diese ihre Banken retten sollten. Das wurde Ihnen von der EZB aufgepresst. Hätten sie das nicht getan, so wären sie damals schon aus der EU raus geflogen...
    :
    2. Das Geld, welches die griechischen Banken bekamen, ging direkt an die Zocker, also welche die Krise ausgelöst hatten...
    also beispielsweise Goldman Sachs, Deutsche Bank, PNB um nur die größten zu nennen...
    3. damit Deutschland das Geld für die griechischen Banken aufbringen konnte hat sich die Bundesregierung Geld geliehen, wo? Na? Genau, bei der Deutschen Bank, welche ohne die Griechenrettung mit drauf gegangen wäre...
    :
    Onkel Schäubele wurde nämlich vom Ackermännchen und anderen amerikanischen „Sachverständigen“ (bei denen sich nachher herausstellte, dass sie falsch gerechnet hatten) darauf aufmerksam gemacht, dass die Banken "systemrelevant sind"
    Das passt auch ganz gut, denn ganz nebenher hat Schäubili einen (neudeutsch) Rettungsschirm aufgespannt.
    Oder besser auch als „das Ende der Demokratie“ bekannt.
    :
    Klingt ulkig stimmts? …, ist aber so...
    :
    4. Griechenland war nie mehr pleiter, als andere auch... mal ein Vergleich: Die USA hat mehr Schulden als die gesamte EU. Die Griechen waren auch nicht zu faul, oder haben über ihre Verhältnisse gelebt! Nein, das ist nur die Finte der Bankenvasallen, auch Medien genannt.
    :
    5. Nein, die amerikanischen Ratingagenturen haben nur Griechenland auf „Kreditunwürdig“ gesetzt.
    Der Grund sind keine Berechnungen, sondern die subjektive Einschätzung…
    Das zu einer Zeit, als die Gefahr drohte, dass der Euro den Dollar als Weltwährung absetzen könnte…

    Ein Schelm, wer arges denkt… Daher bitte mal erst recherchieren, die Fragen stellen, wie zum Beispiel;
    „Stimmt das denn?“
    „Wem nützt das?“
    „Woher stammen denn die Informationen?“
    „Hat jemand einen Nutzen, wenn ja, welchen?“
    „Wie intelligent ist der Informant?“
    „Wie gut sind die Quellen, oder hat derjenige nur eine Meinung der Anderen übernommen?“

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