Dienstag, 24. April 2012

Endspiel um Griechenland


Gastbeitrag von Klaus Kastner

Das Endspiel hat begonnen. Selbst wenn aus den bevorstehenden Wahlen eine handlungsfähige Regierung hervorgeht, wird Griechenland die Troika-Vorgaben auf Dauer nicht schaffen. Die griechische Wirtschaft liegt darnieder und es sind noch keinerlei überzeugende Maßnahmen erkennbar (weder seitens der wahlkämpfenden Parteien noch seitens der EU), wie man die Wirtschaft wieder in Gang bringen möchte.
Es fehlt ein industriepolitischer Entwicklungsplan, wie man eine Volkswirtschaft von einer verkrusteten und korrupten Amigo-Wirtschaft in eine wertschöpfende Marktwirtschaft „drehen“ kann. Das ist kein Projekt für ein paar Monate oder 2-3 Jahre; das ist ein Generationenprojekt und muss entsprechend langfristig angelegt werden.

Blick zurück

Volkswirtschaftler haben errechnet, dass Griechenland seit dem Euro gegenüber Deutschland um ca. 40% teurer geworden ist. Die internationale Kaufkraft des griechischen Euro ist jedoch dieselbe geblieben wie jene des deutschen Euro. Somit hat Griechenland Produkte und Dienstleistungen in dramatischen Dimensionen im Ausland gekauft statt sie selbst herzustellen. Die griechische Wirtschaft hatte ihr Geschäftsmodell schon vor Beginn der Finanzkrise verloren: mit 80% Dienstleistungen wurde sie eine Zombie-Wirtschaft, wo man sich gegenseitig Souvlaki zu erhöhten Preisen verkaufte und mit Geld, das man sich im Ausland borgte, bezahlte.
Von 2001-10 importierte Griechenland 446 Mrd. EUR und exportierte nur 146 Mrd. EUR. Griechische Exporte deckten weniger als 45% der Importe. Das Leistungsbilanzdefizit summierte sich in diesem Zeitraum auf 199 Mrd. EUR! Dieser Luxus der Wirtschaft wurde mit den Spareinlagen anderer Länder finanziert.
Von 2001-10 sind Griechenlands Auslandsschulden von 121 Mrd. EUR auf 409 Mrd. EUR gestiegen; das ist eine Netto-Erhöhung um 288 Mrd. EUR! Die Staatsschulden konnten mittlerweile von einem Schuldenschnitt profitieren. Die Auslandsschulden des Bankensektors sind jedoch deutlich über 200 Mrd. EUR und steigen mit jeder neuen Finanzierung der EZB weiter an. Selbst wenn man Griechenland alle seine Staatsschulden erlassen würde und wenn der Haushalt ausgeglichen werden könnte, wäre das Problem der Wirtschaft nicht gelöst.
Die griechische Wirtschaft „verbrennt“ Geld. 2011 betrug das Leistungsbilanzdefizit immer noch 21 Mrd. EUR. Außerdem verlor der Bankensektor seit 2010 rund 70 Mrd. EUR an Einlagen. Bisher hat die EZB dieses „Loch“ im Bankensektor gefüllt. Man führe sich vor Augen, dass die EZB Steuerzahlergeld nach Griechenland schickt, damit wohlhabende Griechen ihr eigenes Geld – ganz legal via Bankkonten – ins Ausland überweisen können und damit die Wirtschaft massiv importieren kann, statt Produkte selbst herzustellen! Wie lange wird die EZB das noch machen können?


Diagnose

Griechenland ist zwar kein Fass ohne Boden, jedoch ein Fass mit 3 großen Löchern: Haushaltsdefizit, Leistungsbilanzdefizit und Kapitalflucht. Beim Haushaltsdefizit wurden bereits (an und für sich sehr beein-druckende) Maßnahmen umgesetzt, aber viel ist noch zu tun. Solange man aber nicht das Leistungsbilanzdefizit und die Depositenflucht in den Griff bekommt, hat Griechenland keine Chance. Ein industriepolitischer Entwick-lungsplan muss darauf abstellen, dass das Leistungsbilanzdefizit reduziert und dass die Depositenflucht gestoppt wird.
Von Exporten ist kurzfristig keine rasante Steigerung zu erwarten, weil Griechenland (noch) nicht sehr viel zum Exportieren hat. Auch die Einkünfte aus dem Tourismus wird man nicht rasant steigern können, weil sie bereits hoch sind und weil Griechenland – objektiv betrachtet – auch hier nicht wirklich wettbewerbsfähig ist (der griechische Tourismus lebt vom Kult).
Somit verbleiben als letzte Stellschrauben nur mehr Importe und Depositenflucht, diese beiden stellen jedoch ganz große Stellschrauben dar. Importe müssen drastisch eingedämmt und soweit wie möglich mit Inlands-produktionen substituiert werden. Und die Depositenflucht muss ganz einfach gestoppt werden.
Würde Griechenland Euroland verlassen und zur Drachme zurückkehren, dann würde all dies von selbst geschehen und zwar rasch: die neue Drachme würde 30-40% abwerten (mindestens!) und die Importe (und zwar alle Importe!) würden analog teurer werden. Kapitalflucht via Bankkonten gäbe es keine, weil dem Bankensektor die notwendigen Devisen fehlen würden. Ein Euro-Austritt – noch dazu ein ungeordneter – wäre jedoch das größte von allen Übeln. Außerdem würden die Finanzvermögen der Griechen über Nacht um 30-40% (oder mehr!) entwertet werden. Bye, bye sozialer Friede!


Lösungsansatz

Wenn ein Euro-Austritt das größte von allen Übeln ist und wenn Griechenland es mit der jetzigen Euro-Struktur nicht schaffen kann, dann muss Griechenland mit dem Euro – zumindest vorübergehend – eine Situation simulieren, als wäre es zur Drachme zurückgekehrt!
Vorübergehende Maßnahmen: Sonderabgaben auf Importe, die die Importe insgesamt um 30-40% verteuern (allerdings gestaffelt nach Priorität; z. B. 0% für lebenswichtige Güter und 100% für Luxusgüter); selektive Freihandelszonen, wo international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit neue Produktionen für Importsubstitution aufgebaut werden können; und Kapitalkontrollen.
Damit würde man EU-Verträge verletzen (freier Güter-/Kapitalverkehr), aber Verträge kann man – vor allem vorübergehend – ändern. Ein Notstand erfordert Notstandsgesetze. Es ist für die EU allemal vorteilhafter, vorüber-gehende Ausnahmeregeln zu bewilligen, damit sich Griechenland in eine wertschöpfende Wirtschaft entwickeln kann, statt Steuerzahlergeld nach Griechenland zu schicken, um eine Zombie-Wirtschaft am Leben zu erhalten.
Ein neues Investitionsgesetz im Verfassungsrang muss gemacht werden, das dem Investor alle jene international wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen zusichert, die er sich wünscht. Die EU sollte dieses Gesetz garantieren, damit die Investoren kein politisches Risiko tragen müssen (wirtschaftliches Risiko schon!).
Der Investor findet ein wirtschaftliches Nirwana vor: er kann wettbewerbsfähig produzieren und er hat bereits einen Absatzmarkt. Und Sicherheit hat er auch.
Vermögende Griechen verfügen über geschätzte 3-stellige Mrd. EUR Beträge auf Bankkonten im Ausland. Das neue Investitionsgesetz muss darauf zielen, dass zumindest ein Teil dieser Gelder freiwillig nach Griechenland für Investitionen fließt. Griechen sind gute Geschäftsleute und erkennen Geschäftsmöglichkeiten rasch. Warum sollten vermögende Griechen im Ausland 2% verdienen wollen, wenn sie mit Investitionen in Griechenland bei gleicher Sicherheit ein Vielfaches davon verdienen könnten?
Warum selektive Freihandelszonen und nicht gleich das ganze Land? Weil man die ganze Wirtschaft eines Landes nicht auf einmal von A-Z umstrukturieren kann; das ergäbe eine Revolution. Stattdessen muss man hoffen, dass die Freihandelszonen gut funktionieren und dass im Zuge der Jahre die dortigen Rahmenbedingungen auf den Rest der Wirtschaft abfärben.
Oberste Priorität müsste sein, dass die Geschäftsgebarung in diesen Freihandelszonen absolut korrekt ist. Sollte sich auch dort das „griechische Wesen“ durchsetzen (Steuerhinterziehung, Korruption), dann müsste man das Projekt von Anfang an als gescheitert betrachten. Begleitmaßnahmen (anerkannte Wirtschaftsprüfer; möglicherweise sogar EU-Inspektionen) müssten gewährleisten, dass das griechische Wesen nicht Einzug halten kann.
Das große Risiko bei Importkontrollen ist, dass dieser Schutz vom Inlandshersteller missbraucht wird. Angenommen, eine importierte Zahnpastatube kostet 1 EUR und die neuen Rahmenbedingungen in den Freihandels-zonen ermöglichen es dem Investor, zu diesem Preis profitabel zu wirtschaften. Nehmen wir weiter an, dass die Sonderabgaben für importierte Zahnpastatuben vorübergehend mit 100% festgelegt werden, damit der Investor sein Geschäft aufbauen kann. Somit würde die importierte Zahnpastatube 2 EUR kosten. Die Gefahr ist, dass der gewitzte griechische Unternehmer dann seine Zahnpastatube um 1,99 EUR verkauft.
So kann das nicht funktionieren! Die Freihandelszonen haben zum Ziel, dass in Griechenland eine nachhaltige Inlandswertschöpfung aufgebaut werden kann. Sie sind nicht dazu da, dass ein gewitzter Unternehmer wettbe-werbsfähig produzieren und zum doppelten Preis verkaufen kann. Die Benchmark muss immer der internationale Preis sein.

Schlussbemerkung

All das klingt stark nach Planwirtschaft, ist es aber nicht. Es hängt von der Gestaltung des Investitionsgesetzes ab, dass es keine Planwirtschaft wird. Wenn das Gesetz dem Investor ein interessantes Verhältnis Risiko/Ertrag gewährleistet, dann wird der Investor von selbst kommen.
Chile hatte Ende der 1970er Jahre gezeigt, dass ein gutes Investitionsgesetz eine vormalige kommunistische Planwirtschaft in kürzester Zeit zum „Darling“ von internationalen Investoren „drehen“ kann. Warum sollte das Griechenland nicht auch gelingen? Argentinien hat in den letzten Jahrzehnten mehrere Stabilitätspläne gemacht, die dann auch jeweils eine Zeit lang funktionierten. Auslandsvermögen kamen immer rasch ins Land zurück und beschleunigten die Erholung. Beim Auftauchen der ersten Wolken am Wirtschaftshimmel verflüchtigten sie sich wieder. Der „Trick“, den Griechenland schaffen muss, ist, dass die Auslandsvermögen der Griechen nachhaltig im Land bleiben.
Die Regierung muss dafür sorgen, dass zahlreiche Investitionsmöglichkeiten – mit Business Plänen – ausge-schrieben werden. Wenn von geschickter PR-Arbeit begleitet, könnte es sogar gelingen, dass ein „Run“ auf diese Investitionsmöglichkeiten entsteht (nach dem Motto: „treten wir ein, bevor die Türe wieder zugemacht wird“).
Das griechische Staatsschuldenproblem wurde hier bewusst nicht angesprochen, weil es im Vergleich das einfachere Problem ist. Das Staatsschuldenproblem kann man mit ein paar Hundert Leuten in einem Konferenz-saal lösen (solange sich alle einigen). Einen industriepolitischen Entwicklungsplan zu erarbeiten und erfolgreich umzusetzen, das erfordert die besten Köpfe nicht nur Griechenlands, sondern von ganz Europa.
Wenn es aber einmal einen industriepolitischen Entwicklungsplan gibt, dann ist das Staatsschuldenproblem wesentlich einfacher zu lösen, weil die Geldgeber die Hoffnung haben dürfen, dass es doch wieder Licht am Ende des Tunnels geben könnte.
Der Norden verliert langsam den Geduldsfaden mit dem Süden und möchte kein Geld mehr schicken. Der Norden muss sich jedoch bewusst werden, dass man den Kuchen nicht gleichzeitig anschauen und essen kann. Entweder der Norden unterstützt eine angemessene Verlagerung der Wertschöpfung in den Süden, damit sich dort eine eigenständige und selbsterhaltende Wirtschaft entwickeln kann oder der Norden wird auf Dauer Trans-ferzahlungen leisten müssen.


Aktuelles zu diesem Thema:
    Zentralbank-Prognose: Griechische Wirtschaft schrumpft 2012 dramatisch (v. 24.04.12)
    "Verschleppungstaktik": Griechenland stürzt noch tiefer ab (v. 24.04.12)

... und ergänzend dazu:
   Wirtschaftswachstum in Griechenland: Prognose und Realität
   Vergessene Lektion: Die Griechenlandkrise und Heinrich Brüning
   In der Wachstumsfalle - Griechenland & Co. (Teil 3)
 

Kommentare:

  1. Na ich bin aber auch dumm. Ich Dummchen dachte immer, dass die ganzen Schuldenprobleme daher kämen, dass die Staaten anstatt Geld selbst zu emittieren, es von Privatbanken leihen. Na sowas Dummes aber auch und ich dachte auch, dass das Problem dadurch eskaliert, dass die Staaten darauf auch noch Zinsen zahlen.
    Ich werde wohl dumm bleiben. Bisher habe ich einfach nicht verstanden, warum Staaten so blöd sind. Oder besser gesagt: die "Insassen" des Staates.
    Ich biete hiermit einen Zettel an, auf dem jede gewünschte Zahl steht mit jedem gewünschtem Währungszeichen davor oder wahlweise auch dahinter im Tausch gegen ein nettes Grundstück. Interessenten bitte melden. Ich nehme auch keine Zinsen.

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    1. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass der s.g. Schuldenschnitt für GR eher ein goldener Schnitt für die Spekulanten war. Mit 360 Mrd. Euronen hat man es tatsächlich geschafft 20 Mrd. Euronen Schuld zu tilgen.

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    2. Ja, der Schuldenschnitt war ein goldener Schnitt für Spekulanten. Dieser goldene Schnitt ging allerdings nicht zu Lasten Griechenlands, sondern zu Lasten anderer Spekulanten, die das Griechenlandrisiko gegen schöne Prämien versichert hatten.

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    3. Es gab Zeiten in Deutschland, da war das Bankwesen inkl. Zentralbank dem Staat unterstellt.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Neuregelung_der_Verh%C3%A4ltnisse_der_Reichsbank_und_der_Deutschen_Reichsbahn
      Siehe auch Schacht und die Mefo Wechsel:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Mefo-Wechsel
      Mit dem Grundgesetz Art. 88 wurde das in Deutschland umgekehrt.
      Seitdem liegt der Teil der Souveraenitaet, die die Geldschoepfung betrifft ausserhalb der Kontrolle durch den Souveraen und in den Haenden der "Masters of the Universe".
      Dumm gelaufen, mit der Demokratie in Deutschland.

      Willkommen in der Plutokratischen Republik Deutschland

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  2. Ja, es ist doch keine Krise Griechenlands! Es ist eine Systemkrise. Viel zu viele Menschen machen Dinge, die keinen "Überlebenswert" haben, die Märkte sind mit Schrott und Schrottpapieren ("Finanzmarktprodukte") übersättigt und unsere Sklaven in Asien und Afrika wollen sich nicht mehr für unsere Ideologie totarbeiten. Durch unsere Kriege kriegen wir auch kaum mehr etwas (das meiste kriegen ein paar Rüstungskonzerne) und die Zinseszinsen versteht auch keiner.
    Zuerst erwischt es die "schwächeren Staaten", danach kommen die dran, die jetzt noch gute Ratschläge geben, weil sie es nicht begriffen haben.
    Es wird nicht mehr lange dauern, bis in DE Verhältnisse wie jetzt in GR herrschen werden und die Griechen sich die "Krisenmonate Anfang 2012" als paradiesische Zustände zurück wünschen werden.
    Gruß

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  3. Lasst den Griechen die Freiheit, keine Manipulationen mehr von außen und die würden nach einer kurzen harten Zwischenperiode abgehen wie Schmidts Katze. Die Griechen sind doch nicht zu blöd eigene Zahnpasta herzustellen. Mit einem werthaltigen Geldsystem würden die sogar in kurzer Zeit den deutschen Bonds den Garaus machen. Deshalb werden die meiner Meinung nach nicht "fallen gelassen", weil das die pseudowissenschaftlichen Theorien der Volkswirtschaftslehren entlarven würde. Warum spricht keiner über den Aufschwung in Island innerhalb kürzester Zeit?

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  4. Ich warte auf die Bürgerkriege, die gerade von führenden EU Politikern befürchtet werden. Der "kleine" Mann hat die Schnauze sowas von voll.

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    1. Hallo alien observer,

      ich möchte mich nicht einmischen, aber mir scheint, der griechische Zentralbankchef Giorgos Provopoulos hat mit seinen heute ausgesprochenen Forderungen so kurz vor der Wahl kräftig Öl ins Feuer gegossen. In meinen Augen ist das Wahlkampfhilfe für die extremen Linken und Rechten. Doch sehen Sie selbst:

      http://www.handelsblatt.com/politik/international/verschleppungstaktik-griechenland-stuerzt-noch-tiefer-ab/6548884.html

      Gruß
      SLE

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    2. Es scheint mir unglaubwürdig bis heuchlerisch wenn der griechische Zentralbankchef zu einem „gesellschaftlichen und politischen Konsens in der großen, entscheidenden Frage der europäischen Perspektive des Landes“ aufruft.

      Der angestrebte Konsens besteht daraus, dass die griechische Bevölkerung sich brav fügt und bezahlt, zu hungerlöhnen arbeitet aber gleichzeitig fleissig konsumiert.

      Problematisch ist der Reflexartige Ruck nach Rechts der Politik sobald man Boden an die Linke und Rückhalt in der Bevölkerung verliert.

      Mit den Faschisten konnten die Kapitalisten schon immer am besten und man nimmt den Faschismus lieber in Kauf als die angesammelten Millionen zu verlieren.

      Fremdenhass lässt sich gut auf verletztes Nationalgefühl draufsetzen und die Rechte macht damit momentan Stimmung. Mein Worst Case Szenario für Griechenland ist der faschistische Polizeistaat den sie vor nicht zu langer Zeit erst überwunden hatten.

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  6. Hallo Herr Kastner,

    Sie stellen die Frage, wie man die am Boden liegende Griechische Marktwirtschaft wieder in Gang bringen kann und geben eine Antwort darauf.

    Ihr Plan setzt voraus, dass es in Form einer griechischen Regierung oder Einmischung der EU eine den Griechen gut meinende Macht gibt die diese Reformen durchsetzt, mit oder gegen den willen der Bevölkerung.

    Ausserdem beinhaltet er, dass Reiche Griechen die "dreistellige Milliardenbeträge" bereits ins Ausland geschafft haben mit ihrem Kapital für die "Rettung" Griechenlands herangezogen werden.
    Ich fürchte diese Vorstellungen sind äusserst Utopisch und auch etwas über den Kopf der Griechischen Bevölkerung hinweg.
    Hier in diesem Forum wurde schon Häufig  die Akkumulation von Macht und Kapital (Fettaugensyndrom) als die eigentliche Ursache der Krise benannt.
    Siehe Sapere aude von GT )

    Da die Macht gerade in den Händen des Kapitals sitzt ist jede Beteiligung des Kapitals (ohne eine Revolution) ausgeschlossen.

    Was aber ist dann ein Gegenkonzept? Herr Eichner hat dies in diesem Blog wunderbar formuliert:

    "Das Gegenkonzept zu Machtkonzentration ist gerade die Abwesenheit von Machtkonzentration und es lässt sich natürlich nicht in gleicher Weise – wenn überhaupt – greifbar machen und medienwirksam darstellen. Die Abwesenheit von hoher, dauerhafter Machtkonzentration ist die Basis für Chancengleichheit und die Voraussetzung für das Schließen der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Arm und Reich."

    Die Abwesenheit von Machtkonzentration ist nahezu wörtlich übersetzt ins Griechische "Anarchia". (Abwesenheit von Herrschaft).
    Wie könnte ein anarchistischer Rettungsplan aussehen?

    Der Griechische Staatsapparat ist Zahlungs- und damit Handlungsunfähig. Er Ignoriert mit unglaublicher Arroganz den deutlich bekundeten Willen der Bevölkerung.
    Als Antwort darauf sehe ich, dass die Griechen im Gegenzug ihre Regierung ignorieren.

    Gerade in einer ländlichen Gesellschaft lässt sich das sehr gut bewerkstelligen. Regionen, Gemeinden können durch Einführung einer Komplementärwährung (ohne den euro abzuschaffen) lkale wirtschaftskreisläufe aufbauen.
    Anstatt Steuern an einen bedeutungslosen Staat zu zahlen die ohnehin im Schulden und Korruptionssumpf verschwinden können mit Ausgabe dieser Währung lokale Infrastukturprojekte bezahlt werden über die die Bürger im konsens entscheiden. Alle diese Verfahren sind in der Praxis erfolgreiche gewesen (von Wörgl bis Argentinien).

    Es stehen ausserdem inzwischen im Internet zahlreiche in ihrem wesen anarchistische Möglichkeiten offen um heute Finanzierungen von Projekten an den Banken vorbei zu erhalten. Beispielsweise crowd funding Plattformen wie KickStarter oder Privatkreditportale.

    Projekte könnten z.B. die Energieautarkie, oder Aufgaben der Öffentlichen Hand wie Nahverkehr, Wasserversorgung usw sein.

    Fakten Schaffen durch Besetzung zwangsenteigneter Häuser oder die Besetzung von Fabriken sind radikalere Schritte aber durchaus durchführbar.

    Letztendlich wird die Parlamentarische Demokratie am Ende in allen Augen das sein, was sie in Realität heute schon ist: ein inszeniertes Demokratieschauspiel Legitimation und damit letztendlich auch ohne Relevanz.

    Gruß

    AlienObserver

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    1. 1 von 2

      Hallo AlienObserver,

      so viele Punkte in Ihrem Kommentar, dass ich der Reihe nach vorgehen muss. Zu allererst zu dieser "es mit den Griechen gut meinenden Macht". Wer könnte das sein?

      Nun, ich meine, dass sollte die gewählte griechische Regierung sein bzw. hätte sein sollen. Eine der Grundregeln, wenn ein Land in externe Zahlungsschwierigkeiten gerät und sanieren muss, ist, dass das Land selbst, d. h. seine Regierung, sich zum Eigentümer des Problems und seiner Lösungen machen muss. Nur so hat die Regierung eine Chance, die Unterstützung der Bevölkerung zu behalten. Sobald eine Regierung als Erfüllungsgehilfe von externen Mächten wahrgenommen wird, hat sie das Match verloren.

      Ich habe von Papandreou ob seines Charismas, seines seriösen Auftretens, etc. immer sehr viel gehalten. Leider hat sich herausgestellt, dass er mehr der „Sohn seines Vaters“ war als eine richtungsweisende Führungspersönlichkeit. Papandreou hatte eine satte Mehrheit im Parlament. Wäre er sein Vater gewesen und hätte sein Vater diesmal – im Gegensatz zu vorher – verantwortungsvoll gehandelt, dann wären viele Dinge anders – und viel besser für Griechenland – gelaufen.

      Meines Wissens hatte Papandreou zunächst den richtigen Ansatz. Wenn ein Land in externe Zahlungsschwierigkeiten gerät, dann geht es zum IWF. Das ist die weltweit kompetente Stelle für solche Themen. Der IWF hätte die übliche Vorgangsweise verlangt: zunächst ein Debt Rescheduling mit allen privaten Gläubigern aller Auslandsschulden (n. b. nicht unbedingt aller Schulden des Staates, sondern aller Auslandsschulden – cross-border debt – des Landes).

      Um mit Gläubigern verhandeln zu können, muss der Schuldner etwas zur Party bringen. Das Standard Prozedere – unzählige Male in den letzten Jahrzehnten durchgespielt – ist, dass das Schuldnerland einen Sanierungsplan auf den Tisch legt. Das wäre das, was ich einen „langfristig angelegten wirtschaftspolitischen Entwicklungsplan“ nenne. Mit anderen Worten: nicht eine Troika sagt dem Land, was zu tun ist, sondern das Schuldnerland schlägt seinen Gläubigern vor, was es tun wird. Natürlich haben die Gläubiger letztendlich das Sagen, aber es darf nie der Eindruck erweckt werden, dass sie diktieren.

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    2. 2 von 2

      In Wirklichkeit verhandeln die privaten Gläubiger nur die Parameter des Reschedulings (neue Laufzeiten und Zinssätze) und nicht viel mehr. Ansonsten machen sie nur den IWF-Finanzierungsvorbehalt, d. h. Voraussetzung für ihre Bereitschaft zum Rescheduling ist eine Basisfinanzierung des IWF. Somit kann dann der IWF – sozusagen government-to-government – mit dem Schuldnerland die Auflagen verhandeln. Sollte es Ressentiments geben, dann richten sich diese dann gegen den IWF und nicht gegen andere EU-Länder. Da eine Umschuldung alleine bei weitem nicht ausreicht, muss dann mit der EU das Fresh Money verhandelt werden.

      Das alles wollte angeblich Papandreou ganz zu Anfang machen, aber seine EU-Kollegen haben ihn angeblich buchstäblich „zurückgepfiffen“. Sie argumentierten in ihrer selbstüberschätzenden Art, dass die EU doch innereuropäische Angelegenheiten alleine – d. h. ohne den IWF – regeln könnte. Was daraus geworden ist, wissen wir jetzt. Die EU hatte bisher leider keinerlei Erfahrungen mit dem Umgehen mit externen Zahlungsschwierigkeiten eines Landes.

      Leider war auch die griechische Regierung dieser Aufgabe ganz und gar nicht gewachsen. Sie hatte keine geeigneten Berater. Beispiel: ich habe zwar immer vehement gegen einen Schuldenschnitt argumentiert, muss aber eingestehen, dass man es nicht besser machen hätte können, als das Papademos gemacht hat. Wie das? Papademos hat sich sofort die weltweit besten Finanz- und Rechtsberater auf diesem Gebiet geholt (Lazard & Cleary Gottlieb) und das Ergebnis war eindrucksvoll. Hätte sich Papandreou Ende 2009 solche Berater geholt, dann wäre Griechenland jetzt schon wieder vorwärts (statt weiterhin rückwärts) unterwegs.

      Beispiel: man hat die griechischen Staatsausgaben zum alleinigen Übeltäter hochstilisiert, ohne zu berücksichtigen, dass sie an und für sich in Summe gar nicht so außer Kontrolle waren (gemessen am GDP deutlich unter Frankreich und Österreich, und natürlich ganz deutlich unter Skandinavien). Statt sie brutal und unintelligent zu kürzen, hätte man sie primär umschichten müssen („keine Pensionen für die Toten, damit man sie den Lebenden nicht kürzen muss“). Das Problem des griechischen Budgets ist viel mehr auf der Einnahmenseite (über 10 Prozentpunkte unter Frankreich/Österreich). Da hätte man sofort viel mehr tun können und müssen, als man bis jetzt insgesamt getan hat.

      Vor allem: eine kompetente Regierung hätte den Gläubigern klar gemacht, dass das Hauptproblem nicht das Budgetdefizit ist (das hatte Griechenland schon seit seiner Unabhängigkeit), sondern die griechische Volkswirtschaft, die ihre Existenzfähigkeit genauso verloren hatte, wie die ex-DDR nach der Einführung der DM. Und eine Lösung des Budgetproblems macht überhaupt keinen Sinn (kann auch nicht gelöst werden), bevor man nicht das Problem der Volkswirtschaft löst.

      Soweit (zu) ausführlich zum ersten Ihrer Punkte. Mal sehen, ob mir zu den anderen noch etwas einfällt.

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    3. Ich hoffe ich darf schon Antworten.

      Wie Sie vielleicht bemerkt haben bin ich nicht überzeugt, dass sich die wirklichen Probleme innerhalb dieses Finanz und Wirtschaftssystems regeln lassen.

      Die offensichtliche Unverfrorenheit mit der die Investmentbanken inzwischen in die Gesellschaft hineinregieren und sich am Gemeingut bedienen, ist für mich Beweis, dass keine Reform von oben herab eine Lösung erreichen wird. Sie wird immer einseitig zu Gunsten der Investmentbanken und "Gläubiger" ausfallen.

      Das "Vertrauen der Gläubiger" wiederzugewinnen wäre daher in meiner Prioritätenliste weit weit unten, ihr Untergang weit oben.

      Sie sind vielleicht nicht Jung genug um zu verspüren, dass es mit Organisiationen wie IWF oder Weltbank, Investmentbanken und Hedge Fonds keine Zukunft geben kann. Das Ende des Wachstums ist das Ende dieser Institutionen.

      Offensichtlich fehlen dem Kapitalismus jegliche Mittel um eine zukunftsfähige stabile Gesellschaft in einer Welt begrenzter Ressourcen aufzubauen, wie soll sich da Vertrauen entwickeln?

      Worum es hier auch geht ist, dass die Adam Smithsche Reduktion aller Menschlichen Beziehungen auf Marktforme Interaktion ein Ende haben muss.

      Tatsächlich bin ich nicht der Meinung, dass es eine Moralische und Ethische Verpflichtung ist Schulden zu bezahlen sondern sie zu Erlassen.

      Solange keinerlei Bereitschaft besteht diese moralische Verpflichtung zu einem Schuldenerlass zu erkennen gibt es kein Vertrauen.

      Vertrauen bedeutet, dass man den anderen nicht hängen lässt wenn er in Not ist. Vertrauen bedeutet ganz und gar nicht, dass Schulden Zurückgezahlt werden, sondern, dass auch der Gläubiger seinen Teil der des Risikos trägt.

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    4. Vielleicht abschliessend, in meiner Skizze einer "schleichenden anarchistischen Revolution" geht es mit nicht um die Wiederherstellung einer Wirtschaft im Gefüge der EU sondern um die wiederherstellung einer funktionierenden werteorientierten Gesellschaft die vielleicht wenn Sie Bereit ist Anschluß an das Wirtschaftsgefüge der EU finden kann, oder auch nicht.

      Wirtschaftsordnung dient der Gesellschaft (oder sollte es tun). Verlangt die Wirtschaftsordnung statt dessen die Unterordnung der Gesllschaft unter die "Zwänge" der "Globalen Finazindustrie" macht sie sich auf dauer überflüssig und muss überwunden werden.

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    5. Es tut mir immer sehr leid – und das ist jetzt ganz unabhängig von unserer Griechenlanddebatte -, wenn ich von jungen Leuten höre, dass es aus Gründen wie auch immer keine Zukunft geben kann. Das ist für mich viel zu resignierend. Ich würde mir wünschen, dass die Jugend noch die besten Zeiten vor sich sieht und damit das auch so kommt, wird sie die Zukunft aktiv mitgestalten. Und wenn es in Zukunft keine Hedge Fonds und dergleichen mehr geben soll, dann wird sie auch darauf hin zuarbeiten.

      Ich habe insgesamt 30 Jahre außerhalb meines Heimatlandes gelebt, davon 15 Jahre in Nord- und Südamerika. Ich glaube, dass wir im „alten Europe“ eine sehr eingeschränkte Sicht der Dinge haben. Im Großteil des Restes der Welt herrscht Aufbruchstimmung. Das Thema ist dort nicht, Bestandsrechte zu bewahren, sondern neue Ufer zu entdecken. Dass es dabei auch eine ganze Menge „creative destruction“ gibt, ist nur ein selbstverständlicher Teil des Fortschritts und man jammert nicht darüber.

      Wir im alten Europa haben eine Bewahrermentalität entwickelt; wir wollen unsere Besitzstände schützen, weil wir glauben, ein Recht darauf zu haben. So funktioniert aber die Welt nicht. Ich stimme Ihrer Kritik an den Exzessen des Kapitalismus zu. Ich stimme auch zu, dass der Finanzsektor mehr oder weniger außer Kontrolle geraten ist. Aber das hat es alleine in den letzten Jahrhunderten schon x-mal gegeben und jedesmal hat sich die Gesellschaft wieder aufgerafft und aus Fehlern der Vergangenheit gelernt.

      Die Welt zu verbessern, sollte doch die Mentalität der Jugend sein. Anarchie kann doch nicht den Traum einer besseren Welt erfüllen; oder?

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    6. Sie werden sicherlich als bekenender Konservativer Anarchie als "frei von Ordnung" verstehen. Chaos, das Recht des Stärkeren und fehlende Kontrolle durch die gesellschaft kann ich nur in der finanzindustrie entdecken. anarchie wie Sie sie meinen herrscht dort.

      Anarchie, oder lebertärer soziaismus, was gleichbedeutend ist, ist eine Gesellschaftsordnung von unten. Und ja, Sie kann eine
      Antwort sein, denn der Kapitalismus ist keine.

      ich habe in ihrem Blog gelesen, vieleichtlesen Sie in meinen um zu verstehen was ich unter den Herausforderungen der Zukunft verstehe. http://derblickausderferne.blogspot.de/2011/04/der-blick-aus-der-ferne-in-kurze.html

      Oder sie lesen das bei dem Physiker Tom Murphy nach, der ihnen die Probleme auf die wir zusteuern vorrechnet http://physics.ucsd.edu/do-the-math/

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    7. Nachtrag empfehlenswert Tim Murphys Dinner conversation"

      Oben sollte natürlich "Libertärer Sozialismus" stehen, verdammte Rechtschreibschwäche.

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    8. 1 von 2

      Jetzt möchte ich auf Ihren Punkt der Machtkonzentration eingehen bzw. auf den Vorschlag, die griechische Bevölkerung sollte ihre Regierung ignorieren und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen.

      Diesbezüglich hat es bereits (m. E. erfreuliche) Ansätze gegeben. Es gab/gibt diese „ich-zahle-nicht“ Bewegung, die damit begonnen hat, dass sich Autofahrer einfach geweigert haben, an den Mautstellen die Maut zu bezahlen. Stattdessen hinterließen sie Tickets mit der Aufschrift „ich-zahle-nicht“. In der Umgebung von Volos gibt es den Versuch, eine eigene lokale Währung einzuführen. Die „Kartoffel-Bewegung“ schaltet die offiziellen Zwischenhändler bei Obst & Gemüse aus. Viele Griechen ziehen auf das Land zurück, um dort von der Landwirtschaft zu leben. Etc., etc.

      Es geht aber hier um etwas anderes. Ein großer Teil der griechischen Bevölkerung hat – zu Recht – eine Wut auf die Regierung und alle „da oben“. Petros Markaris hat das in seinem Artikel „In Athen gehen die Lichter aus“ sehr gut beschrieben. Es gibt nicht „die Griechen“, genauso, wie es „die Deutschen“ nicht gibt. Es gibt einerseits die vielen aufrichtigen, rechtschaffenen, fleißigen, korrekten, enorm freundlich und herzlichen Griechen, die ihr Hemd ausziehen würden, um einem anderen zu helfen. Ich bin seit fast 40 Jahren mit einer Griechin aus einem kleinen Dorf verheiratet und würde meinen, dass diese Griechen nach wie vor in der Mehrheit sind.

      Es gibt aber auch „die anderen Griechen“. Das sind jene, die sich – weil sie vielleicht besser ausgebildet sind; weil sie vielleicht gewitzter sind; etc. – in den letzten 30 Jahren enorm, aber wirklich enorm bereichern konnten und dies zu Lasten ihrer eigenen Landsleute. Das sind übrigens auch jene, die ihr Geld im Ausland haben.

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    9. 2 von 2

      Die Tragik des heutigen Griechenlands ist, dass dieses schöne Land nicht von irgendwelchen Fremden kaputt gemacht wurde, sondern von den eigenen Landsleuten. Der Wohlstand, der sich bei diesen aufgebaut hat, ist nach mitteleuropäischen Maßstäben nicht zu beschreiben. Und zu glauben, dass es bei diesen heute Ausdruck der Demut geben könnte, wäre ein Irrglaube. Im Gegenteil: das Traurige ist, dass diese Griechen am meisten dann profitieren werden, wenn das Land komplett den Bach hinunter gehen sollte.

      Die Antwort kann jedoch nicht sein, den Staat zu ignorieren (das haben die Griechen ohnehin während der Ottoman-Zeit gelernt und seit der Unabhängigkeit zur Perfektion gebracht). Als liberal denkender Mensch bin ich der Meinung, dass man einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten braucht, da, wo er hingehört. Genauso, wie man bei einem Champions League Spiel einen sehr starken Schiedsrichter braucht.

      Wie die Griechen einen solchen Staat bekommen könnten, das ist die Preisfrage. Ich glaube nicht, dass das top-down geschehen kann, weil jede Elite ihre Besitzstände verteidigt. Ich lese soeben ein Buch („Why Nations Fail“) das argumentiert: wenn einmal in einer Gesellschaft eine korrupte Elite einzementiert ist und sich der Mehrheit bedient, dann ist das nur sehr, sehr schwierig zu ändern. M. E. geht das nur bottom-up. Ob die Griechen das schaffen werden, wage ich zu bezweifeln. 30 Jahre Fehlverhalten haben die Wertestruktur der Gesellschaft schon maßgeblich beeinflusst.

      Eine ganze Menge Griechen denkt ähnlich romantisch wie Sie, indem sie sich eine heile Welt vorstellen, wo die Menschen entweder Selbstversorger sind oder sich via Netzwerke versorgen. Das kann leider in Griechenland nicht funktionieren, weil das Land ohne Importe absolut nicht lebensfähig ist und mit Exporten bei weitem nicht genug verdient, um die notwendigen Importe zu bezahlen. D. h. Griechenland braucht Geld aus dem Ausland, um das einkaufen zu können, was die Griechen brauchen. Sollte dieser Geldfluss aus dem Ausland gestoppt werden, dann würde sich Griechenland binnen kürzester Zeit in ein zweites Kuba verwandeln.

      Ich bin voll bei Ihnen, wenn es um die Rolle der abstrakten Finanzmärkte in den letzten Jahren geht. Griechenland – im Gegensatz zu den anderen Ländern – wurde jedoch nicht ein Opfer der Finanzmärkte. Im Gegenteil, man könnte Griechenland loben, bei keiner der Spekulationsblasen dabei gewesen zu sein. Griechenland war leider ein Opfer seiner selbst.

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    10. Hallo Herr Kastner,

      im Moment sehe ich nicht wo das Geld herkommen sollte das die Griechen für den Import benötigen. So lange die Korrupte Elite Griechenlands die Gewinne vollständig abschöpft bleit nichts übrig.

      Meine Vorschläge zielen eben auf eine Reform von unten nach oben, die eine Erneuerung der Griechischen Wirtschaft ermöglichen. Fast so wie Sie sie beschreiben.

      Über lokale Wirtschaftskreisläufe kann eben der eine oder andere Betrieb sich in diesen entwickeln um irgendwann möglicherweise selbst auf einem Exportmarkt konkurieren zu können, ohne in dieser Zeit die Konkurenz durch Importe aus Deuschland fürchten zu müssen.

      Griechenland war nicht nur Opfer seiner eigenen Eliten sondern auch der Deutschen agenda 2010.

      Denn die Abhängigkeit von importen haben wir geschaffen. Durch das beständige Lohndumping das in DE seit 20 jahren statt findet und die Verweigerung Deutschlands sich an die in der EU vereinbarten Inflationsziele zu halten wurde die Griechische (und Portugisische, Italienische, Spanische ...) Wirtschaft tot konkuriert.

      Für eine freie selbstbestimmte Gesellschaft können Kredite des IWF keine Lösung sein, diese dienen oft als Fuß in der Tür um die Ziele der Investmentbanken durchzusetzen. Wie gesagt, es gibt auch andere Möglichkeiten Kredite zu erhalten, ohne Banken.

      Devisen kommen auch in großer Menge über den Tourismus ins Land und über Griechen die im Ausland arbeiten. Nötige Importe kann der Tourismus aber nur Finanzieren wenn die Gewinne bei den Menschen bleiben. Viele der Gewinne werden im Moment von ausländischen "Investoren" oder einheimischen "Fettaugen" abgeschöpft.

      Wir sind uns aber weitgehend einig. Die Korrupten Eliten müssen weg. Darum muss sich ein Erfolgreicher Vorschlag für Griechenland drehen. Sie sind es die die Gewnne, die Regierung, Polizei und alle Produktionsmittel kontrollieren.

      Das versprechen Vertikale mobilität innerhalb der Gesellschaft bleibt für junge gut ausgebildete Griechen ein Witz. Aufbruchstimmung ist schon lange Vorbei. Man spricht nicht umsonst von der 800 euro Generation.

      Diejenigen die sich bisher bedient haben zeichenen sich allein durch dir richtigen Kontakte aus. Ein kleine Gruppe von "Familien" hat sich oben eingemauert. Zugang zu Macht und Geld wird von ihnen kontrolliert.

      Eine direkte Konfrontation ist keine Lösung, sie könnte einen Bürgerkrieg auslösen der möglicherweise nur wieder neue ELiten nach oben bringt aber nichts ändert.

      Diese eliten "oben auszuhungern" ist etwas was man gerade im Moment tun kann. Wie sie schreiben haben das auch viele Griechen schon bemerkt. Ich sehe diese Handlungsweise nicht als "romantisch" sondern höchst rational.

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    11. Hallo Herr Kastner,

      eine Sache wollte ich noch zu den rechtschaffenen fleissigen armen loswerden und zwar mit den Worten von Oscar Wilde (The Soul of Man under Socialism
      1891)

      "The virtues of the poor may be readily admitted, and are much to be regretted. We are often told that the poor are grateful for charity. Some of them are, no doubt, but the best amongst the poor are never grateful. They are ungrateful, discontented, disobedient, and rebellious.

      They are quite right to be so. Charity they feel to be a ridiculously inadequate mode of partial restitution, or a sentimental dole, usually accompanied by some impertinent attempt on the part of the sentimentalist to tyrannise over their private lives. Why should they be grateful for the crumbs that fall from the rich man’s table? They should be seated at the board, and are beginning to know it.

      As for being discontented, a man who would not be discontented with such surroundings and such a low mode of life would be a perfect brute. Disobedience, in the eyes of anyone who has read history, is man’s original virtue.

      It is through disobedience that progress has been made, through disobedience and through rebellion. Sometimes the poor are praised for being thrifty. But to recommend thrift to the poor is both grotesque and insulting. It is like advising a man who is starving to eat less. For a town or country labourer to practise thrift would be absolutely immoral."

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    12. Dem kann ich nicht widersprechen. Ich halte es eher mit der Denke von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, mit der ich durch meine Tätigkeit für eine Raiffeisenbank vertraut wurde. Sein Ansatz, die Armut auf dem Land zu lindern, war, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Almosen waren für ihn nicht akzeptabel. Almosen verletzen die Würde eines Menschen. Oder wie das chinesische Sprichwort sagt: "Gib einem hungrigen Menschen einen Fisch und er wird einmal satt. Lehre ihn das Fischen und er wird sein Leben lang nicht mehr hungern".

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    13. 1 von 2

      AlienObserver
      Ich beziehe mich auf Ihren Beitrag von 10:25.

      Hier muss ich ein paar Fakten bzw. Missverständnisse Ihrerseits klarstellen. Ignorieren Sie zu diesem Zweck den Staat per se und stellen Sie sich nur das ganze Land Griechenland vor. Dieses Land hat im Jahr 2011, also im 3. Jahr der Rezession, immer noch 1.372 Euro im Ausland ausgegeben (Importe, etc.) für jede 1.000 Euro, die es im Ausland verdient hat (Exporte, Tourismus, etc.). Es ist das, was man als „über die Verhältnisse leben“ verstehen muss und nicht so sehr das Budgetdefizit. Der griechische Angestellte, der sich mit seinen Ersparnissen ein Smartphone kauft, hat keine Ahnung, dass er damit die Auslandsschulden des Landes erhöht; es ist aber so: seine Bank, die das Geld zum Hersteller im Ausland überweist, tut das mit Geld, das sie sich von der EZB leihen muss. Bei Smartphones ist das noch ok, weil Griechenland keine Smartphones herstellt bzw. herstellen kann. Wenn das gleiche aber mit Obst, Gemüse, Olivenöl, Fischen und sonstigen Lebensmitteln gemacht wird, die an und für sich zum Standardrepertoire Griechenlands gehören, dann grenzt das an Dummheit. Das müsste eigentlich die griechische Regierung stoppen, aber wenn sie es nicht tut, dann müssten es die Geldgeber (EZB) tun.

      Sie fragen, wo das Geld herkommen soll, das die Griechen für ihre Importe brauchen. Wie gesagt, es kommt von der EZB. In den letzten 4 Jahren hat die EZB weit über 100 Mrd. EUR nach Griechenland geschickt. Rund 70 Mrd. davon wurden von Griechen gleich von der Bank abgehoben (laut Bank of Greece davon 25-30 Mrd. EUR ins Ausland überwiesen). Der Rest ging ins externe Defizit. Kann man das als Hilfe zur Selbsthilfe betrachten? Ich meine nicht! Kann man Rettungskredite an den Staat, von denen weniger als 20% beim Staat bleiben, damit er seine Rechnungen zahlen kann, als Hilfe zur Selbsthilfe betrachten? Ich meine nicht!

      Es ist ein Irrtum, dass Griechenland (und andere) Opfer der Agenda 2010 geworden seien. Ohne die Agenda 2010 wäre heute die deutsche Arbeitslosigkeit jenseits der 5 Millionen. Die Agenda 2010 hat Deutschland Weltmarktanteile abgesichert und nicht EZ-Anteile (Deutschlands Exporte in die EZ sind meines Wissens heute niedriger als zu Beginn des Euros). Sie erinnern sich an das Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ Ich lebte damals in Deutschland und konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass es in Deutschland zu meinen Lebzeiten noch einmal aufwärts gehen würde. Deutschland kann seine Bürger aus eigener Kraft nicht beschäftigen. Es braucht dazu Kunden außerhalb von Europa. Sollten diese Kunden wegbrechen (weil Deutschland zu teuer wird), dann explodiert die Arbeitslosigkeit sofort. Merkel könnte Schröder jeden Tag eine Kerze für seine Agenda 2010 anzünden (sie selbst hätte das wohl nicht geschafft).

      Natürlich weiß ich, dass sich Deutschlands Erholung sehr stark auf dem Rücken der Niedrigverdiener abgespielt hat, aber wenn man 5 Millionen Arbeitslose vor Augen hat, ist zunächst einmal alles recht und billig. Jetzt, wo der Turn-around gelungen ist, sollte man sich Gedanken machen, wie man die Gesellschaft im Allgemeinen am Erfolg partizipieren lassen kann, vor allem die einkommensschwachen Schichten.

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    14. 2 von 2

      Trotzdem dürfen Sie nicht vergessen, dass es in Zeiten der Globalisierung nicht um die EZ und auch nicht um Deutschland geht. Unser europäischer Wohlstand und unsere Vormachtstellung sind nicht mehr so abgesichert, wie sie es in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten waren. Aus der Sicht von außerhalb Europas sind wir Europäer „die Faulpelze der Welt“. Wir konnten unseren Wohlstand aufbauen, indem wir dem Rest der Welt unsere Produkte verkauften und der Rest der Welt bezahlte diese mit Rohstoffen und Fremdenverkehrsangeboten (ich vereinfache natürlich). Jetzt melden sich diese Länder zu Wort und sagen: „Moment mal, wir können selbst auch etwas schaffen. Vielleicht sogar mehr als Ihr. Wir kommt Ihr dazu, dass Ihr so gut von uns lebt?“ An und für sich grundvernünftige Fragen, nicht wahr?

      Zurück zu Griechenland. Jemand möge mir erklären, wie man von Griechen das gleiche erwarten kann wie von Mitteleuropäern. Griechenland hat ca. 150 v.Ch. aufgehört, als Land zu existieren und 1832 erst wieder angefangen. Dazwischen war dieses Land römischen und osmanischen Mächten untergeordnet und diese Mächte haben mit Sicherheit innerhalb der heutigen Grenzen Griechenlands keine Entwicklung vorangetrieben (nicht einmal eine Verwaltung aufgebaut). In Mitteleuropa gab es fast ununterbrochen Kriege (die den ökonomischen Nutzen haben, die „Wettbewerbsstärken“ der Sieger zu steigern); es gab Martin Luther und es gab die Aufklärung. Seit 1832 war Griechenland mindestens die Hälfte der Zeit zahlungsunfähig und die ganze Zeit abhängig von Sponsoren aus dem Ausland. In der Moderne waren dies zunächst die USA, die ein Bollwerk gegen den Kommunismus brauchten. Dann darf man die Gastarbeiter nicht vergessen, deren Rücküberweisungen maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufbau Griechenlands beigetragen haben. Tja, und dann kamen die EU mit ihren Förderungen und der Euro mit den billigen Krediten. Wann, bitte, sollte dieses Land gelernt haben, wie man sich selbst erhält? Das jetzt dem Land zu zeigen, ist, was ich Hilfe zur Selbsthilfe nennen würde. Letztendlich ist die Lösung Griechenlands ganz einfach: das Land braucht Arbeitsplätze, die einen vernünftigen Lebensstandard ermöglichen und die dem Staat ein Steueraufkommen bringen. Diagnose ganz einfach; Lösung sehr schwierig.

      Übrigens, was die heimischen „Fettaugen“ abgeschöpft haben, waren nicht unbedingt Gewinne. Wenn es heute 3-stellige Mrd. EUR Beträge auf ausländischen Bankkonten gibt, dann bestimmt nicht, weil dieses Geld in Griechenland „verdient“ wurde. Ein Großteil kam ins Land als Schulden des Staates und verließ das Land wieder als Privatvermögen. Auch das kann man „recycling“ nennen.

      Solange dieses Land nicht von Grund auf reformiert wird, hat es m. E. nicht allzu viel Sinn, dem Staat mehr als das absolut notwendige Geld zu geben. Ansonsten stärkt man nur die Besitzstände jener, die das Land in Grund und Boden gefahren haben.

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  7. Hallo Herr Kastner,

    nur eine Zwischenbemerkung von mir. Sie schreiben:

    "Und eine Lösung des Budgetproblems macht überhaupt keinen Sinn (kann auch nicht gelöst werden), bevor man nicht das Problem der Volkswirtschaft löst."

    Das kann m. E. gar nicht oft genug betont werden, gerade weil es in der seit Beginn der Schuldenkrise geführten Debatte über die Lösungsmöglichkeiten NIE eine zentrale Rolle gespielt hat. Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert.

    Es ist - mit Blick auf skeptische Leser und Stimmen - für das Verständnis Ihrer Vorschläge auch wichtig zu betonen, dass man zwar alle Problemkomponenten der Krise sehen, sie aber nicht in einen Topf werfen darf (also etwa die Schwächen der Konstruktion der Währungsunion, Schwächen der Finanzmarktregulierung, marktstrukturelle Probleme, wirtschaftsstrukturelle Schwächen, politisches Versagen etc.). Ansonsten kann man die Krise nicht erklären und auch keine adäquaten Lösungen finden.

    Leider ist das seit Beginn der Finanzmarktkrise nicht oder allenfalls ansatzweise geschehen und so verwundert es nicht, dass bis heute keine probaten Konzepte zur Überwindung der zur Schuldenkrise ausgewachsenen Finanzmarktkrise gefunden worden sind und die Wirtschaftskrise (fälschlicherweise) nur als eine Art Anhängsel betrachtet wird, dass sich mit der Stabilisierung der Finanzmärkte von alleine erledigt.

    Ganz nebenbei bemerkt wirft das alles natürlich kein gutes Licht auf unsere führenden Ökonomen.

    Viele Grüße
    SLE

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  8. Hallo Kleingut,

    Ich habe ihr essay über "leftism" überflogen, mich würde daher nicht wundern wenn diese Diskussion hier erstirbt.

    Nicht, dass ich nicht ähnliche Erfahrungen im linken Jugendgruppen aus der Veganen Tierschutzszene oder der EMO oder Punk Bewegung gemacht hätte, aber aus den Beobachtungen der eigenen Tochter Rückschlüsse auf eine der zentralen Bewegungen des Industriezeitalters zu machen ist doch etwas übetrieben.

    Sehen sie "low self-esteem, feelings of powerlessness, depressive tendencies, defeatism, guilt, self-hatred, etc." Beispielsweise in der Occupy Bewegung oder bei Intellektuellen der Linken wie Noam Chomsky, Jürgen Habermass oder Daniel Graeber?
    Waren Marx, Engels oder Bakunin in Wirklichkeit "übersozialisiert" weil sie der Meinung waren das die Arbeiter des Viktorianischen England augebeutet wurden?

    Was ich oben geschrieben habe wiederspricht sicher dem Weltbild dem Sie sich 40 Jahre als Banker Verschrieben haben. Anzuerkennen, dass möglicherweise die Linken recht haben könnten fällt schwer.

    Wie schreibt der Konservative Charles Moore im Telegraph:

    "I'm starting to think that the Left might actually be right

    What with the the phone-hacking scandal, the eurozone crisis and the US economic woes, the greedy few have left people disillusioned with our debased democracies.

    It has taken me more than 30 years as a journalist to ask myself this question, but this week I find that I must: is the Left right after all? You see, one of the great arguments of the Left is that what the Right calls “the free market” is actually a set-up.

    The rich run a global system that allows them to accumulate capital and pay the lowest possible price for labour. The freedom that results applies only to them. The many simply have to work harder, in conditions that grow ever more insecure, to enrich the few. Democratic politics, which purports to enrich the many, is actually in the pocket of those bankers, media barons and other moguls who run and own everything ..."

    http://www.telegraph.co.uk/news/politics/8655106/Im-starting-to-think-that-the-Left-might-actually-be-right.html

    Mit diesen Problemen allerdings muss sich meine Generation befassen. Lösungswege wie Sie sie Vorschlagen verlassen die ausgetretenen Pfade die auf den Abgrund zuführen nicht. Und diesen Abgrund zu Ignorieren auf den wir zusteuern können wir uns nicht leisten.

    Vieleicht beschäftigen sie sich doch mit der anstössigen Idee, das die Linken manchmal recht haben könnten und die Vorschläge die ich gemacht habe durchaus realistisch sind, meiner Meinung nach weitaus realistischer als Ihre natürlich.

    Ich berufe mich dabei übrigens auf Gesellschaftstheoretische Literatur von David Graeber, (Anthropologe, früher Harvard jetzt University London ), der sich mit dem Zusammenbruch von Regierungen und Anarchie beschäftigt hat.

    Fragments of an Anarchist Anthropology , David Graeber
    (http://www.amazon.de/Fragments-Anarchist-Anthropology-Graeber/dp/0972819649/ref=sr_1_6?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1335294340&sr=1-6)

    Ich rate auch zu Autoren wie Keith Hart (Economic anthropology) http://www.amazon.de/Economic-Anthropology-Keith-Hart/dp/074564483X die vielleicht von Ökonomen Generell mehr gelesen werden sollten.

    Gruß

    AlienObserver

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    1. Ich glaube, wir sollten in diesem Blog beim Thema bleiben und das war ja mein Artikel über Griechenland. Wir können aber diesen Gedankenaustausch gerne in meinem Blog "Reflections" fortsetzen (und ich würde das auch sehr gerne tun!), aus dem sie den Artikel über "Modern Leftism" zitiert haben. Sie sollten übrigens diesen Artikel, der inhaltlich nicht von mir stammt, gemeinsam mit dem Artikel "Two views of America" lesen, der inhaltlich von mir stammt. Er wurde im gleichen Monat veröffentlicht.

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    2. Danke für die Einladung. Ich würde mich ebenfalls uaf eine Diskussion freuen. Bei gelegenheit setzen wir diese auf ihrem Blog fort.

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    3. Hallo Herr Kastner,

      Ich habe ihre Einladung zu einer Diskussion auf meinem Blog aufgegriffen.

      Mein Text wurde als Kommentar auf Ihrem TINSTAAFL Blog leider zu
      lang.

      Gruß

      AlienObserver

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  9. Sehr geehrter Herr Kastner,

    ihr Plan laeuft aus meiner Sicht darauf hinaus, auf griechischem Territorium Kondensationspunkte fuer junge "Fettaugen" zu setzen, um so dem Fettaugensyndrom entgegen zu wirken. D.h. ihre Vorschlaege laufen darauf hinaus, anderen Territorien, auf denen ihr Plan ja schon erfolgreich umgesetzt wurde, Konkurrenz zu machen, in der Hoffnung, die etablierten Fettaugen dort wuerden zu Gunsten der neuen, griechischen schrumpfen, um so einem Gleichgewicht naeher zu kommen.
    Diese Hoffnung ist der Kern des Problems! Wenn man genau hinschaut, haben Japan, Suedkorea und andere sog. Tigerstaaten genau das gemacht, was Sie vorschlagen. Die haben sich strategisch wichtige Industrien ausgewaehlt und diese dann unter Protektion gestellt. Unter dem staatlichen Schutz wurden diese Industrien soweit hochgepaeppelt, bis sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfaehig waren. Das sieht dann an der Oberflaeche, beschrieben durch BIP, BIP Wachstum und BIP pro Kopf alles ganz nett aus. Aber wenn Sie in diese Laender reisen und das Luxushotel verlassen, um hinter die Kulissen zu schauen, dann werden Sie etwas feststellen, was meiner Meinung nach einem aufgeklaerten und modernen Menschen nur grosses Unbehagen verursachen kann.
    -
    Sie hatten als Banker das Privileg die Struktur der Bankbilanz, damit meine ich die jeweiligen Verteilungen der Guthabenkonten und der Schuldkonten, und deren zeitliche Entwicklung unmittelbar vor Augen zu haben. Mich wuerde interessieren, ob das, was Sie beobachten konnten und ich als Fettaugensyndrom beschreibe zusammen passt?
    -
    Hier nochmal eine Zusammenfassung, wie sich mir das Problem darstellt:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/wirtschaft-ein-optimierungsproblem.html
    Ich hoffe, es ist erkennbar, dass ich Verhaltens- und Denkweisen, also etwas, was man aendern kann, und nicht Personen zu kritisieren versuche. Allerdings komme ich nach 5 Jahren Krise und negativem Fortschritt an allen Fronten nicht umhin Dummheit, Verbohrtheit und Stuemperei als solche zu bezeichnen. Ich hoffe Sie verzeihen mir das und nehmen es nicht persoenlich.

    Mit freundlichen Gruessen
    Georg Trappe

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    1. Sehr geehrter Herr Trappe,

      mein Vorschlag läuft auf eine ganz einfache Frage hinaus: wie kann man in Griechenland neue Arbeitsplätze schaffen, die den Menschen einen vernünftigen Lebensstandard ermöglichen und die Steuern abwerfen (Lohn-/Einkommensteuer, Körperschaftssteuer, Dividendensteuer), damit der Staat jene Aufgaben erfüllen kann, die sich die Gesellschaft von ihm erwartet?

      Nachhaltige Arbeitsplätze kann man nie „schaffen“ per se. Sie „entstehen“ im Spannungsfeld zwischen Kundenbedürfnissen und Unternehmensangeboten (auf das Thema, ob diese Kundenbedürfnisse „echte“ Bedürfnisse sind oder von Unternehmen erzeugt werden, möchte ich jetzt nicht eingehen).

      Griechenland war zwar nie ein Industrieland, aber es hatte vor dem Euro eine ganze Reihe von exportorientierten Unternehmen (z. B. Zucker). Diese Arbeitsplätze hat der Euro vernichtet (sorry, nicht der Euro, sondern die verrückte Politik des billigen und schier unbegrenzten Kredites). Der Euro hat überall dort Arbeitsplätze geschaffen, wo man das geborgte Geld recyclen konnte (Dienstleistungen). Es ist natürlich wunderbar, wenn viele neue Arbeitsplätze in Restaurants, Tavernen, Bars, etc. geschaffen werden. Auf Dauer funktioniert das aber nur, wenn das Geld, das dort ausgegeben wird, irgendwo durch Wertschöpfung verdient wird. Wenn das Geld jedoch von einem Arbeitgeber verdient wird, der das hohe Gehalt nur deswegen bezahlen kann, weil er Kredite aufnimmt, dann stürzt diese Pyramide früher oder später ein.

      Sie stellen im Prinzip das Wirtschaftssystem in Frage. Das ist legitim. Als liberal eingestellter Mensch (man könnte mich neoliberal im klassischen Sinn nennen, nicht aber in jenem Sinn, in dem Neoliberalismus heutzutage vielerorts missverstanden wird) würde es mir heute in vielen Fällen leichter fallen, die Linke als die heute gelebte Liberale zu argumentieren.

      Ich begann mein erstes Studium (USA) im Herbst 1968. Im Sommer davor bekamen wir von der Uni eine Leseliste von Büchern zugeschickt. Wir sollten diese Bücher vor Beginn des Studiums lesen, um uns auf das Studium einzustellen. Ein Buch hieß „Wohlstand ohne Wachstum“. Es war kein Buch, sondern eine Sammlung von Aufsätzen anerkannter Persönlichkeiten. Jeder Aufsatz begann mit der Prämisse, dass unendliches Wachstum rein logisch nicht möglich sei. Die Denke war in etwa: mit Wachstum kann jeder Wohlstand schaffen. Die wahre Kunst (und Pflicht des verantwortungsvollen Bürgers) ist es, Wohlstand ohne Wachstum zu schaffen. Seither hat sich in der Denke Amerikas etwas geändert…

      Ich will damit nur sagen, dass die Denke, die Sie und viele andere vertreten, nicht unbedingt radikal neu (und schon gar nicht zu kritisieren) ist. Ich meine halt nur, wenn das Haus in Brand gerät, dann muss ich zuerst einmal den Brand löschen, bevor ich mich um die ökologische Verbesserung des Hauses kümmern kann.

      Solange der Mensch nicht völlig autark leben kann, braucht er etwas von anderen Menschen. Er muss sich also einfallen lassen, was er anderen Menschen geben kann, damit diese ihm das geben, was er braucht. Der Zahnarzt braucht den Bäcker, um Brot zu bekommen und der Bäcker den Zahnarzt, um seine Zähne zu reparieren. Mein Ansatz ist, wie man den Bäcker motivieren kann, ins Restaurant zu gehen, damit das Restaurant weiterhin Brot bei ihm kaufen kann.

      KK

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  10. Nun mir geht es weniger um den oekologischen Umbau eines brennenden Hauses.
    Vielmehr versuche ich den wirklichen Ursachen der seit 5 Jahren eskalierenden Probleme und den dafuer Verantwortlichen naeher zu kommen. Denn ich bin der Auffassung, dass man ein Problem nur dann loesen kann, wenn man seine Ursachen wirklich verstanden hat. Ihre Antwort entspricht in etwa dem, was ich von Ingenieuren in aehnlich gelagerten Faellen gewohnt bin, wenn sie sich in eine Idee verliebt haben, die sich als problematisch herausgestellt hat. Sie weichen aus und/oder versuchen die Missstaende mit Leukoplast zu ueberkleben, um so Zeit zu gewinnen, in der sie die ultimative Ueberlegenheit ihrer Idee dann unter Beweis zu stellen hoffen. Soetwas hat mich aber immer nur in meinem Streben, den Sachen auf den Grund zu gehen, um dann das Uebel an der Wurzel packen zu koennen, bestaerkt.
    Ich gehe also mal fuers erste davon aus, dass Sie die fundamentalen Probleme aka Fettaugensyndrom und seine Auswirkungen u.a. auf Bankbilanzstruktur auch sehen bzw. gesehen haben und wissen, das ihr Vorschlag keine wirkliche die Ursachen behebende Loesung darstellt.
    -
    By the way. Die US Banker haben das Fettaugensyndrom natuerlich auch gesehen. Die Idee, die die Jungs an der Wall Street hatten war "genial" und fast schon sozialistisch. Zum einen haben sie die "Versicherungsloesung" in Form von CDS gezogen, um die Risiken zu verteilen und zum anderen haben sie ihre tausendfachen, immer wackliger werdenen Forderungen/Aktiva verbrieft (nicht ohne zu vergessen das vergammelte Haehnchenfleisch vorher durch den Wolf zu drehen und per Ratingagenturen in triple A rated USDA Black Angus (Hack)Steak um eteketieren zu lassen) und an diejenigen verkauft, die mit dicken Habenkonten/Passiva zu Buche standen. Das nennt man Schuldenerlass made in USA. Boni gabs ja reichlich dafuer. Und wenn Sie sich jetzt fragen, was das mit Griechenland und den von der Wall Streetlern PIGS getauften Staaten und der dort ablaufenden Tragoedie zu tun hat, dann lesen Sie doch mal hier:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/was-die-entwicklung-der-target2-salden.html

    GT

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    1. Herr Trappe, die Ursachenforschung ist doch ganz einfach (und bei allen Finanzkrisen immer die gleiche): mit dem Geld anderer Leute wird verantwortungslos umgegangen. Mit dem eigenen Geld geschieht das viel weniger. Außerdem habe ich noch nie gehört, dass der Staat einen Spekulanten in Las Vegas retten musste. Warum nicht? Weil dieser Spekulant sein eigenes Geld verspielt hat.

      Jetzt muss man natürlich Ursachenforschung hinter obiger Ursachenforschung machen. Risken gibt es immer, aber in Boom-Zeiten sehen die Verwalter des Geldes anderer Leute die Risken nicht. Das hat sich in der Geschichte immer wiederholt und wird sich auch in Zukunft wiederholen, egal, was man glaubt, aus der jetzigen Krise gelernt zu haben. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Eurozone heute noch prima funktionieren würde, wenn man mit dem Geld anderer Leute sorgsam umgegangen wäre.

      Zum Thema Target-2 habe ich unendlich viel geschrieben (auch in meinem Blog). Ich bilde mir ein, wir hätten uns diesbezüglich schon einmal ausgetauscht. Natürlich haben Sie Recht, dass Target-2 zunächst einmal das Geld nach Griechenland gebracht hatte, welches Banken aus Griechenland abgezogen hatten. Aber man darf nicht vergessen, dass Target-2 seither das macht, was vorher die Banken gemacht haben – das Leistungsbilanzdefizit und die Kapitalflucht finanzieren. Solange die EZB das macht, kann kein Land wirklich zahlungsunfähig werden. Ob diese beiden Verwendungszwecke vertretbare Verwendungszwecke sind, wage ich sehr ernsthaft zu bezweifeln! (egal, ob sie von Banken oder von der EZB finanziert werden).

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    2. Nun wollen Sie mich hinters Licht fuehren Herr Kastner. Die Ursachenforschung ist nicht einfach! Und das liegt daran, das es nur so von Unwahrheiten wimmelt. Eine wollten Sie gerade geschickt benutzen, um den unangenehmen Konsequenzen, die daraus ihrem Berufsstand erwachsen zu entkommen. Sie schrieben: "...mit dem Geld anderer Leute wird verantwortungslos umgegangen." Das Maerchen, das Banken das Geld anderer Leute verleihen und als Mittler zwischen Sparern und Schuldner agiert, ist so nicht wahr. Banken haben das Potential zur Geldschoepfung. Das heisst der Kreditausschuss der Bank und nur der!entscheidet in eigener Verantwortung wann, wer, wofuer und wieviel Geld bekommt. Das Geld schoepft die Bank dabei ex nihilo. Wenn Sie nun erwidern, warum werben Banken Einlagen ein, dann ist die Antwort: Weil sie so ihre Konkurrenten zur passiven Geldschoepfung zwingen in dem die Bank, die zuvor Geld geschoepft hat und die Einlage an die Konkurrenz verliert, vor die Wahl gestellt wird die abgeflossene Einlage/Passiva durch eine kurzfristige oder hoeher verzinste Einlage
      von der Konkurrenz, zu der die Einlage geflossen ist, zu ersetzen oder die Bilanz entsprechend zu verkuerzen.
      Im Fall Griechenlands haben die Nordbanken also in eigener und alleiniger Verantwortung Geld geschoepft und als Kredite vergeben. Und das exezessiv. Gleichzeitig haben sich diese tollen Banker von ihren US Kollegen Schrott andrehen lassen, worauf ihnen seit 2007 nichts besseres einfaelt, als den Suedlaendern die Kredite zu entziehen oder nur zu exorbitanten Zinsen zu verlaengern.
      Also bitte versuchen Sie nicht noch einmal mich auf den Arm zu nehmen!
      Siehe auch:
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/die-banken-sind-die-dummen.html
      und
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/eine-theorie.html
      und
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/banken-und-die-geldschoepfung.html

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    3. 1 von 2
      Ich möchte Sie mit Sicherheit nicht auf den Arm nehmen, Herr Trappe! Mein Begriff „Geld anderer Leute“ ist nicht das, was Sie meinen. Ich meine damit nicht nur Kundeneinlagen; viel mehr als das!

      Es gibt wohl keine größere Bank, deren Kredite zur Gänze oder größtenteils mit Kundeneinlagen finanziert sind. Bei manchen Banken ist diese Quote unter 50%. Ein erheblicher Teil der Refinanzierung einer Bank kommt aus dem Interbankmarkt (und in letzter Zeit von der EZB). Langfristig und strategisch schaut eine Bank natürlich schon, wie hoch ihre vernünftige Finanzierungskapazität ist (auch vorgegeben von EK-Quoten). Kurzfristig finanziert sie und holt sich anschließend allfällig benötigte Liquidität am Geldmarkt.

      Was ich mit „Geld anderer Leute“ meine, ist, dass es sich hier nicht um eigenes Geld der Entscheidungsträger handelt. 1972 hat man uns Trainees bei einer amerikanischen Großbank eingehämmert „Geht mit dem Geld der Bank immer so um als wäre es Euer eigenes Geld!“ Die Zeiten solcher Banker-Kulturen sind natürlich längst vorbei. Leider!

      Ein einzelne Bank kann nicht wirklich „Geld schöpfen“. Sie kann sich Geld, das sie braucht und nicht hat von anderen Banken ausleihen und/oder von der Notenbank als lender of last resort. Die einzelne Bank hat also immer Aktiva und Passiva, wobei die Passiva wiederum die Aktiva eines Dritten sind. Die Volumina können natürlich sehr aufgeblasen sein. Nehmen Sie an, eine Bank platziert interbank am Vormittag 1 Mrd. EUR im Geldmarkt und nimmt am Nachmittag 1 Mrd. EUR auf. Gibt es jetzt diese Milliarde oder nicht? Nicht wirklich! Würde man alle Banken konsolidieren, wäre die Bilanzsumme wesentlich niedriger, als wenn man sie aggregiert (genauso wie beispielsweise die Brutto-CDSs wesentlich höher sind als das Netto-Risiko).

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    4. 2 von 2
      „Geld schöpfen“ tut natürlich die Notenbank, weil ihren Passiva keine Aktiva eines Dritten gegenüber stehen. Sorry, ich korrigiere mich. Die Aktiva, die den Passiva der Notenbank gegenüber stehen, sind Forderungen der Steuerzahler und der nächsten Generation…

      Was macht der Treasurer einer Bank? Vereinfacht ausgedrückt, schaut er gegen Ende des Tages, wie hoch der Saldo aus den Geschäften ist. Entweder hat er Überschüsse oder Defizite. Überschüsse platziert er im Geldmarkt, Defizite nimmt er im Geldmarkt auf.

      Es ist nicht so, dass deutsche Banken bewusst gesagt haben „Wir finanzieren sub-prime und Griechenland, nicht aber den deutschen Mittelstand“ (obwohl das im Ergebnis stimmt). Ein Leistungsbilanzüberschuss muss zwingenderweise vom Bankensystem ins Ausland exportiert werden. Das ist Mathematik. China und Deutschland sind derzeit dazu verdammt, die Defizite anderer Länder zu finanzieren.

      Jetzt kommt der Huhn-Ei-Prozess: verursacht der Leistungsbilanzüberschuss die Kapitalexporte oder sind es die Kapitalexporte, die zu einem Leistungsbilanzüberschuss führen? Mein Argument ist (ich lasse mich aber gerne korrigieren), dass der Prozess immer mit der Überweisung von Geld beginnt. Würden ausländische Importeure nichts nach Deutschland überweisen, würden deutsche Exporteure nichts liefern und es gäbe keinen Leistungsbilanzüberschuss. In dem Moment, in dem Banken Geld nach Griechenland überweisen (beispielsweise als neue Staatsfinanzierung), hat das griechische Bankensystem Liquidität, die es zur Bezahlung von Importen aus Deutschland verwenden kann. Hätte es diese Liquidität nicht, könnte nichts nach Deutschland überwiesen werden; es gäbe keine Importe aus Deutschland und Deutschland hätte keinen Leistungsbilanzüberschuss.

      Das große Problem bei Staatsschulden war/ist, dass die Bankregulatoren in ihrer uneingeschränkten Weisheit gesagt haben, dass Staatspapiere risikolos sind. Laut Basel-II ist der Kredit an die Siemens AG Risiko und muss mit Eigenkapital unterlegt werden. Der Kredit an Griechenland hingegen ist kein Risiko und muss nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Das Kreditvolumen an Nicht-Staaten ist durch die EK-Quote begrenzt, das Kreditvolumen an Staaten ist unbegrenzt. „Crowding out“ hat man das seinerzeit in Amerika genannt.

      Die LTRO-Maßnahmen der EZB stellen banktechnisch den wahnwitzigen Prozess dar, dass man Banken motiviert, nahezu uneingeschränkt Staatsrisiko anzuhäufen, welches Risiko regulatorisch null, in Wirklichkeit jedoch sehr hoch ist. Würde das den seinerzeitigen Test bestehen, mit dem Geld der Bank nichts zu machen, was man nicht auch mit seinem eigenen Geld machen würde? Mit Sicherheit nicht!

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    5. Sehr geehrter Herr Kastner,
      Sie schrieben:
      "Ein einzelne Bank kann nicht wirklich „Geld schöpfen“."
      Das ist falsch und entspricht nicht den Tatsachen.
      Ich stuetze mich dabei unter anderem auf die deutsche Bundesbank:
      "In der Regel gewährt die Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit und schreibt ihm den entsprechenden Betrag auf dessen Girokonto gut. Wird dem Kunden ein Kredit über 1.000 Euro gewährt (z.B. Laufzeit 5 Jahre, 5 %), erhöht sich die Sichteinlage des Kunden auf seinem Girokonto um 1.000 Euro. Es ist Giralgeld entstanden bzw. wurden 1.000 Euro Giralgeld geschöpft. Die Giralgeldschöpfung ist also ein Buchungsvorgang."
      Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2011, S. 68ff

      Damit stehe ich vor der Situation, dass ein Ingenieur der Elektrotechnik, der das ohmsche Gesetz bestreitet ( das ist die in der Sekundarstufe vermittelte fundamentale Grundlage, die den Zusammenhang zwischen Spannung, Strom und eletrischem Widerstand beschreibt)mit mir eine etwas kompliziertere Schaltung diskutieren will, die gerade vor unseren Augen abgebrannt ist und seinen Vorstellungen nach nicht haette abbrennen koennen.
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      Soetwas ist meiner Erfahrung nach hoffnungslos.
      Ich schreibe also das Folgende eher fuer diejenigen, die hier evtl. mitlesen und den Ausfuehrungen der Bundesbank sowie der Logik mehr vertrauen, als einem Banker, der als bekennder Liberaler hier mit Rezepten aufwartet, die das loesen sollen, was aus dem entstanden ist, was er bestreitet.
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      1.) Geschaeftsbanken haben das Potential zur Geldschoepfung (s.o. und http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/04/banken-und-die-geldschoepfung.html)
      2.) Dieses Poential ist nur durch Eigenkapitalanforderungen an die Bank und durch die Faehigkeit zur Stellung von Sicherheiten auf Seiten der Schuldner begrenzt.
      3.) Daraus ergibt sich die Moeglichkeit einer sich selbstverstaerkenden Mitkopplung der Gestalt, dass

      Die Bank Geld schoepft und als Kredit fuer sog. Assets vergibt.
      Diese Assets selber als Sicherheit gestellt werden.
      Diese Assets in Folge der expansiven Kreditvergabe im Preis steigen
      und so eine Illusion von Wertsteigerung kreieren, die die Nachfrage nach Kredit weiter antreibt.
      Worauf die Bank weiter Geld schoepft und als Kredit fuer den Kauf von Assets vergibt.
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      Im Fall der US Immobilienkrise waren diese Assets Immobilien. Im Fall der sog. Staatsschuldenkrise waren es Staatsanleihen.
      Wenn die Nachfrage nach Staatsanleihen steigt, dann steigt der Preis = Kurs der Staatsanleihen. D.h. die Zinsen dieser Papiere sinken.
      Wenn der Leitzins unter dem Zins langfristiger Staatsanleihen liegt, dann ist es ein gutes Geschaeft fuer die Banken und ihre in Liquiditaet ertrinkenden Grosskunden diese Anleihen in grossen Mengen zu kaufen. Diese sich selbstverstaerkende Mitkopplung kehrt ihr Vorzeichen in dem Moment um, wenn die Zentralbank die Zinsen anhebt und die Zinsstrukturkurve invertiert. Denn dann platzt das Geschaeftsmodell Fristentransformation und die Anleihen werden zu fallenden Preisen verkauft, was das Zeug haelt. Bei Immobilien geschieht das gleiche, da die Illusion der endlosen Wertsteigerung durch die leitzinsanhebung eine Ende findet. So werden todsichere Assets toedlich, insbesondere dann, wenn sie in grossen Mengen als Bank Aktiva gefuehrt werden. Die stark stimulierende Wirkung der Aufwaertsbewegung fuer die Realwirtschaft, wie auch die die desastroese Wirkung des Umkippens duerfte klar sein und inzwischen als durch gut beobachtbare Fakten belegt gelten. Auch fuer Liberale, die durch ihre Freiheitsliebe nicht gewohnt sind, Dinge zu Ende zu denken.

      Mit freundlichen Gruessen
      Georg Trappe

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    6. 1 von 2
      Sehr geehrter Herr Trappe,

      haben Sie schon einmal mit Giralgeld eine Rechnung bezahlt? Lassen Sie mich ausführen.

      Ich gründe eine neue Bank, die Kastner Bank AG, und Sie werden mein erster Kunde. Die Bank wird mit 1 MEUR Eigenkapital ausgestattet und investiert in ein kleines Bürogebäude für 1 MEUR. D. h. am Eröffnungstag hat die Bank 1 MEUR Sachwerte auf der linken Seite der Bilanz, 1 MEUR Eigenkapital --- aber keine Liquidität. Soweit alles klar?

      Sie wollen nicht nur mein erster Kunde, sondern auch mein erster Kreditnehmer sein. Sie haben sich ein Ferienhaus in Bayern für 100 TEUR gekauft und der Verkäufer möchte dieses Geld auf seinem Konto bei der Sparkasse Unterhaching. Sie wollen deshalb einen Kredit über 100 TEUR von der Kastner Bank AG.

      Ich eröffne ein Kreditkonto in Ihrem Namen und räume ein Limit von 100 TEUR auf diesem Konto ein. In Ihrem Auftrag überweise ich 100 TEUR zu Lasten Ihres Kreditkontos und schreibe den Betrag Ihrem Girokonto gut. Das war ein Buchungsvorgang und jetzt haben Sie Giralgeld auf Ihrem Girokonto: 100 TEUR Guthaben auf Ihrem Girokonto und 100 TEUR Soll-Saldo auf Ihrem Kreditkonto. Soweit alles klar?

      Jetzt wartet die Sparkasse Unterhaching auf einen Eingang von 100 TEUR von der Kastner Bank AG. Ich rufe dort an und sage, dass Herr Trappe 100 TEUR auf seinem Girokonto hat und dass ich diesen Betrag zu Gunsten der Sparkasse sperren werde. Die Sparkasse sagt, sie braucht den Eingang des Geldes und keine Sperre eines Guthabens bei der Kastner Bank AG. In diesem Moment hat Giralgeld Bekanntschaft mit echtem Geld gemacht. Die Kastner Bank AG kann nicht Geld überweisen, das sie nicht hat.

      Was macht die Kastner Bank AG jetzt? Sie könnte Kundeneinlagen anwerben, aber am ersten Geschäftstag bekommt sie keine. Sie könnte sich Geld am Interbankmarkt ausleihen, aber keine andere Bank will ihr am ersten Geschäftstag Kredit geben. Sie könnte zur Notenbank als Lender of Last Resort gehen, aber die Notenbank verlangt Wertpapiere als Sicherheit und die Kastner Bank AG hat keine Wertpapiere.

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    7. 2 von 2
      Nachdem ich nicht möchte, dass meine neu gegründete Bank schon am ersten Tag insolvent wird, zahle ich 100 TEUR echtes Geld aus meinem Privatvermögen ein. Und erst dann hat die Kastner Bank AG genug echtes Geld, um 100 TEUR an die Sparkasse Unterhaching überweisen zu können. Konnten Sie mir folgen?

      Nochmal: eine Bank kann durch interne Buchungsvorgänge auf ihren eigenen Konten Salden darstellen wie es ihr lustig ist. Wenn aber eine Bank Geld an Dritte überweisen muss (sei es für die Ferienwohnung in Bayern, für ein sub-prime Asset, für eine griechische Staatsanleihe), dann geht das nicht mehr mit Giralgeld, sondern nur mit echtem Geld. Es sei denn, die Sparkasse Unterhaching eröffnet ein Konto bei der Kastner Bank AG und will die 100 TEUR dort haben. Dann mache ich einen internen Buchungsvorgang von Ihrem Girokonto auf das Konto der Sparkasse, aber was macht die Sparkasse dann mit ihren 100 TEUR Giralgeld auf ihrem Konto bei der Kastner Bank AG?

      Ich nehme an, dass ich damit auch den zweiten Teil Ihrer Ausführungen beantworten konnte. Sie haben schon Recht, dass die Assetpreise durch Bankfinanzierungen inflationiert wurden, aber das war keine Geldschöpfung der Banken. Die Banken mussten alle Kredite mit echtem Geld ausbezahlen. Die Finanzwelt strotzte nur so vor Liquidität und die Fed hatte unter Greenspan ihr Eigenes dazu beigetragen, dass billiges Geld geschöpft wurde. Allerdings nur von der Notenbank und nie von einzelnen Banken.

      Ich freue mich, dass Sie das Thema Fristentransformation angesprochen haben. In „normalen“ Zeiten ist die Zinskurve „normal“, d. h. sie steigt (leicht) an: kurzfristiges Geld ist billiger und langfristiges ist teurer. Eine risikofreudige Bank macht Kredite und bekommt eine höhere Marge. Eine risikoaverse Bank nimmt ihre Spareinlagen mit Laufzeiten bis zu 5 Jahren und investiert sie in Bundesanleihen mit Laufzeiten ab 10 Jahren. Dazwischen bekommt sie eine geringe Marge. Diese Vorgangsweise – wenn mit Maß und Ziel gemacht – ist durchaus gängig und vertretbar. Wenn sie maßlos gemacht wird und sich die Zinskurve dreht und/oder die Refinanzierungsfähigkeit der Bank austrocknet, dann geschieht das, was bei der Hypo Real Estate passiert ist.

      Tatsache ist, dass bei jeder Großbank ein ganz erheblicher Teil des Ertrages aus der Fristentransformation kommt (und ein weiterer erheblicher Teil aus dem Handel). Wenn eine Großbank 50% ihres Ertrages aus dem Kundengeschäft (d. h. dem Geschäft mit der Realwirtschaft) erzielt, dann ist das schon eine schöne Leistung. Mehr als 60% ist nur bei wenigen Großbanken drinnen. Denken Sie an die Deutsche Bank, die ohne ihre Gewinne aus dem Investment Banking nur bescheiden profitable wäre.

      Ihre Argumentation könnte von Lesern dahingehend verstanden werden, dass die Banken durch künstliche Geldschöpfung Blasen verursacht haben, deren Platzen dann die Realwirtschaft geschädigt hat. Das ist natürlich falsch. Die Banken haben mit schlechten Kreditentscheidungen Blasen verursacht, die künstliche Wertschöpfung – soweit es eine gab – wurde jedoch von den Notenbanken gemacht.

      Auf Ihre Breitseite gegen „Liberale“ darf ich separat eingehen.

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    8. Sehr geehrter Herr Kastner,
      Sie sind der erste, der mir den Unterschied zwischen Giralgeld und "echtem Geld" erklaeren will und das obwohl ich Sie gebeten hatte nicht noch einmal zu versuchen mich auf den Arm zu nehmen.
      Natuerlich kann ich mit Giralgeld Rechnungen bezahlen. Das mache ich jeden Tag. Sie brauchen als Bank nicht das Eigenkapital erhoehen, indem Sie etwas aus Ihrem Privatvermoegen nachschiessen. Das ist Unfug! Und Sie wissen es.
      Siehe auch letzter Teil dieser Vorlesung zur Geldschoepfung durch Geschaeftsbanken.
      http://www.wiwi.uni-muenster.de/insiwo/Download/Vorlesung/makro/5.1._Geldangebot_und_-nachfrage.pdf
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      "Ihre Argumentation könnte von Lesern dahingehend verstanden werden, dass die Banken durch künstliche Geldschöpfung Blasen verursacht haben, deren Platzen dann die Realwirtschaft geschädigt hat. Das ist natürlich falsch. Die Banken haben mit schlechten Kreditentscheidungen Blasen verursacht, die künstliche Wertschöpfung – soweit es eine gab – wurde jedoch von den Notenbanken gemacht."
      Es gibt keine kuenstliche und eine natuerliche Geldschoepfung. Es gibt Geldschoepfung und die betreiben ueberwiegend die Geschaeftsbanken. Die Zentralbanken springen z.Zt. ein weil die Geschaeftsbanken ihre Bilanzen massiv verkuerzen bzw. verkuerzen muessten, wenn sie an der Kapitalflucht Richtung Norden nicht zerbrechen wollen."
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      Die exzessive Kreditvergabe fuer Immobilien in den USA hat die Blase in USA ermoeglicht, in deren Folge gigantische Mengen Schrottforderungen von europaeischen Baenkern, vor allen deutschen Bankern, in die Buecher genommen wurden. Als diese Nummer aufflog, fiel ihnen nichts besseres ein als die Kredite, die sie Richtung Sueden gegeben haben einzufordern. Damit wurde der negative Teil einer Rueckopplung in Gang gesetzt, wie ich sie oben beschrieben habe.
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      Moege selber in Ruhe uber das nachdenken und die Plausibilitaet dessen pruefen, was Sie hier zum Besten geben.
      Ich fuer meinen Teil habe verstanden, auf welch schwachen bis toenernen Fuessen ihre Argumente und Behauptungen daher kommen.

      GT

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    9. Sehr geehrter Herr Trappe,

      ich habe mich sehr bemüht – und will das auch fortsetzen – unseren Gedankenaustausch auf einem gewissen Niveau zu halten. Das bin ich nicht nur Ihnen schuldig, sondern vor allem allfälligen anderen Lesern, die bereit sind, allfällige Vorurteile an Hand von Fakten zu überprüfen.

      Sie bezahlen Ihre täglichen Rechnungen mit echtem Geld, das auf ihrem Konto ist. Hätten Sie das Geld nicht auf Ihrem Konto (oder hätten Sie in diesem Fall keinen Überziehungsrahmen von der Bank), dann würde die Bank ihre „Giroüberweisung“ nicht durchführen („Giro“ ist die Technik des Zahlungsverkehrs, nicht die Art des Geldes).

      Ich nehme Sie nicht auf den Arm und ich möchte Sie auch wirklich nicht mit Fakten verwirren, weil Ihre Vorurteile ja sehr ausgeprägt sind. Aber wenn eine Bank so einfach Geld schöpfen kann, warum brauchte dann die Hypo Real Estate von einem Tag auf den anderen Liquidität vom Staat? Die Antwort darauf ist, weil andere Banken wegen des Risikos ihr Geld von der HRE abzogen und weil die HRE alleine kein Geld schöpfen konnte. Die HRE hatte sich kurzfristig refinanziert, während ihre Assets langfristig waren.

      Nehmen Sie bitte irgendeine Bankbilanz zur Hand und nennen Sie mir jene Positionen auf der Aktiv- oder Passivseite, die Ihrer Meinung nach Geldschöpfung der Bank darstellen. Ich werde mich umgehend dazu äußern.

      Ich habe den Eindruck, dass Ihre Vorurteile so stark sind, dass Sie meinen vorherigen Beitrag zwar beantwortet, aber gar nicht vollständig gelesen haben. Sonst würden Sie mich doch nicht aufklären, dass die US Immobilienblase durch die exzessive Kreditvergabe von Banken befeuert wurde. Das hatte ich ja ausgeführt. Aber eine Bank kann keinen Kredit an den Kreditnehmer auszahlen, wenn sie nicht die echte Liquidität dafür hat. Aus der Luft kann die Bank diese Liquidität nicht nehmen.

      Der Hauptgrund, weshalb deutsche Banken bei fast jeder Blase dabei waren (mit der rühmlichen Ausnahme von Bernie Madoff), ist, dass Deutschland einen enormen Leistungsbilanzüberschuss hat. Ein Leistungsbilanzüberschuss muss als Gegenbuchung ein Defizit in der Kapitalbilanz haben. Das ist Mathematik. Somit war es die zwingende Folge des Leistungsbilanzüberschusses, dass der deutsche Bankensektor Kapital ins Ausland exportieren musste.

      Die Rückkoppelung auf den Süden ist nur indirekt richtig. Ja, deutsche Banken haben (wie alle Banken) ihr Geld aus Griechenland abgerufen, wo sie nur konnten. Aber was die Banken dort abriefen, musste die Bundesbank auffüllen. Noch einmal: es ist eine mathematische Notwendigkeit, dass ein Leistungsbilanzüberschuss einen Kapitalexport mandatiert. „Geld hat kein Mascher’l“ sagt man in Österreich. Man kann also nicht 1:1 sagen, dass Geld, welches die Deutsche Bank aus Griechenland abgerufen hat, 1:1 von der Bundesbank dorthin überwiesen wurde, aber die Gesamtsummen stimmen (und müssen stimmen).

      Rufen Sie doch bitte die Zahlungsbilanz Deutschlands aus dem Internet ab. Dort werden Sie sehen, dass der Leistungsbilanzüberschuss punktgenau dem Defizit in der Kapitalbilanz entspricht.

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    10. Teil1
      Sehr geehrter Herr Kastner,
      ich denke es ist das Niveau ihrer Argumente, die nicht ueberzeugen koennen. Erst ist Giralgeld kein echtes Geld und es gibt ominoese Sperrungen aus Unterhaching die den Banker Kastner angeblich zwingen das Eigenkapital seiner Bank aus Privatvermoegen aufzustocken, wenn sein Kunde Trappe einen Kredit in Hoehe von 10% des Eigenkapitlas der Kastnerbank bekommt und diesen fuer einen Hauskauf einsetzt und auf ein Konto einer Nicht-Kastnerbank ueberweist.
      Dann ist Giro eine Technik des Zahlungsverkehrs und hat nichts mit Giralgeld=Buchgeld zu tun, was mehr verwirrt als zu einer zutreffenden Erklaerung der Vorgaenge beizutragen.
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      Die Faehigkeit zur Geldschoepfung durch Geschaeftsbanken ist durch zwei Parameter begrenzt. Eigenkapitalquote und die Faehigkeit der Schuldner Sicherheiten zu stellen. Die Mindestreserveanforderung der Zentralbank spielt eine untergeordnete Rolle, da sie in Europa nur 2% betrug und von Draghi auf 1% der Bilanzsumme gesenkt wurde. In dem von Ihnen beschriebenen Beispiel betraegt das Eigenkapital 1 Mio und der ausgereichte Kredit 100 Tausend. Die Sicherheit besteht im vorrangigen Grundbucheintrag auf das Grundstueck des Hauses. Die Bankbilanz belaeuft sich also nach Gewaehrung des Kredits auf 1,1 Mio bestehend auf der Aktivseite aus Bankgebaeude mit Wert 1 Mio und einer (Hypotheken)Forderung gegen Trappe in Hohe von 100 Tausend. Auf der Passivseite der Bilanz sind es die 1Mio Eigenkapitaleinlage und zunaechst das Guthaben von 100 Tausend auf dem Girokonto von Trappe.
      Der vereidigte Sachverstaendige der im Auftrag des Kreditausschuss Ihrer Bank eine Verkehrswertschaetzung des zu erwerbenden Hauses erstellt hat, wird den Wert des Hauses mit ca. 120 bis 140 Tausend ermittelt haben. D.h. die Beleihung betraegt 60 bis 80% des Verkehrswertes, wenn ihre Bank konservativ agiert. In den USA zum Ende des Booms wurden 100% und mehr gewaehrt.

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    11. Teil2
      Wenn Trappe nun die 100 Tausend zur Bezahlung des Hauses auf ein Konto des Voreigentuemers bei einer Nicht-Kastnerbank ueberweist, wird die Bilanz Ihrer Bank zunaechst schief, da Ihnen auf der Passivseite die 100 Tausend auf dem Girokonto Trappe fehlen. Sie haben zun zwei Moeglichkeiten.
      1. Sie verkuerzen Ihre Bilanz auf die urspruenglichen 1 Mio indem sie die Forderung gegen Trappe verbriefen und an ihre Konkurrenz verkaufen. Wenn der erzielte Preis exakt 100 Tausend betraegt entspricht Ihre Bilanz wieder der Gruendungsbilanz. Wenn der Preis hoeher ausfaellt dann wandert der Ueberschuss via Gewinn und Verlustrechnung ins Eigenkapital. Auf der Passivseite der Bilanz stehen dann 1Mio +Gewinn und auf der Aktiveseite 1 Mio Sachwert Bankgebaeude und z.B. eine Barreserve in Hoehe des Gewinns. Wenn der Verkauf weniger, also einen Verlust erbringt, dann schrumpft ihr Eigenkapital. Da Sie zur Gruendung aber das gesamte Eigenkapital in ein Bankgebaeude gesteckt haben kommen sie ineine Schwierigkeit, die sie nur durch Aufnahme eines Kredits, Teilveraeusserung des Gebaeudes oder Eigenkapitlerhoehung durch Nachschuss aus dem Privatvermoegen Kastner loesen koennen. Mit einer solchen Veraeusserung der Forderung gegen Trappe waere sowohl der zu erwartende Zahlungsstrom aus Zinsen und Tilgungen aber auch das Risiko des Ausfalls in Ihrer Bilanz verschwunden und bei der Konkurrenz gelandet.

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    12. Teil3
      2. Die zweite Moeglichkeit besteht fuer Sie darin sich eine Einlage auf der Passivseite zu besorgen, die in der Hoehe der Forderung gegen Trappe auf der Aktivseite entspricht. Dies koennen sie auf verschiedenen Wegen tun.
      2.1 Interbankenmarkt, d.h. Sie nehmen einen Kredit bei ihrer Konkurrenz auf.
      2.2 Einlage einer Nichtbank einwerben, d.h. sie suchen Kunden die entsprechende Guthabenkonten bei Ihnen eroeffnen.
      2.3 Zentralbank, d.h. Sie nehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf.
      Alle drei Massnahmen haben das Potential ihre zukuenftigen Gewinne aus Zinsdifferenzgeschaeften zu schmaelern, wenn die Zinsen steigen.
      Dies gilt insbesondere dann, wenn die Forderung gegen Trappe langfristiger Natur ist, was bei Hypotheken (und Staatsanleihen) in der Regel der Fall ist.
      D.h. die Kastnerbank hat ein grosses Interesse daran, das Trappe sein Haus bei einem Immobilienunternehmen oder einem Voreigentuemer kauft, der Kunde der Kastnerbank ist, damit Sie von den oben beschriebenen Optionen moeglichst keinen Gebrauch machen muessen.
      D.h. auch Banken die Staatsanleihen in ihre Buecher nehmen haben ein Interesse daran, dass der Staat bei Unternehmen kauft die Kunde bei der Bank sind. Aber das nur am Rande.

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    13. Teil4
      Die HRE brauchte Liquitaet vom Staat nachdem bekannt geworden war, das sie auf ihrer Aktivseite im massiven Umfang Forderungen abschreiben musste. D.h. das Eigenkapital war nicht mehr in der Lage die Verluste, die via GuV von der Aktivseite auf die Passivseite wirkten auszugleichen. Siehe Beispiel oben mit dem Bankgebaeude. Das ist der Gau fuer eine Bank. Denn wenn das anruechig wird entziehen auch die anderen Anleger der Bank die Einlagen, d.h. die Passivseite wird schlagartig geleert und zwar in einem Mass, dass auch die guten Forderungen, die noch bedient werden abgebaut werden muessen. D.h. die bank verliert auch noch die zukuenftigen Zahlungsstroeme aus Zinsen und Tilgungen guter Forderungen, die die einzige Quelle sind aus der die Bank Verluste ausgleichen kann. Der Staat hat im Fall der HRE also die uebermaesigen panikartigen Abfluesse auf der Passivseite durch eigene Einlagen ersetzt, um so der HRE die Moeglichkeit zu erhalten noch gute Forderungen in den Buechern zu halten und so die Verluste die aus den abgeschrieben Forderungen entstanden waren ueber Zeit auszugleichen.
      Die HRE, wie auch die IKB und andere, sind genau aus den Gruenden in diese Situation gekommen, die ich zuvor mit der aus der Faehigkeit zur Geldschoepfung in Kombination mit Asset Price Inflation entstehenden Rueckopplung, erklaert habe. Solange die Bewertung der Forderungen auf der Aktivseite steigt hat die Bank Luft und Interesse dieses Spiel fortzusetzen. Wenn sie dies auch noch sehr agressiv tut, indem sie die Beleihung der gestellten Sicherheiten auf 100% faehrt genuegt ein schwarzer Freitag, um dieses Kartenhaus zum Einsturz zu bringen und den Gau auszuloesen.

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    14. Teil 5
      Das teuflische an dieser Sache ist, dass auch verantwortlich, konservativ handelnde Banker sich dem kaum entziehen koennen, insbesondere dann nicht, wenn sie fuer Grossbanken arbeiten. Denn wenn diese Sache einmal in Gang gesetzt ist und ein Banker oder Bankvorstand das bittere Ende sieht oder ahnt und sich entscheidet nicht mitzumachen, dann wird ihm bei der naechsten Bilanzpressekonferenz die Frage gestellt, warum sein Institut weniger waechst als der Markt und warum seine Eigenkapitalrendite geringer ausfaellt als die der Benchmarkgruppe. Wenn er dann antwortet, er vertraue der Entwicklung nicht und sehe die Gefahr einer Blase, erntet er Kopfschuetteln und entsprechende Analystenkommentare und Bewertungen = Aktienkursentwicklungen. Wenn er das zwei Quartale durch haelt ist meistens Schluss und auf der naechsten Hauptversammlung wird ein CEO bestimmt, der den "Shareholdervalue" besser "pflegt". Und der findet sich natuerlich auch bei den Verguetungen, die in dieser Branche ueblich geworden sind. Diese menschen stehen also vor der Wahl einer Systematik zu dienen und ihre Verantwortung ueber Bord zu werfen oder ihrer Verantwortung gerecht zu werden und es einem anderen, der sich immer findet, zu ueberlassen. damit setzt sich noch ein Selektionsprozess durch, der diesem Irrsinn wirklich das sahnehaeubchen aufsetzt.
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      Sie werfen mir Vorurteile, Niveaumangel und Missachtung von Fakten vor, ohne dies wirklich belegen zu koennen. Sie tun dies, um etwas zu verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Sie stehen vor der Wahl, die Machenschaften der Hand, die sie naehrt / genaehrt hat zu kritisieren oder zu rechtfertigen. Das ist genau die Stelle, an der sich Liberale und Neoliberale von einander unterscheiden. Die einen erkennen die destruktive Spitze ihrer Ideale und die verheerende Tyrannei der Systematik, die daraus entsteht und die anderen geben ihre geliebte Freiheit auf und ordnen sich der tyrannischen Systematik unter, indem sie diese bestreiten und das hohe Lied der Freiheit in den hoechsten Toenen singend nicht nur selber in die freiwillige Knechtschaft maschieren sondern auf ihrem Weg dorthin ganze Voelker in den Abgrund reissen.

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    15. Mein Nachdenken ueber diese Dinge, welches erst 1993, nachdem ich einen grossen wirtschaftlichen "Erfolg" fuer meinen Arbeitgeber Hewlett Packard eingespielt hatte, hat mich an genau diesen Punkt gebracht.
      Ich setze seitdem meinen "Erfolg" nur noch in Anfuehrungszeichen, denn ich bin in seiner Folge mit Dingen in Beruehrung gekommen, die mich zutieftst erschuettert haben. Fuer mich lief es dann auf eine Weg hinaus, der durch Scheitern, aufstehen und besser Scheitern gekennzeichnet ist. Oder wie Albert Camus es mal meiner Meinung nach sehr zutreffend beschrieben hat:
      „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
      – Der Mythos des Sisyphos: 6. Aufl., Reinbek, 2004. S. 159f.

      Ein schoenes und nachdenkliches Wochenende wuenscht Ihnen und allen die evtl. mitlesen,
      Georg Trappe

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    16. Ich moechte noch ein paar Anmerkungen machen, die zur Einordnung des Geschriebenen vielleicht hilfreich sind.
      Mein Grossvater vaeterlicherseits war Direktor einer Sparkasse in einer niederrheinischen Kleinstadt.
      Mein Vater war vereidigter Sachverstaendiger bei der Stadtsparkasse Koeln bis Ende der 60er und spaeter bei der Satdtsparkasse Dueren und hat dort jeweils den Kreditausschuessen mit Verkehrswertschaetzungen fuer private und gewerbliche Immoblien zugearbeitet.
      Mein Onkel war Direktor einer der groessten Handelsschulen in Deutschland jetzt Wirtschaftschule in Nuernberg.
      Ich bin also genetisch/familiaer vorbelastet;-).
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      Im Fall von Staatsanleihen ersetzen die Ratingagenturen den vereidigten Sachverstaendigen. Wie das zu bewerten ist, ueberlasse ich jedem selber. Was davon zu halten ist, dass ausgerechnet die Bertelsmaenner die europaeische Alternative zu S&P, Moodey's und Fitch auf die Beine stellen wollten oder auch nicht, ueberlasse ich auch dem Urteil des aufgeklaerten Publikums.

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    17. Sehr geehrter Herr Trappe,

      es freut mich, dass Sie in Teil 3 ihre eigene Frage selbst beantworten konnten. Damit die Kastner Bank AG den 100 TEUR Kredit an Herrn Trappe auf das Konto seines Hausverkäufers bei der Sparkasse Unterhaching auszahlen kann, muss sie eine der 5 Maßnahmen, die Sie geschildert haben (und die auch ich genauso geschildert habe), durchführen. Jede der 5 Maßnahmen bedeutet, dass die Kastner Bank AG von Dritten echtes Geld auftreiben muss, d. h. sie kann nicht Geld aus der Luft schöpfen. Meine Lösung war Ihr Punkt 2.2., d. h. die Kastner Bank AG treibt eine neue Einlage auf und nachdem sie diese Einlage nicht vom Markt bekommen kann, holt sie sich die Einlage vom Eigentümer. Ebenso richtig ist, dass dies nicht erforderlich wäre, wenn der Hausverkäufer (oder seine Bank) sein Konto auch bei der Kastner Bank AG hätte (wie ich beschrieb). Dann wäre es ein interner Buchungsvorgang. Echtes Geld kommt immer erst dann ins Spiel, wenn jemand echtes Geld braucht (um beispielsweise seine Rechnungen zu bezahlen). Solange kein echtes Geld (Liquidität) die Bank verlassen muss, kann die Bank auf internen konnten Einlagen und Kredite buchen, wie es ihr lustig ist (fast).

      Vielleicht ist der Grund für unsere Auseinandersetzung, dass wir ein unterschiedliches Verständnis von Geldschöpfung haben. Ich bin auf Ihre Unterstellung eingegangen, dass eine Bank sozusagen aus der Luft Geld schöpfen kann, um schier ungebremst neue Kredite zu machen. Das kann eine Bank nicht, weil sie echte Liquidität braucht, um einem Dritten echte Liquidität geben zu können. Volkswirtschaftlich ist es allerdings anders. Durch den Multiplyer Effekt erzeugt eine neue Einlage über 100 TEUR natürlich mehr Geld im Bankensystem als 100 TEUR, weil Bank A diese 100 TEUR (abzg. Mindestreserve) an Bank B weiterreicht, etc. etc. Das hat aber absolut nichts mit der Finanzierungsfähigkeit der einzelnen Bank zu tun. Es bedeutet nur, dass aggregierte Bankbilanzen eine wesentlich höhere Bilanzsumme ausweisen als konsolidierte (wie ich anfangs einmal beschrieben hatte). Die Finanzierungsfähigkeit einer Bank hängt (abgesehen von EK-Quoten und dergleichen) von ihrer Refinanzierungsfähigkeit ab. Wenn sie ihre Refinanzierungsfähigkeit verliert (wie die HRE), dann ist es vorbei mit der Bank, egal, wie hoch ihre EK-Quote ist. Dazu mehr separat.

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    18. Sehr geehrter Herr Trappe,

      die HRE ist in erster Instanz Opfer der Fristentransformation gewesen und erst in zweiter Instanz Opfer Wertberichtigungen.

      Ihre irische Tochter Depfa hatte ihre langfristigen Kredite kurzfristig refinanziert. Das konnte sie deshalb tun, weil ihre langfristigen Kredite bonitätsmäßig sehr hoch eingestuft waren (Pfandbriefe, Staatsanleihen, Hypothekenforderungen – alle sehr gut geratet) und weil der Markt würdigte, dass sie eine Tochter der HRE war, von der man ausging, dass sie im Notfall einspringen würde.

      Mit Beginn der sub-prime Krise wurden Banken am Interbankmarkt vorsichtig. Sie trauten anderen Banken nicht mehr und zogen ihre Interbankfinanzierungen zurück. Damit kam die Depfa in Liquiditätsschwierigkeiten und die HRE musste jene Liquidität bereitstellen, die von dritten Banken abgezogen wurde. Später 2007 fusionierte die HRE mit der Depfa, weil man meinte, das Refinanzierungsproblem auf diese Weise lösen zu können.

      Erst als dann die HRE ihre eigenen Refinanzierungsprobleme bekam, prüfte man die Qualität der Assets und bemerkte, dass zwar alle sehr gut geratet waren, dass es jedoch darunter viele sub-prime Assets gab, die plötzlich enorm an Wert verloren hatten. Die HRE musste enorme Wertberichtigungen machen, dadurch sank ihr Eigenkapital unter die Grenze und der Staat musste mit Eigenkapital einspringen.

      Beachten Sie jedoch, dass der Staat zunächst nur mit Refinanzierungen einsprang. Mit Eigenkapital musste er erst dann einspringen, als sich herausstellte, wie schlecht die Assets der HRE wirklich waren (und das stellte sich heraus, als der Staat im Zusammenhang mit der bereitgestellten Refinanzierung wissen wollte, wie gut denn die Assets der HRE wirklich waren).

      Übrigens, bei der letzten BAFIN-Prüfung wurde nichts über die Qualität der Assets der HRE/Depfa beanstandet. Allerdings wurde der Mismatch bei der Refinanzierung kritisiert und darauf hingewiesen, dass dies ein Risiko werden könnte.

      Viele Banken, die pleite gingen, hatten am Tag vor der Pleite noch sehr gute Bilanzen. Wenn allerdings die Bank Vertrauen im Markt verliert und ein Run auf ihre Refinanzierung einsetzt, spielt es keine Rolle mehr, wie gut ihre Bilanzrelationen sind. Lehman war ein diesbezügliches Beispiel. Lehman ging pleite, weil sie illiquid wurde. Das buchmäßige Eigenkapital war am Freitag vor dem Montag der Pleite noch in Ordnung gewesen.

      Die IKB erstellte kurz vor ihrer Pleite noch eine positive Gewinnprognose. Die BAFIN hatte sie auch geprüft und – analog zur HRE/Depfa – an der Qualität der gut gerateten Assets nichts beanstandet. Die Deutsche Bank wusste jedoch, wieviel Mist die IKB in ihren Büchern hatte, weil sie es war, die ihr den Großteil dieses Mistes verkauft hatte. An einem Freitagnachmittag informierte die Deutsche Bank die IKB, dass sie ab Montag ihre kurzfristigen Refinanzierungslinien streichen würde. Besorgt um die Stabilität des Bankensektors, wie halt die Deutsche Bank so ist, hatte sie die Güte, auch die BAFIN darüber zu informieren. Ein guter Freund bei der IKB teilte mir das an diesem Freitagnachmittag mit. Wir wussten natürlich, dass die IKB, die bis zu diesem Freitag als eine der solidesten Adressen im deutschen Bankwesen galt, am kommenden Montag pleite sein würde (sollte sie nicht vom Staat gerettet werden).

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    19. Um es fuer die Mitleser nachvollziehbar zu halten, kopiere ich hier meine Erwiderung auf einen Kommentar, den Sie in meinem Blog "Die Banken sind die Dummen!" zum Artikel "Die Banken und die Geldschoepfung" gemacht haben.
      Siehe auch:
      http://diebankensinddiedummen.blogspot.com/2012/04/banken-und-die-geldschoepfung.html
      -
      Sehr geehrter Herr Kastner,
      ich kann mich nicht erinnern Sie um Hilfe gebeten zu haben. Vielmehr habe ich Ihnen zwei Fragen gestellt, die interessanterweise beide bisher unbeantworten geblieben sind. Weiterhin habe ich Sie auf eine Tatsache hingewiesen, die ich fuer krisenursaechlich halte. Diese Tatsache wurde von mir mehrfach mit verschiedenen Quellen belegt. Sie bestreiten diese Tatsache mit Argumenten und Darstellungen die weder Hand noch Fuss haben und werfen mir vor ich verwirre die Leute.
      Das stoesst mir nun langsam wirklich sauer auf. Denn es ist ihr Berufsstand, der im Windschatten einer Ideologie, die auch Ihre Preferenz zu sein scheint, die Welt an den Abgrund gefuehrt und das Projekt Europa gegen die Wand gefahren hat. Und zwar unter Ausnutzung der Tatsache auf die ich Sie hingewiesen habe und die Sie nach wie vor mit wirren Argumenten bestreiten.
      -
      Zur Sache. Banken koennen Bilanzen nur verlaengern oder verkuerzen. Sie koennen sie nicht gerade biegen. Daher waere beim Abfluss einer Einlage eine weitere Geldschoepfung, wie die urspruengliche bei der Kreditvergabe, keine Loesung. Der Akt der Geldschoepfung durch Geschaeftsbanken erfordert immer zwei Bilanzeintraege selber Groesse.
      Einen auf Seiten der Aktiva und einen gleich grossen auf Seiten der Passiva. Wenn die Bilanz schief wird, weil eine Einlage abfliesst kann dies innerhalb des Systems nur durch Ausgleich mit einer ebenfalls schiefen Bilanz erfolgen. Naemlich mit der der bank zu der die Einlage geflossen ist. Dazu gibt es verschiedene Moeglichkeiten, wie ich Sie im Eichner Blog unter ihrem dortigen Gastbeitrag erklaert habe.

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    20. Ich hatte auf Ihrem Blog gepostet, weil diese Diskussion absolut nichts mehr mit dem ursprünglichen Artikel in diesem Blog zu tun hat. Ebenso hat ich dort gesagt, dass ich diese an den Haaren herbeigezogene Debatte nicht weiterführen will und ich habe Ihnen empfohlen, Ihren Bankberater aufzusuchen, der Ihnen diese einfache Sache recht einfach erklären wird.

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    21. Diese Debatte um eine Tatsache, die Sie mit fadenscheinigen und wirren Argumenten zu bestreiten suchen, hat sehr wohl was mit Ihrem Artikel zu tun. Sie schlagen naemlich vor, das in Greichenland die Zuechtung von Fettaugen zu den Konditionen stattfinden soll, die die Verursacher der Krise vorschlagen/diktieren. Wenn Sie sich Laender anschauen, die nach der Asienkrise, ebenfalls durch die Abrissbirne geldschoepfender Geschaeftsbanken und sog. Investoren verursacht, ihre Vorschlaege umgesetzt haben, dann werden Sie feststellen, das die Oberflaeche beschrieben durch BIP, BIP Wachstum, BIP pro Kopf sehr huebsch aussieht. Leider ist das was sich dahinter zu verbergen sucht eine Katastrophe fuer die betroffenen Menschen, die 99%. Fuer die 1% und ihre Dienstleister aka Banker natuerlich nicht. Daher finde ich es schon mehr als dreist, wenn ein Banker, der anscheinend neoliberale Positionen nicht nur verinnerlicht hat, sondern tatkraeftig vertritt, angesichts einer Welt die durch seinen Berufstand an den Abgrund gefuehrt wurde hier Rezeptvorschlaege unterbreitet, die die Ursachen nicht nur nicht beheben sondern wiederholen. Das Sie mich zum Bankberater schicken, interpretiere ich als das ultimative Eingestaendnis, das Sie hier nicht nur mehrfach versucht haben Tatsachen zu verschleiern und Verntwortungen in Richtung oeffentlicher Institutionen abzuschieben, um so den Blick dafuer zu verstellen, was und wer wirklich ursaechlich fuer die Katastrophe ist, sondern Sie keinerlei Beleg dafuer in Haenden haben, der Ihre Behauptungen stuetzt. Das Wort eines Bankers bzw. eines Bankberaters steht bei Ihnen ueber Tatsachen, die ich belegt habe. Es geht Ihnen anscheinend nicht um das Aufdecken von Ursachen der Krise, sondern um die Wiederholung der gleichen fehlerhaften Rezepte, die fuer die 1% und ihren Berufsstand so hoch profitabel sind. Ich empfehle Ihnen eine intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit von Steve Keen, fuer den Fall, dass ich mich im letzten Punkt irren sollte.

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    22. Ich möchte an diesem Punkt gerne daran erinnern, was das Thema des geposteten Aufsatzes war: Es ging um die Frage wie die wirtschaftliche Entwicklung in Griechenland angesichts der vorhandenen wirtschaftsstrukturellen Schwächen in Gang gebracht werden kann und im Zentrum stand dabei die Realwirtschaft und die Idee der Importzölle.

      Die Diskussion dreht sich in Bezug auf die Griechenlandkrise bisher - sehr eindimensional - nur um den Verbleib im Euro und Austeritätspolitik versus Euro-Ausstieg. Beide Wege sind m. E. - nicht allein aus ökonomischen, sondern auch aus politischen Gründen - problematisch. Andere Lösungsmöglichkeiten werden nicht in die Diskussion eingebracht, ja, sie werden offenbar noch nicht einmal gesucht. Es ist in meinem Interesse, dass sich daran etwas ändert.

      Ich habe nichts dagegen, wenn hier im Blog zu dieser Frage in der Sache hart diskutiert wird, aber es sollte in einer höflichen Weise geschehen. Ich möchte exemplarisch nur einen Punkt herausgreifen: Die Idee, Importzölle zu erheben, ist in keiner Weise mit der liberalen Lehre (Stichwort "Freihandel") vereinbar und ebensowenig als neoliberal zu klassifizieren. Das ist sachlich nicht richtig. Friedrich List ist der ökonomische "Vater" der Idee, wirtschaftliche Entwicklung mittels Schutzzöllen in Gang zu bringen und er war vehementer Gegener der für den Freihandel eintretenden liberalen Ökonomen seiner Zeit, insbesondere auch von Adam Smith. Gerade deswegen wurde er jedoch auch von den damals führenden liberalen Ökonomen verachtet und diskreditiert. Für heutige neoliberale Vertreter ist Freihandel genauso unverzichtbarer Bestandteil ihres Ökonomieverständnisses.

      Die Debatte hier hat sich aber - wie Herr Kastner sehr richtig feststellt hat - von diesem ursprünglichen Thema weit entfernt und ich würde deswegen darum bitten, den Faden dort wieder aufzunehmen, in jedem Fall aber zu einem sachlichen und höflichen Stil zurückzukehren.

      Vielen Dank.

      SLE

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    23. Ich bin nicht sicher wen Sie meinen Herr Eichner, wenn Sie um mehr Hoeflichkeit bitten. Sollten Sie mich meinen, dann muss ich sagen, dass ich es als unangemessen empfinde und entsprechend reagiere wenn ich auf eine Tatsache hinweise, sie mehrfach mit serioesen Quellen belege und mein Kontrahent wirr argumentiert um mir dann Verwirrung der Leute vorzuwerfen, ohne Quellen oder einen sonstigen Beleg fuer seine Sichtweise beibringen zu koennen.
      Ich habe noch eine weitere serioese Quelle gefunden, die meine Tatsachenbehauptung bestaetigt. Es ist FAZ:
      http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/geldschoepfung-wie-kommt-geld-in-die-welt-11637825.html
      Ich habe von Herrn Kastner bisher nichts ausser seine immer wieder modifizierte Darstellung und ich soll zum meinem Bankberater gehen.
      Ich denke es ist an der Zeit das Herr Kastner einraeumt, dass Geschaeftsbanken im grossen Umfang im Zuge der Kreditvergabe Geldschoepfen und zwar aus dem Nichts. Er sollte auch einraeumen, dass das Volumen der geldschoepfung durch die Geschaeftsbanken um ein Vielfaches groesser ist als das durch die Zentralbanken. Zumindest in Vorkrisenzeiten.
      -
      Die Relevanz dieser Tatsache zum Thema besteht darin, dass Sie mit Schutzzoellen diese Kreditblasen und die verheerende Wirkung auf die Realwirtschaft nicht unterbinden. Herr Kastner scheint der Meinung zu sein, so verstehe ich den Artikel, das die Schaffung von Traumbedingungen fuer Investoren die Ursachen der Krise fuer Griechenland beheben. Es war nicht das Fehlen von Traumbedingungen fuer Investoren, was die Krise ausgeloest hat und inzwischen das Projekt Europa gegen die Wand gefahren hat. Es waren und sind die Geschaeftsbanken und ihr Kreditvergabeverhalten die die Wirtschaft und das Projekt Europa zerstoeren. Ich erlebe nun zum drittenmal in 15 Jahren die verheerenden Auswirkungen von Kreditblasen und jedesmal ist die Antwort man muss es den Investoren recht machen bzw. das hochpaeppeln von Industrien/Investitionen schuetzen. Das alleine behebt das Problembuendel nicht. Es adressiert keins der grundlegenden Probleme, auf die der Neoliberalismus keine Antwort weiss.

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    24. Sehr geehrter Herr Trappe,

      Ihr Standpunkt in Ehren, aber es ist ein Tatsache, dass Griechenland erhebliche wirtschaftsstrukturelle Probleme hat und sich wirtschaftlich nicht erholen kann, wenn diese nicht gelöst werden. Darum geht es hier.

      Und ich kann mich nur wiederholen, dass die von Ihnen betriebene Diskussion nicht mehr unmittelbar zum Thema des Aufsatzes, der hier zur Diskussion gestellt wurde, passt. Wenn Herr Kastner mit Ihnen dennoch darüber diskutieren möchte oder eben nicht, dann ist das seine freie Entscheidung. Wenn er einen anderen Standpunkt vertritt, dann ist das auch zu akzeptieren, denn niemand von uns hat die Weisheit gepachtet. Sie wissen selbst nur zu gut, dass sich auch die Ökonomen sowohl geldtheortisch als auch wirtschaftstheoretisch nicht mit Ruhm bekleckert haben und es nach wie vor massive erklärungsdefizite gibt.

      Ich schätze Ihre Kommentare. In dieser Diskussion schlagen Sie jedoch einen anderen, keineswegs durchgängig sachlichen und höflichen Ton an - ich habe dies oben an auch exemplarisch konkretisiert. Es führt nicht weiter, Herrn Kastner immer wieder als Neoliberalen zu geißeln, denn das tun Sie, wenn dies vor dem Hintergrund der im zur Diskussion gestellten Aufsatz vertretenen Positionen nicht zu rechtfertigen ist.

      Was die Krise anbelangt, so gibt es eine Reihe von Ursachen und es empfiehlt sich bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten aus Gründen der Klarheit und besseren Verständlichkeit m.E. nicht, wie ich weiter oben in den Kommentaren bereits ausführte, immer alle Facetten und Komponenten in die Diskussion einzubringen. Jedem dürfte dennoch implizit klar sein, dass es viele Interdependenzen gibt, die es zu berücksichtigen gilt.

      Viele Grüße
      SLE

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    25. Herr Trappe, damit hier kein Unfrieden entsteht, schlage ich Ihnen folgendes vor: ich werde noch einmal im Detail auf Ihrem Blog erklären, weshalb Banken kein Geld "aus der Luft" schaffen können. Sie brauchen mir darauf nicht zu antworten. Meine einzige Bitte wäre, dass sie es vorurteilsfrei lesen.

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    26. http://www.businessspectator.com.au/article/2014/3/18/economy/boes-sharp-shock-monetary-illusions

      -

      http://www.bankofengland.co.uk/publications/Pages/quarterlybulletin/2014/qb14q1.aspx

      Jetzt ist es "amtlich"!

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  11. Hallo Herr Kastner,

    Sie loben (weiter oben) die Agenda 2010 und gehen davon aus, dass sie eine gute Sache war, weil wir ansonsten heute in Deutschland eine hohe Arbeitslosigkeit hätten.

    Ich sehe die Agenda 2010 kritischer. Im Kern war sie wohl das größte Kostensenkungsprogramm der deutschen Nachkriegsgeschichte und sie war klassische Industriepolitik. Das heißt, es ging nicht nur um Senkung der Staatskosten, sondern auch um Kostensenkung für die Unternehmen (vor allem für "National Champions"), die im internationalen Wettbewerb um Weltmarktanteile kämpfen.

    Kostensenkung ist natürlich nicht per se falsch. Aber in einer von "reifen" Märkten gepärgten Situation ist sie problematisch, weil es unter solchen Bedingungen
    - kaum noch signifikantes Wachstum gibt,
    - das in Anbetracht fortgeschritttener Unternehmenskonzentrationsprozesse im Wesentlichen unter immer weniger Oligopolisten aufgeteilt wird (Automarkt, Computer, Pharma, Nahrungsmittel etc.),
    - die angesichts des Reifegrades ihrer Märkte ihre Position nicht durch "revolutionäre" oder schlicht ökonomisch durchschlagende Innovationen sichern,
    - sondernu den einfach Weg beschreiten und die Kosten immer weiter senken, - was Senkung der Personalkosten und Beschäftigungsabbau bedeutet - wohlgemerkt: auf "reifen" Märkten.

    In dieser Situation, die praktisch exakt das Gegenteil von der in der Nachkriegszeit in Deutschland darstellt, setzt eine Wirtschafts- und Industriepolitik, die Kostensenkung auf breiter Front unterstützt, völlig falsch und vor allem volkswirtschaftlich höchst problematische Anreize. Sie beschleunigt die "Fahrt" in Richtung Stagnation, Beschäftigungsabbau/Kaufkraftverlust, Verkrustungen und systemischer Instabilität.

    Was wir seit der Finanzmarktkrise sehen, ist, dass die Regierungen Unsummen aufwenden, um das zuletzt genannte Problem zu entschärfen - allerdings ohne es zu lösen.

    Sie schreiben ferner, dass Sie glauben, die Euro-Zone wüde heute noch prima funktionieren, wenn mit dem Geld der Leute sorgsamer umgegangen worden wäre.

    Dem zweiten Teil Ihrer Aussage stimme ich uneingeschränkt zu. Mit dem Geld müsste sorgsamer umgegangen werden. Das ist eine Voraussetzung für die Lösung unserer Probleme. Das auf die zuvor von mir angesprochenen Ursachen zurückgehende Stabilitäts- und Wachstumsproblem, dass ja auch für die führenden Volkswirtschaften (USA, Japan, Großbritannien etc.) kennzeichnend und nach wie vor ungelöst ist, werden Sie so aber nicht in den Griff bekommen. Ich bezweifele deswegen ernsthaft, ob die Euro-Zone - volkswirtschaftlich gesehen, denn um dieses Problem geht es ja hier in Ihrem Aufsatz auch - heute noch so funktionieren würde, wenn nur mit dem Geld der Leute sorgsamer umgegangen worden wäre. Gar so einfach ist es sicher nicht.

    Viele Grüße
    SLE

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  12. Ich kann Ihre ökonomischen Argumente gegen Agenda 2010 nicht widerlegen, die Frage ist nur, welche Alternativen hätte es gegeben? Da ich damals in Deutschland tätig war, hatte ich in vielen Gesprächen mit Kunden und Politikern diskutiert, ob und wie Deutschland wieder auf Vordermann gebracht werden könnte. Etwas anderes als Flexibilisierung von Arbeitsmarkt ist nicht eingefallen. Bitte nicht zu vergessen, dass der Euro damals auf einem nicht enden wollenden Aufwärtstrip war und somit deutsche Produkte immer teurer machte. Würde mich interessieren, welche Alternativen Sie eingesetzt hätten.

    Mir fällt nur noch ein, dass Politiker furchtbare Angst vor "creative destruction" haben. Ohne creative destruction bleibt jedoch irgend etwas auf der Strecke. Ich meine auf keinen Fall, dass man GM pleite gehen lassen hätte sollen, aber bei Opel wäre das anders gewesen. Da waren die Überkapazitäten ziemlich eindeutig und wer weiß, was an Stelle von Opel heute an neuen Produkten erzeugt werden hätte können. Vielleicht gar nichts oder vielleicht sehr viel.

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    1. Soweit ich weiß hat Gerhard Schröder, als er Anfang 2005 mit dem Inkrafttreten der Hartz-Reformen plötzlich Monat für Monat mit Arbeitslosenzahlen von über 5 Millionen konfrontiert war, sehr ernsthaft über eine Art Wachstums-Agenda nachgedacht, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und so die Beschäftigung zu steigern.

      Dazu kam es nicht mehr, weil er nach der NRW-Wahl im Mai 2005 den Weg für Neuwahlen frei machte. Aber auch aktuell wird ja als Ergänzung zur Sparpolitik über ein Wachstumsprogramm nachgedacht - auf europäischer Ebene.

      Was man damals hätte anders machen können, ist dasselbe, was man auch heute bezogen auf die Ungleichgewichte und die Wachstumsproblematik in Europa machen müsste. Ich habe das hier im Blog zu erklären versucht und möchte mich hier darauf beschränken, auf die entsprechenden Aufsätze hinzuweisen - falls Sie sich damit beschäftigen wollen:

      "In der Wachstumsfalle - Griechenland & Co" (insb. Teil 2 und 3 - Links sind oben in der Liste der zehn beliebtesten Posts)"

      sowie
      "Die europäische Krise"
      insb. Teil 2: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/01/die-europaische-krise-teil-2-die-euro.html
      und Teil 4: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/02/die-europaische-krise-teil-4-das.html).

      Dass sich der Arbeitsmarkt in Deutschland später wieder "erholt" hat, haben wir nicht zuletzt mit einer Ausweitung der atypischen Beschäftigung, des Niedriglohnsektors und einer negativen Reallohnentwicklung erkauft. Die immer weiter auseinanderklaffende Einkommenschere ist heute das Resultat dieser die Kostensenkung auf gesättigten Märkten stützenden Wirtschafts- und Industriepolitik. Bricht jetzt der Export weg, saust auch die deutsche Wirtschaft in den Keller.

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  13. Sehr geehrter Her Kastner,

    eine Frage haette ich noch. Warum lassen Banker die Volkswirte / Oekonomen u.a. nobelpreisdekorierte und das Publikum in dem falschen Glauben, das Banken nur das Geld von Sparern an Schuldner weiter reichen? Dabei waere es doch ganz einfach, diesen Irrtum aufzuklaeren.
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/03/krugman-vs-keen.html

    Ich bin auf Ihre Antwort sehr gespannt.

    Mit freundliche Gruessen
    Georg Trappe

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  14. Und hier noch ein paar Hinweise, fuer Alle die den Ausfuehrungen der Bundesbank sowie der Logik eines Georg Trappe in Bezug auf Geldschoepfung durch Geschaeftsbanken nicht vertrauen:
    http://rwer.wordpress.com/2012/04/03/who-is-right-krugman-or-keen-or-and-9-central-bank-economists/

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  15. 1 von 3
    Sehr geehrter Herr Trappe,

    hiermit darf ich auf Ihre Breitseite gegen „Liberale“ eingehen. Manchmal kommt mir in Zeiten, wo so viele Ausdrücke mit …mus enden, vor, dass weniger Informierte den Neoliberalismus als eine Steigerung des Liberalismus betrachten. Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich erst einmal klarstellen, was ich unter „neoliberal“ verstehe. Es ist natürlich unmöglich, komplexe Dinge in wenigen Zeilen darzustellen, aber folgende Definition hat mir bisher noch am besten gefallen:

    Zitat Anfang
    Entgegen einer weit verbreiteten Annahme bedeutet “neoliberal” nicht völlig unregulierten Turbo-Kapitalismus ohne wenn und aber. Ganz im Gegenteil:

    “In den 1930er und 1940er Jahren, die von Staatsinterventionismus, Protektionismus, zentraler Wirtschaftslenkung und Totalitarismus geprägt waren, gab es eine Rückbesinnung auf die Ideen des Liberalismus. Aus Sicht der Neoliberalen hatte man mit der Politik des Laissez-faire im 19. Jahrhundert, als der Staat die Wirtschaft weitgehend dem freien Spiel der Marktkräfte überließ, negative Erfahrungen gemacht und sah eine Notwendigkeit zur Neuformulierung. Neoliberale Vordenker sahen die Gefahr, dass ein ungeregelter Markt dazu tendieren kann, durch die Bildung von Monopolen den Wettbewerb aufzuheben, und dadurch seine eigene Grundlage zu zerstören. Markt ist nach Auffassung des Neoliberalismus daher nicht naturwüchsig, sondern muss durch den Staat gewährleistet werden. Im September 1932 umriss Alexander Rüstow auf einer Tagung des Vereins für Socialpolitik das neue liberale Credo: „Der neue Liberalismus jedenfalls, der heute vertretbar ist, und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört“.

    Zur Gewährleistung des effizienten Einsatzes des Produktivkapitals gehört neben dem Recht auf Privateigentum auch die Haftung. Die Eigentümer von Produktivkapital sollen sich nicht nur die Gewinne aneignen, sondern auch die volle Haftung für getroffene Fehlentscheidungen tragen.

    Als das wohl bedeutendste Beispiel neoliberaler Politik gilt die Politik in der Bundesrepublik Deutschland unter Ludwig Erhard (1949–1963 Bundeswirtschaftsminister, 1963–1966 Bundeskanzler). Erhard und sein Staatssekretär Alfred Müller-Armack, der den Ausdruck „Soziale Marktwirtschaft“ prägte, waren beide Wirtschaftswissenschaftler und hatten regelmäßigen Kontakt zu den führenden Vertretern des Neoliberalismus wie Rüstow, Röpke, Eucken, Böhm und Hayek. ” (Quelle:Wikipedia; inhaltlich vom Autor, Christian Ortner, überprüft).
    Zitat Ende

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    1. 2 von 3
      Ich muss immer wieder staunen, wie weit die Menschen des deutschsprachigen Kulturkreises sich heutzutage von den Wurzeln ihres Kulturkreises, ja, ich möchte fast sagen, von den Wurzeln des abendländischen, judeo-christlichen Kulturkreises lossagen möchten. Ich habe es kürzlich faszinierend gefunden, wie man anlässlich der Wahl des neuen Bundespräsidenten das Thema „Freiheit“, noch dazu Freiheit als möglicherweise größtes Gut, heftigst diskutiert hat.

      Seit meiner Pensionierung lese ich wieder sehr viel Geschichte. Sehr viel vergesse ich dank meiner gealterten Gehirnzellen gleich wieder, aber Grundthemen bleiben erhalten. Es ist erstaunlich, was die Menschen seit der Urzeit bereit waren, zu geben und zu opfern, um die Freiheit erreichen. Die Freiheit der Vielen von der Willkür der Wenigen. Die Debatten, die ich in deutschsprachigen Medien im Zusammenhang mit Gauck verfolgen konnte, waren schon sehr aufschlussreich. Frei nach dem Motto „Natürlich ist Freiheit wichtig, aber…“ Warren Buffett hat eine schöne Antwort auf solche Aussagen, nämlich: „Lassen Sie uns diese Diskussion auf den Friedhöfen von Omaha Beach fortsetzen!“

      „Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, der täglich sie erkämpfen muss!“ – dieser Satz stammt doch nicht von einem losgelassenen Wilden von der Wall Street! Natürlich setzt Freiheit viele andere Werte voraus wie z. B. die Solidarität des Einzelnen mit der Gesellschaft, Charakter und Integrität des Einzelnen, etc. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Auch dieser Satz kommt nicht von einem schwebenden Guru in Indien. Beide Sätze stammen aus unserem eigenen Kulturkreis. Und wer sich verletzt fühlt von „Den unnützen Knecht werfet hinaus in die Finsternis; dort wird sein Heulen und Zähneklappern“, der sollte nicht auf brutale Kapitalisten schimpfen, sondern sich mit den Neuen Testament auseinandersetzen.

      Ich sage das nur, weil heutzutage oft die Meinung verbreitet wird, als käme alles Schlechte von den amerikanischen Neoliberalen à la Milton Friedman, etc. Woran ein sehr großer Teil der Welt (außerhalb Europas) heute glaubt (und was wir so gerne kritisieren) kommt zu einem erheblichen Teil aus unserem eigenen Kulturkreis. Denken sie an Kant, Popper, Hayek, Schumpeter, etc. etc. Und unsere eigenen Philosophen haben sich an Plato, Sokrates, etc. orientiert. Und unsere heutige Gesellschaft will so tun, als gäbe es diese kulturellen Werte nicht? Dann entfernen sich die modernen Deutschen von ihren Wurzeln genauso wie sich die modernen Griechen von den Werten ihrer antiken Vorfahren entfernt haben.

      Während meines Studiums las ich Dahrendorfs Buch über die „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“. Es war ein Augenöffner für mich! Ich fragte mich, warum ich in Amerika studieren musste, um ein solches Buch zu lesen. Bei den meisten Österreichern ist dieses Buch genauso unbekannt wie die Werke von Popper, Hayek, Schumpeter, von Mises, etc. (obwohl alle Österreicher waren).

      Wenn Sie heute einen Amerikaner fragen – meinetwegen einen ungebildeten, der erst vor wenigen Jahren eingewandert ist -, warum er stolz ist, in Amerika zu leben, dann wird er Ihnen wie aus der Pistole geschossen 2 oder 3 Gründe nennen. „Freiheit“ ist mit Sicherheit einer dieser Gründe. Fragen Sie heute einen gebildeten Deutschen, warum er stolz ist, ein Deutscher zu sein und er wird möglicherweise erst einmal nachdenken, ob man in Zeiten wie diesen überhaupt noch stolz auf sein Land sein sollte.

      Sie haben mir als „Liberalen“ unterstellt, dass ich nicht gewohnt bin, Dinge zu Ende zu denken. Ich hoffe, ich konnte Ihnen anhand meines Beispiels mit der Kastner Bank AG verdeutlichen, dass ich sehr wohl Dinge zu Ende denke, statt Teile vom Ganzen blind aus Bundesbankberichten nachzubeten, ohne das Ganze zu verstehen.

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    2. 3 von 3
      Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, was Sie wahrscheinlich sehr überraschen wird. Ich habe mir kürzlich in der Mediathek des Bundestags die Debatten über das Rettungspaket angehört. Wer glauben Sie, hat mich am meisten beeindruckt? Gregor Gysi, und zwar um Längen! Die Befürworter – von Merkel abwärts – haben auch Teile eines Ganzen blind nachgebetet ohne das Ganze zu verstehen (oder es verstehen zu wollen). Ich würde auch vielem von dem, was Frau Wagenknecht in TV-Diskussionen zu den Herausforderungen unseres Wirtschaftssystems sagt, zustimmen. Es steht doch völlig außer Frage, dass Banken primär der Wirtschaft und dass die Wirtschaft primär der Gesellschaft dienen sollte. Es wird aber keine sehr gut funktionierende Gesellschaft geben, hinter der nicht auch eine gut funktionierende Wirtschaft steht und es wird ohne gut funktionierende Banken auch keine gut funktionierende Wirtschaft geben.

      Es ist doch romantisch naiv, wenn man denkt, dass die Wirtschaft etwas „da oben“ ist, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Jeder von uns ist ein Teil der Wirtschaft (der Volkswirtschaft, möchte ich sagen). In dem Moment, in dem wir uns eine Semmel beim Bäcker kaufen, haben wir einen wirtschaftlichen Prozess in Gang gesetzt. Wir haben die Semmel beim Bäcker A und nicht beim Bäcker B gekauft. Vielleicht weil Bäcker A freundlich ist und Bäcker B nicht. Damit tragen wir möglicherweise dazu bei, dass Bäcker A sehr erfolgreich und Bäcker B bald arbeitslos sein wird. Dann müssen wir uns als „economic agents“, d. h. als Mitglieder der Gesellschaft, Gedanken machen, ob wir Bäcker B Arbeitslosengeld zahlen wollen oder ob wir ihm empfehlen wollen, freundlicher zu werden. Etc. etc.

      Es ist bei den Lösungsansätzen, wo ich mich von Gysi, Wagenknecht, etc. unterscheide. Die Verstaatlichung der Banken kann keine Lösung sein. Sorry, könnte schon sein, aber dann müsste der Staat ein weiser und gerechter sein im Sinne von Plato, ein „starker Staat, ein Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört“. Wir haben jedoch – wie in der Demokratie nicht anders möglich – Parteien und sonstige Interessensvertretungen. „Ohne die Partei wäre ich nichts“ hat einmal ein österreichischer Bundeskanzler ganz herzlich ehrlich zugegeben. Sie werden mir kein verstaatlichtes Unternehmen zeigen können, wo nicht früher oder später Parteieninteressen durchschlagen werden. Sie können mir keine Partei nennen, die nicht letztendlich Wähler gewinnen möchte. Sie können mir keinen Politiker nennen, der nicht wiedergewählt werden möchte. Ich glaube nicht, dass Sie mir einen Politiker und/oder eine Partei nennen können, der/die in der Tat nur die Interessen des ganzen Landes vertritt.

      So ist halt einmal die Demokratie; anders geht es nicht. Und deswegen braucht man in einer Demokratie Menschen, die die Parteien (und somit den Staat) davor einschränken, sich die Gesellschaft zum Eigentum zu machen. Anders ausgedrückt, die sich darauf konzentrieren, die Freiheit des Einzelnen vor der Willkür von Anderen zu schützen. Oder noch anders ausgedrückt: die Freiheit der Vielen vor der Willkür der Wenigen.

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    3. Hallo Herr Kastner,

      zunächst möchte ich mich für Ihre vielen, ausführlichen und sehr lesenswerten Kommentare bedanken.

      Ich möchte zum Thema "Liberalismus/Neoliberalismus" etwas ergänzen, weil das ebenfalls etwas ist, was im Streit über die Bewertung des Begriffs meistens übersehen wird.

      Der Neoliberalismus ist von Ihnen zutreffend beschrieben worden. Als dieser Begriff von den von Ihnen genannten Ökonomen geprägt wurde, hatte keiner von denen einen Erklärungsansatz für eine sich entwickelnde Wirtschaft im Kopf. Schumpeter schon, aber er gilt nicht als Neoliberaler. Es kommt hinzu - und das gilt gewiss auch heute, z.B. auch für mich selbst -, dass man bei allen wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitisch-konzeptionelle Überlegungen in gewissem Umfang immer ein Gefangener seiner Zeit ist, weil die Situation, die man vor Augen hat und zu erklären versucht, das eigene Denken prägt.

      Der Neoliberalismus ist in erster Linie ein wirtschaftspolitisches Konzept, welches das Ziel, dem es zu dienen beabsichtigt, im Namen trägt. Wenn man heute entsprechende Vertreter dieses Ansatzes in den Wirtschaftswissenschaften und besonders auch in der Politik reden hören, dann fällt auf, dass sie die Trennung von "wirtschaftstheoretisch verankertem Konzept" (Neoliberalismus) und "Ziel" (Freiheit) überhaupt nicht mehr vornehmen. Das Konzept wird ja auch in der Politik als "Konzept der Freiheit" bezeichnet, was jedoch fälschlicherweise impliziert, dass das Freiheitsziel NUR durch dieses Konzept erreicht werden kann.

      Das Problem dabei ist, dass das definitiv nicht zutrifft und es auch höchst problematisch ist, davon auszugehen, dass es zutrifft. Denn die diesem Ansatz zugrundeliegende Wirtschaftstheorie ist nachweislich unvollkommen oder präziser gesagt mit gravierenden Fehler schon im Annahmengebäude behaftet. Nichts hat dies besser verdeutlicht als die Finanzkrise und die sich an die Lehman-Pleite anschließende Weltwirtschaftskrise, die die führenden Ökonomen allesamt überrascht und sprachlos gemacht hat.

      Man kann also für Freiheit sein OHNE den Neoliberalismus als geeignetes Konzept für die Realisierung dieses Ziels zu sein. Dass wird von Neoliberalen (ich sehe das nicht als Schimpfwort) stets bestritten.

      Das beste Beispiel, dass es sich so verhält, ist der Erfolg von Ludwig Erhard in der Nachkriegszeit. Denn unter den damaligen Gegebenheiten auf den Märkten war der Neoliberalismus genau das richtige wirtschaftspolitische Konzept, um Freiheit zu erreichen/zu gewährleisten. Heute sind die Gegebenheit vollkommen anders geartet: Wir haben viele oligopolisierte, von nur wenigen Großunternehmen dominierte, gesättigte Märkte. Unter solchen Bedingungen - so sage ich, als jemand der sich mit Markt- und Wettbewerbstheorien befasst hat - erreicht man das Ziel Freiheit mit Hilfe des Neoliberalismus definitiv NICHT.

      Viele Grüße
      SLE

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    4. Her Kastner,
      Freiheit, Gleichheit, Bruederlichkeit waren die revolutionaeren Ideale. Freiheit von Tyrannei war gemeint und nicht Freiheit zur Tyrannei. Jedes Ideal hat sein destruktive Spitze, das weiss jeder der ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung auf dem Buckel hat. Wenn aus Gleichheit vor dem Gesetz die Diktatur der Gleichmacherei wird, dann ist das genauso falsch, wie die Freiheit zur Tyrannei. Nur bei der Bruederlichkeit im Sinne von Solidaritaet, zusammen halten, miteinander teilen, faellt es mir schwer mir in der heutigen Zeit eine Uebertreibung vorzustellen.
      Ein Freiheitsverstaendnis was Systeme (z.B. das Finanzsystem) ueber Menschen stellt, und so Systeme zu Mitteln struktureller Gewalt gegen Menschen macht, lehne ich zutiefst ab. Ich denke wir leben leider in einer Zeit, in der nicht genug Menschen die Courage haben sich gegen strukturelle Gewalt in Form von Systemen, die als alternativlos dargestellt werden und so zur Tyrannei werden, aufzulehnen und Widerstand zu leisten.
      Es gibt moderne, liberal denkende Menschen, die ich sehr schaetze. Einer davon ist Fredmund Malik. Der folgende Aufsatz belegt, warum:
      http://www.cicero.de/kapital/seid-liberal-nicht-neoliberal/36971
      Meine Position begruendet sich also im seit 3 Jahrzehnten anhaltenden Exzess, den ich zu beobachten glaube, und dem ich etwas entgegenstellen moechte. Vermutlich waere ich ein feuriger Liberaler, wenn ich in Zeiten oder unter Umstaenden exzessiver Gleichmacherei leben wuerde. Das ist aber ganz sicherlich nicht der Fall. Ideale koennen destruktiv wirken. Idealisten und Ideologen sind gefaehrlich und tendieren zur Unmenschlichkeit. Dagegen leiste ich als Mensch aus tiefster Ueberzeugung Widerstand.
      GT

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    5. Sehr geehrter Herr Dr. Eichner,

      nie würde ich behaupten wollen, dass der Neoliberalismus (oder irgendein anderer …mus) der einzige Weg zum Glück ist. Im Gegenteil, allein schon ein solcher Ausschluss von Alternativen, allein schon die Weigerung, sich selbst und seine eigenen Meinungen ständig zu überprüfen – all das würde ich schon als wenig liberal betrachten.

      Ich stimme Ihnen voll zu, dass wir natürlich „Gefangene unserer Zeit“ sind. Ich würde ergänzen, dass wir auch Gefangene unserer Kulturen sind. Zumindest wir in Mitteleuropa sind sehr stark von einer Leistungskultur geprägt; auch von materiellen Werten. Das ist mit Sicherheit in manchen anderen Kulturen anders. Würde einem Deutschen jemand anbieten, jeden Wunsch zu erfüllen, dann würden viele Deutsche wahrscheinlich sagen: einen guten Job, eine gute Karriere, ein gutes Einkommen, einen guten Lebensstandard, etc. etc. Diogenes antwortete Alexander dem Großen auf diese Frage „Geh mir aus der Sonne!“ Sie kennen die Geschichte vom amerikanischen Touristen, der einen im Schatten eines Baumes liegenden jungen „faulen“ Griechen überzeugen will, dass er etwas leisten sollte? Er würde dann Karriere machen, viel Geld verdienen, so viel Geld, dass er bald den Rest seines Lebens ganz faul im Schatten eines Baumes verbringen könnte. Was der junge Grieche antwortete, liegt auf der Hand…

      Ich habe zum Beispiel hoch interessant gefunden, wie andere Kulturen ein Firmenorganigramm zeichnen. Wir zeichnen natürlich die Hierarchien: oben ist der Chef und darunter – schön gestaffelt – die einzelnen Hierarchien. Anders können wir uns eine Firmenorganisation gar nicht vorstellen. Asiaten hatten mir dann einmal erklärt, dass ihre Organigramme aus Kreisen bestehen. Ganz innen sitzt der Chef, damit er am besten die anderen unterstützen kann und die nächsten Kreise tun das gleiche für deren nächste Kreise.

      In unserer Denke ist der Chef wirklich der „Chef“. Als ich vor 22 Jahren nach Österreich zurückkehrte, war ich schockiert, als ich im Unternehmen zum ersten Mal den Satz hörte „Ober sticht Unter“. Noch mehr schockiert war ich, als ich bemerkte, dass die Leute das auch so akzeptierten. In anderen Kulturen wird das Chef-sein als eine andere Art des Dienens verstanden. Man dient seiner Organisation, seinen Mitarbeitern. An und für sich ganz logisch, denn kein Chef kann alleine etwas erreichen. Für uns aber eher etwas ungewohnt, nicht wahr?

      Was ich damit sagen will, ist, dass Gesellschaftsformen/-strukturen auch zur Zeit und vor allem auch zur eigenen Kultur passen müssen.

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    6. Mir ging es nur um die Erklärung, nicht darum, Sie entsprechend einzusortieren. Wenn ich sagte, ich bin sehr für Freiheit und freie Märkte (als Ziel), würde ich jedoch ganz sicher von den meisten fälschlicherweise als wirtschaftsliberal/neoliberal und Befürworter der Deregulierung angesehen. Wenn man die Wirtschaft und Märkte nicht (neoklassisch) als "wachsend" interpretiert, sondern als sich "entwickelnd" (also ähnlich wie Schumpeter), dann muss man wohl oder übel anerkennen, dass die Wirkungsweise von Instrumenten und Maßnahmen situationsabhängig und die Gewährleistung von Freiheit bzw. Chancengeichheit eine ständige Herausforderung ist, deren Bewältigung im Zeitablauf unterschiedliche Handlungskonzepte erfordert. Das wird heute wegen des wirtschaftstheoretischen Unterbaus aber so nicht gesehen - jedenfalls abgesehen von Ausnahmen. Und das sieht man auch seit vielen Monaten im Zusammenhang mit der Schuldenkrise. Sie gehen nüchterner und vor allem offener an das Thema heran. Deswegen stört Sie das Vorgehen der Euro-Eliten ebenso wie mich.

      Grüße
      SLE

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  16. Die FAZ zum Thema Geldschoepfung:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/geldschoepfung-wie-kommt-geld-in-die-welt-11637825.html

    Ich denke die FAZ gilt als serioes und ist in Frankfurt der EZB und den grossen Geschaeftsbanken nahe genug um nicht Gefahr zu laufen fehlerhaft ueber die Kapazitaet der Geschaeftsbanken zur Geldschoepfung zu berichten.
    Dies waere nun nach der Bundesbankschrift, dem Skript der Uni Muenster, den Zitaten auf RWER, dem Eintrag auf Wikipedia die fuenfte ernstzunehmende Quelle, die belegt, dass Geschaeftsbanken im Rahmen der Kreditvergabe Geld schoepfen.

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  17. Und hier eine Schrift die 1912 zum erstenmal veroeffentlicht wurde. Zu dieser Zeit war Geld "echtes Geld" weil durch Gold gedeckt. v. Mises unterscheidet dort also zwischen Money = echtem Geld ausschlieslich durch Zentralbanken geschoepft und durch Gold gedeckt und "the issue of fiduciary media, that is, notes and bank balances that are not covered by money" also Kreditgeld=Eintraege in die Bankbilanz. v. Mises erklaert wortreich die Unterschiede. Tatsach ist das mit dem Wegfall des Bretton Woods Systems Money
    im Sinne von v. Mises aufgehoert hat zu existieren. Seitdem gibt es nur noch Fiat Money das bei der Kreditschoepfung der Banken entsteht.
    v. Mises nennt das "fiduciary media" not covered by money also Bilanzeintraege die die bank treuhaenderisch verwaltet ohne eine Deckung aus Gold gedecktem "echten" Geld.
    http://www.econlib.org/library/Mises/msT6.html
    Ist lesenswert wenn auch etwas umstaendlich formuliert und es hilft hoffentlich das "Missverstaendnis", das durch Abschaffung der Golddeckung 1973 entstanden ist aufzuloesen.
    Mehr kann ich nun wirklich nicht tun und wenn das nicht reicht, dann weiss ich nicht was es denn noch sein muesste um zu belegen, das Geschaeftsbanken die Kapazitaet zur Geldschoepfung haben und seit Aufhebung der Goldbindung aus dem Nichts.
    Siehe auch:
    http://diebankensinddiedummen.blogspot.com/2012/04/geld-und-krisentheorie.html

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  18. Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ich möchte mich bei Ihnen für Ihre Beiträge bedanken. Sie haben mich fasziniert.
    Anbei ein Link, der über das Thema Geldschöpfung handelt und mich an ihre Diskussion erinnert hat.

    DIE GELDSENDUNG - KenFM
    http://www.youtube.com/watch?v=03C17u8zCE8

    Mit freundlichen Grüssen

    miro9

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  19. Möchte mich auf diesem Wege dem Vorposter anschließen:
    Vielen Dank für die Diskussion. Es ist eine steile Vorlage sich selbst auch tiefer mit dem Thema Geldschöpfung auseinanderzusetzten und so manche feste (vorgegebene) Meinung und allgemeine Massenirrglauben in Zweifel zu ziehen.
    Fand das Thema, als auch den Verlauf der Diskussion sehr interessant.

    Und auch vielen Dank für die Aufklärung mit Hilfe von und auf sehr hohem Niveau, aber für Normalsterbliche verständlich!

    Danke!

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