Donnerstag, 8. März 2012

Zitterpartie griechischer Schuldenschnitt ..., nur für wen?

Der Termin, bis zu dem sich die Gläubiger Griechenlands entscheiden müssen, ob sie sich freiwillig am Schuldenschnitt beteiligen oder nicht, steht fest:
Heute um 21:00 Uhr (MEZ).
Die entscheidende Frage ist, ob der Schuldenschnitt gelingt oder – möglicherweise trotz der jüngst in Gesetzesform gebrachten Möglichkeit zur Zwangsbeteiligung (Collective Action Clauses (CAC)) von Gläubigern – scheitert.
Das Gesetz kommt zur Anwendung, wenn sich zu wenig Gläubiger freiwillig beteiligen, das heißt, wenn weniger als 75 Prozent der betroffenen griechischen Schulden durch die Gläubiger abgedeckt sind, die sich bis 21 Uhr auf die entsprechende Liste eingetragen haben. Das Gesetz kann andererseits jedoch nicht zur Anwendung kommen, wenn die sich freiwillig beteiligenden Gläubiger für weniger als 50 Prozent der relevanten Schulden stehen. Kommen mehr als 50 Prozent für den freiwilligen Schuldenschnitt zusammen, bedarf es der Zustimmung von Zweidrittel dieser, sich freiwillig beteiligenden Gläubiger, damit das Gesetz zur Zwangsbeteiligung angewendet werden kann. (1)
Nun ist bekannt, dass bisher vor allem Banken und Versicherungen ihre Bereitschaft zum freiwilligen Schuldenschnitt bekundet haben. Werden sie im Zweifelsfall die Anwendung des Gesetzes zur Zwangsverpflichtung befürworten?
Wovor alle Angst haben und was die ganze Welt gegenwärtig beschäftigt, ist die Frage, ob es in diesem Zusammenhang offiziell zu einem Kreditereignis kommt und damit die auf griechische Anleihen abgeschlossenen Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps (CDS)) fällig werden. Denn wer wo und inwieweit mit CDS im Risiko steht und ob tatsächlich alle Anbieter von entsprechenden CDS im Falle eines griechischen Kreditereignisses wirklich zahlen können und ob es, wenn das nicht der Fall ist, nicht infolge gegenseitiger Absicherung von CDS-Anbietern durch CDS eine neue Kettenreaktion auf den Finanzmärkten erfolgt, weiß niemand. Nach der Lehman-Pleite ist genau das geschehen – man denke nur an den Fall der einst weltgrößten Versicherung AIG.
Die Entscheidung, dass ein Kreditereignis vorliegt, trifft der Derivateverband, die International Swaps and Derivatives Association (ISDA), genauer gesagt das innerhalb der ISDA für Europa zuständige Komitee. In diesem Komitee sitzen unter anderem die im CDS-Geschäft größten acht Banken, namentlich: die Bank of America Merrill Lynch, Barclays, BNP Paribas, Credit Suisse, Deutsche Bank, Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Morgan Stanley, Societe Generale und die UBS. Auch in CDS engagierte „Nicht-Banken“ und Investoren gehören dazu: Pimco, Blue Mountain Capital, D.E. Shaw Group und die Elliot Management Corporation. (2)
Da liegt das Problem. Nehmen wir zum Beispiel einmal die US-Banken in den Blick.
Nach den letzten verfügbaren Zahlen des Office of the Comptroller oft the Currency (OCC) für das dritte Quartal 2011 vereinen lediglich fünf große US-Banken 96 Prozent des von US-Banken und -Handelsgeselllschaften getätigten Derivategeschäfts. Auf Holdingebene sind das die in der Tabelle aufgeführten. (3)
Das sind bombastische Zahlen – nur damit kein Zweifel aufkommt: Es geht hier um Billionen bzw. amerikanisch: um Trillions – die jedoch durch das sogenannte Netting, bei dem entsprechende Positionen auf der Aktiv- und Passivseite der Bilanz einfach gegeneinander aufgerechnet werden, auf „kleinere“ Milliardenbeträge zusammenschmelzen. Genau genommen verschwinden die Risiken dadurch natürlich nicht.
Das bedeutet im gegebenen Zusammenhang, dass Banken als Kreditversicherer im Geschäft sind und sich andererseits in ähnlicher Größenordnung über Kreditversicherungen bei anderen CDS-Anbietern abgesichert haben. Genau daraus, das heißt aus der - völlig undurchschaubaren - gegenseitigen Absicherung bei gleichzeitiger Konzentration des CDS-Geschäfts auf eine weltweit überschaubare Zahl von großen Akteuren, resultiert die Gefahr einer Kettenreaktion im Falle eines Kreditausfalls.
Vor diesem Hintergrund stellt sich ernstlich die Frage, ob die sich freiwillig am Schulden-schnitt beteiligenden Großbanken und Investoren bereit sein werden, der Anwendung des Gesetzes für die Zwangsbeteiligung am Schuldenschnitt zuzustimmen? Schließlich befinden sich unter diesen wenigstens einige derjenigen, die zur Crème de la Crème des CDS-Marktes gehören und im für den Fall Griechenland zuständigen ISDA-Komitee die Entscheidung über das Vorliegen eines Kreditereignisses zu fällen haben.
Diese Frage mag sich jeder selbst beantworten. Jim Sinclair hat in diesem Punkt kürzlich eine drastische Einschätzung kundgetan: Er rechnet im Falle eines Kreditereignisses in Griechenland mit der Insolvenz der fünf größten US-Spieler auf dem Derivatemarkt – allerdings rechnet er auch fest damit, dass sie von der US-Regierung gerettet werden. (4)
Warten wir es also ab.
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Lesempfehlung zum Thema CDS im Zusammenhang mit dem griechischen Schuldenschnitt:



Kommentare:

  1. Für die Eurogruppe ist es natürlich auch eine Zitterpartie, obwohl sie dies nicht gerne zugibt. Wenn es schief geht, könnten Portugal und Irland wanken. Um dies zu verhindern, sollten Schäuble & Co. den Griechen Rückendeckung geben. Wie wir mittlerweile wissen, steht noch genügend Geld aus dem ersten Hilfsplan für Griechenland bereit, um die Pleite abzuwenden. Die Euro-Granden haben mehrere Optionen, wenn der Schuldenschnitt scheitern sollte. Sie können Athen fallen lassen - und den fatalen Dominoeffekt riskieren.
    Sie können die Fristen aber auch verlängern, Überbrückungskredite gewähren, die Konditionen ändern. Also weiter auf Zeit spielen - so lange, bis Griechenland kein Risiko mehr darstellt. Die große Frage ist, ob sie noch willens sind, sich für Griechenland zu engagieren? Sonst könnten bald die ersten Dominos fallen... http://lostineurope.posterous.com/domino-day

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  2. Hallo EricB.,

    ich sehe das genauso. Es wird geschoben und weiter auf Zeit gespielt werden und am Ende legt die EU die fehlende Schippe oben drauf - zum "Wohle" der Steuerzahler, denen ja ein Finanzcrash erspart bleibt ... jedenfalls vorerst. Die Wahrscheinlichkeit, dass das - egal was am Ende als "Lösung" verkauft wird -, was gemacht wird, als Kreditereignis bewertet werden wird, halte ich für sehr gering.

    Grüße
    SLE

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  3. Hier werden sich noch manche Kleinanleger, Stiftungen, Firmen und evtl. auch wieder die ev. Kirche "umgucken".
    Die CDS wurden als klassische Bankanleihen getarnt. Die Wertpapiere waren von den schriftlichen Informationen so dermaßen verfälscht, dass sie zu hundert Prozent den klassischen Bankanleihen entsprachen und der potentielle Investor nicht die geringste Chance hatte zu erkennen, dass es sich in Wirklichkeit um hoch riskante Spekulationsobjekte handelt, die ein mehrfaches Risiko des Totalverlustes in sich trugen. Als gelernte Bankkauffrau recherchierte ich rund drei Jahre fast meine gesamte Freizeit und trug alle Beweise, die ich mir größtenteils nur über Umwege besorgen konnte, zusammen. Viele Investoren werden bis jetzt nicht wissen, dass sie überhaupt ein Griechenlandrisiko im Depot haben.

    www.wertpapier-schaden.de

    Bitte das Kapitel "die genialsten Täuschungen" anklicken.

    Gruß

    Siegrun Roman

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