Dienstag, 6. März 2012

In der Wachstumsfalle – Griechenland & Co. (Teil 3): Lösungsperspektiven jenseits der Wachstumslogik

In der Wachstumsfalle
In Teil 1 und Teil 2 ging es um Wachstum versus wirtschaftliche Entwicklung. In Teil 2 wurde dazu zunächst das bisher maßgebliche Wachstumsmodell und darauf bezugnehmend auf der mikroökonomischen Ebene die Entwicklung des Innovationsverhaltens eines erfolgreichen, das heißt wachsenden Unternehmens betrachtet (Schaubild „The three stages ...“ (1)). Im späten Stadium des Erfolges, der „Phase der Spezialisierung“ – das ist das Kennzeichnende –, ist es für den Erfolg von Unternehmen wie etwa Hewlett Packard, IBM, General Motors, Daimler, SAP usw. nicht mehr erforderlich, signifikante Innovationen bei Produkten und Prozessen zu tätigen. Denn bei den Produkten hat sich ein dominantes technisches Design herausgebildet, das von der Produkt- und von der Prozessseite her optimiert wird – insbesondere unter Kostengesichtspunkten. Das hohe Produktionsvolumen, der erreichte Grad der Produktivität und generell der Effizienz sowie die realisierten Skalenerträge sind in einem wettbewerblichen Umfeld, in dem Kosten und Preis entscheidend sind, ein dickes Sicherheitspolster für die erreichte Marktposition.
Das ist, wie gesagt, eine mikroökonomische Perspektive und insofern für gesamtwirt-schaftliches Wachstum und wirtschaftliche Entwicklung zunächst nicht unmittelbar relevant. Das ändert sich jedoch, wenn viele, volkswirtschaftlich bedeutende Märkte von lediglich ein paar großen, erfolgreichen Unternehmen dieses Typs dominiert werden und hinzu kommt, dass es sich durchweg um Märkte handelt, die ihren Zenit, das heißt ihre Reifephase, überschritten haben. Auf solchen Märkten herrscht angesichts der Dominanz von wenigen Großunternehmen, des bereits ausgeschöpften Wachstumspotenzials, stagnierender Nachfrage und Überkapazitäten ein harter Preis-, Kosten- und mithin Verdrängungswettbewerb. Der enorme Kostendruck wirkt sich nicht nur auf die Löhne aus, sondern tendenziell auch negativ auf die Beschäftigung. Es kommt verstärkt zur Durchführung von Kostensenkungsprogrammen, aber auch zu – mit zu hebenden Synergien gerechtfertigten – Fusionen und Übernahmen.
Erinnern Sie sich noch an die ETH-Studie von Vitali, Glattfelder und Battiston (2) von September 2011? Sie hatten auf der Basis von Daten aus dem Jahr 2007 erstmals die Beteiligungsstrukturen und Verflechtungen der 43.060 multinationalen Konzerne analysiert und dabei nicht nur einen erheblichen Grad der Verflechtung festgestellt. Vielmehr ergab ihre Untersuchung auch Folgendes: (3)
  • Es existiert ein einzelnes, großes Netz, das 75 Prozent aller multinationalen Konzerne sowie 94,2 Prozent der gesamten operativen Erträge aller 43.060 Konzerne umfasst;
  • dieses Netz verfügt über einen Kern von 1.318 besonders einflussreichen Konzernen, der sich zu 75 Prozent selbst kontrolliert und der zu 75 Prozent aus Unternehmen aus der Finanzindustrie besteht;
  • 737 Konzerne dieses Kerns kontrollieren gemeinsam faktisch 80 Prozent dieses Netzes;
  • 147 Konzerne dieses Kerns kontrollieren gemeinsam faktisch 40 Prozent dieses Netzes;
  • 24 der 50 einflussreichsten Konzerne sind US-Firmen;
  • 49 der 50 einflussreichsten Konzerne stammen aus dem Finanzsektor, darunter u. a. JP Morgan Chase, Bank of America, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Deutsche Bank, UBS, Credit Suisse, Barclays und Axa, aber auch Bear Stearns, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Citigroup, die zwischen-zeitlich in der Finanzkrise untergegangenen, übernommen oder gerettet worden sind.
Das bedeutet stark vereinfacht ausgedrückt: Die globalen Märkte sind geprägt von Unternehmen in der „Phase der Spezialisierung“, die nicht nur deswegen und bedingt dadurch, dass sie auf ausgereiften Märkten operieren, den Fokus auf Preis- und Kostenwettbewerb legen. Vielmehr erhöht sich der Druck dazu infolge des Einflusses und des Renditestrebens der Finanzmärkte nochmals. Fusionen und Übernahmen, Kostensenkungsprogramme, Beschäftigungsabbau u.a. – das sind alles Maßnahmen, die von den Finanzmärkten gefordert und belohnt werden. Es sind Maßnahmen, an denen die Finanzmärkte direkt oder indirekt kräftig verdienen.
Hinzu kommt, wie in Teil 2 erläutert, dass Effizienzstreben, Kostenwettbewerbsfähigkeit und damit letztlich der Kostenwettbewerb selbst auch seitens der Politik gefördert und unterstützt wird, nämlich bedingt durch das herrschende gesamtwirtschaftliche Wachstumsmodell.
Das heißt, die Wirtschafts- und Industriepolitik fördert direkt oder indirekt Fusionen, Übernahmen, Kostensenkungsprogramme und Beschäftigungsabbau und insbesondere Unternehmen in der Phase der Spezialisierung (National Champions), weil dies der Logik der herrschenden Auffassung darüber, wie Wachstum und letztlich Beschäftigungsaufbau erreicht werden kann, entspricht (siehe zum herrschenden Wachstumsmodell das Schaubild „Erwarteter Nutzen von Innovation“ (4)).
Unter diesen Bedingungen auf den globalen Märkten schlägt das Verhalten auf der mikroökonomischen Ebene auf die Märkte und ebenso auch gesamtwirtschaftlich voll durch.
Die beschriebenen Bedingungen sind Realität und müssen als Ursachenkomplex für anhaltende Wachstums- und Beschäftigungsprobleme gesehen werden – auch wenn es die in Deutschland aktuell noch nicht in erkennbarer Weise gibt. Das wird geflissentlich ignoriert. Die im internationalen Wettbewerb stehenden Konzerne, die Finanzmärkte und die Politik agieren offensichtlich nach wie vor in einer Weise, die mit dem herrschenden Wachstumsmodell vollkommen kompatibel ist, obwohl dies zunehmend nicht mehr zu den unterstellten und gewünschten Resultaten führt – nicht auf volkswirtschaftlicher Ebene und zunehmend auch nicht auf der mikroökonomischen Ebene, das heißt bei erfolgreichen Unternehmen in der Phase der Spezialisierung. Das ist der Grund dafür, warum ich diese Aufsatzreihe mit dem Titel „In der Wachstumsfalle“ überschrieben habe.

Zurück zu dynamischer Entwicklung
Dass ein Ausweg aus dieser „Wachstumsfalle“ nicht gesehen wird, hängt damit zusammen, dass in der neoklassischen Wachstumslogik gedacht und auf welche Weise Wettbewerb auf Märkten erklärt und definiert wird, nämlich prinzipiell als reiner Preiswettbewerb, bei dem Effizienz und Kosten ausschlaggebend sind. Aber auch dieses spezifische Wettbewerbsverständnis ist ein neoklassisches, wie ich an anderer Stelle ausführlich erläutert habe (5).
Es weist folglich dieselben prinzipiellen Erklärungsschwächen wie die neoklassische Wachstumstheorie auf und bevorzugt oligopolistische, also von wenigen effizienten Großunternehmen dominierte Märkte. Es ist auch außerhalb der Wirtschaftswissenschaften, das heißt in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – ob nun bewusst oder unbewusst – zur herrschenden und mittlerweile, im Zuge von mehreren Dekaden der erfolgreichen Anwendung, unhinterfragten Vorstellung von der Funktionsweise von Wettbewerb und Märkten im Sinne von Wachstumsgenerierung geworden.
„Entwicklung“ – im Sinne der in Teil 1 vorgenommenen Unterscheidung von „Wachstum“ – lässt sich so nicht erklären. Warum das so ist, veranschaulicht das folgende Schaubild „Kennzeichen der Marktentwicklung und des Wettbewerbs“.
Was das Schaubild zeigt, ist der idealtypische, s-förmige Verlauf der Entwicklung eines Produktmarktes. Dabei steht die – anfangs blaue, dann rote – Kurve für die Entwicklung der Gesamtproduktionsmenge über den Marktlebenszyklus. Am Anfang, in der sogenannten Experimentierungsphase ist die Nachfrage nach einem neuen Produkt gering. Danach steigt sie stark (Expansionsphase) und später (Ausreifungsphase) nur noch langsam weiter an. In der letzten Phase stagniert der Markt oder er bildet sich zurück, das heißt er stirbt.
Letzteres geschieht in der Realität eher selten. Ein Beispiel für einen Markt, dessen Entwicklung in die Rückbildungsphase einmündete, ist der Uhrenmarkt (Ende der 1970er Jahre), der dann allerdings durch die Erfindung der Quarzuhren einen erneuten, starken Aufstieg erlebte. Damit wird zugleich ein entscheidender Punkt deutlich: Der tatsächliche Verlauf der Entwicklung von Märkten ist vom Innovationsgeschehen abhängig sowie vom Verhalten der Anbieter UND der Nachfrager
Im Schaubild wird das bildlich mit der „Wettbewerbswippe“ verdeutlicht. Der Angelpunkt der Wippe ist jener Punkt im typischen Verlauf der Marktentwicklung, an dem der Wettbewerb kippt. Das heißt, in den frühen Phasen (blaue Kurve) sind die Funktionalität sowie qualitative Merkmale der Produkte/Leistungen ausschlaggebend dafür, welcher Anbieter Nachfrage hinzugewinnen kann. Bedingt durch die Produktreifung, das Aufkommen eines dominanten technischen Designs auf dem Markt und die Verbesserung der Herstellungsprozesse kommt die Entwicklung des Marktes dann jedoch an einen Punkt, an dem Preis und damit die Kosten im Wettbewerb wichtiger werden als Funktionalität und Qualität. Das ist klassischerweise – das heißt bei normaler Entwicklung des Innovationsgeschehens – in der späten Expansionsphase der Fall. Erst von da an ist Wettbewerb im Wesentlichen „Preis- und Kostenwettbewerb“.
Insofern greift das neoklassisch geprägte Wettbewerbsverständnis zu kurz, denn es beschreibt lediglich den Wettbewerb in den späten Phasen der Marktentwicklung (roter Bereich) zutreffend. Die von Funktionalität und Qualität geprägte Form des Wettbewerbs in den frühen Phasen der Marktentwicklung (blauer Bereich) wird ausgeblendet.
Die tatsächliche Entwicklung kann zudem beeinflusst werden durch politisch gesetzte Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen.
Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man etwa an den Energiemarkt (regenerative Energien) oder an den Automobilmarkt (Hybrid-/Elektroauto) denkt. Solche innovativen Leistungen und Produkte, die sich von den bisher etablierten signifikant unterscheiden (in der Erzeugung und/oder als Produkt) werden nicht gekauft, weil sie kostengünstiger zu erstellen und den bisher etablierten preislich überlegen sind, sondern weil sie qualitativ oder funktionell andere Merkmale haben, die von Nachfragern höher gewichtet werden als der preisliche Nachteil gegenüber herkömmlichen Produkten und Leistungen. Signifikante Innovationen bzw. neue Produkte und Leistungen stoßen deswegen – wie im Schaubild dargestellt – anfangs nur auf eine geringe Nachfrage. Das ist auch der Grund, warum beispielsweise das Elektroauto die Automobilkonzerne einerseits im Zweifelsfall (bei einer harten Wirtschaftskrise) nicht stabilisieren oder „retten“ kann, andererseits aber im Prinzip – infolge der auf längere Sicht davon ausgehenden möglichen Gefährdung ihrer Marktposition (unkalkulierbarer Wettbewerb, Entwertung von Produktionskapital und Wissen) auch nicht wirklich in ihrem Interesse ist.
Eine Politik, die sich am neoklassischen Wachstumsmodell und Wettbewerbsverständnis orientiert, behindert jedoch auf ausgereiften und stagnierenden Märkten das Aufkommen einer starken innovativen Dynamik mit signifikanten Innovationen/Veränderungen, weil sie die etablierten Unternehmen in ihren Bemühungen, preis- und kostenwettbewerbsfähig zu sein, unterstützt. Mit anderen Worten trägt sie dazu bei, dass die „Wettbewerbswippe“ nicht wieder zugunsten eines von Funktionalität und Qualität dominierten Wettbewerbs ausschlagen kann.
Das aber ist die Voraussetzung dafür, dass die Entwicklung auf reifen Märkten neue Impulse bekommt und neue Wachstums- und Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen können, auch wenn das zunächst, wie in Teil 1 erklärt, je nach Intensität und sektoraler Reichweite des Umbruchs durchaus erhebliche negative Effekte mit sich bringen kann (Stichwort: „Prozess der schöpferischen Zerstörung“). Es kommt dadurch in jedem Fall Bewegung in die jeweiligen reifen Märkte und die Verteilung der Marktanteile und es kann nicht anders sein, als dass dies zu Lasten der Marktanteile der bis dahin von der Entwicklung begünstigten, erfolgreichen Unternehmen geht, deren Innovationsstrategie und Erfolg bis dahin nicht offensiv auf signifikante Innovationen, sondern defensiv auf Verbesserungsinnovationen ausgerichtet war (siehe Schaubild „The three stages ...“ (6)).
Bleibt die Politik bei dem Wachstumsmodell und bei dem auf Preis/Kosten reduzierten Wettbewerbsfähigkeitsbegriff, dann fördert sie auf aktuell zahlreichen reifen Märkten nicht den Wandel, sondern den Erhalt des Status Quo. Sie produziert „ewige“ Gewinner mit einer in der Konsequenz immer stärkeren Kanalisierung von Gewinn- und Einkommensströmen und erreicht damit unter den gegebenen Bedingungen das Gegenteil dessen, was sie zu erreichen beabsichtigt, nämlich schwaches, stagnierendes Wachstum, instabile Märkte – infolge der von Konzernen insbesondere bei komplexen Produkten ausgehenden, weitreichenden Netzwerkabhängigkeiten (z. B. Automobilsektor) – und Beschäftigungsabbau.

Das Wachstums- und Entwicklungsdilemma
Die Krise von Griechenland & Co. ist aus diesem Grund in der dargestellten Perspektive zugleich auch die sich anbahnende Krise der führenden, westlichen Industriestaaten und sie ist deswegen ein Problem, das eine gesamteuropäische Lösung erfordert. Sie resultiert daraus, dass das bisher einheitlich verfolgte Wachstumsmodell in den führenden Industriestaaten faktisch ausgereizt ist und gerade auch deswegen auf Griechenland & Co. nicht erfolgreich angewendet werden kann. Denn die strukturschwachen Krisenstaaten in der europäischen Peripherie vermögen – von Ausnahmen wie Italien abgesehen - auf keiner Ebene das erforderliche Niveau der Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit zu erlangen, um unter Freihandelsbedingungen im internationalen Wettbewerb, auf internationalen Märkten erfolgreich mitspielen zu können. Dies erreichen zu wollen hieße letztlich, dass sie auf volkswirtschaftlich relevanten Märkten in puncto Effizienz, Produktivität und Skalenerträge mit den multinationalen Konzernen bzw. den erfolgreichen Unternehmen in der Spezialisierungsphase gleichziehen können müssten. Was das bedeutet, kann man sich vor Augen führen, wenn man an die eingangs zitierte Untersuchung der ETH zum globalen Netzwerk der multinationalen Konzerne und an die zentrale Bedeutung von Finanzkonzernen denkt.
Letztere werden zudem aufgrund ihrer starken Verflechtungen und von Renditeerwägungen in hohem Maße am Erhalt des bestehenden Systems der globalen Wirtschaft in dessen aktueller Struktur interessiert sein. Sie können damit kaum ein Interesse am erfolgreichen Umbau der Wirtschaft der Krisenstaaten haben, weil dies sowohl in der Logik des Wachstumsmodells als auch in der Logik des hier diskutierten Entwicklungsmodells zu Lasten des Erfolgs der bislang erfolgreichen Wirtschaftsstrukturen in den führenden Industriestaaten gehen müsste.
Es gibt wohl kaum ein besseres Beispiel dafür, wie sehr unternehmerische und volkswirtschaftliche Interessen und Ziele auseinanderfallen können.

Bausteine einer Lösung jenseits der Wachstumslogik
Nachfrager
Das alles ist nicht misszuverstehen als alleiniges Problem der Politik. So lange die Nachfrager nicht die Wirtschaftsprobleme bewusster als von ihnen mitverursacht und beeinflussbar erkennen, ihre individuellen Möglichkeiten zur Beeinflussung stärker wahrnehmen und Kaufentscheidungen bewusster und gezielter treffen, wird sich kaum etwas zum Besseren verändern lassen.
Finanzmärkte
Gegenwärtig dominieren die Finanzmärkte die Realwirtschaft und nicht, wie es eigentlich sein sollte, umgekehrt. Von den im großen Stil abgewickelten Finanzmarktgeschäften ohne Bezug zu realwirtschaftlichen Aktivitäten (im Bereich Derivate/Wetten) gehen nicht nur immense Risiken für die Finanzmarktstabilität aus, für die im Ernstfall – wie geschehen - Regierungen zu Lasten der Steuerzahler Auffanglösungen finden müssen. Sie verteuern auch die Beschaffung von für realwirtschaftliche Aktivitäten erforderlichen Rohstoffen (Stichworte sind etwa „Chocfinger“ (7), bankeigene Rohstofflager (8)) und von Energie sowie nicht zuletzt auch Kapitalmarktfinanzierungen beträchtlich (Stichwort: Wetten auf Staatspleiten). Daneben verursachen sie weitere Probleme in der Realwirtschaft (Stichworte u. a.: Firmenübernahmen durch „Heuschrecken“, US-Häusermarkt – Prozesse unseriöser Wertpapiergeschäfte und ungerechtfertigter Zwangsenteignungen). Wenn das Verhältnis zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft nicht wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird, bleiben selbst ansonsten erfolgversprechende „Aufräumarbeiten“ in Staatshaushalten und Volkswirtschaften, beispielsweise in Griechenland, eine Sisyphusarbeit.
Lobbyismus und Korruption
Ausufernder Einfluss von Lobbyisten auf die Politik und Korruption sind keineswegs nur ein Problem in Griechenland oder Italien (9), auch wenn es dort vielleicht besonders gravierend ist. Klientelpolitik und Korruption sind in den Industriestaaten verbreitet und damit generell etwas, was der Lösung des Problems einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung im Wege steht. Das gilt insbesondere in kleinen, überschaubaren Volkswirtschaften, aber auch in solchen, in denen sich mächtige Interessengruppen herausgebildet haben und/oder auf deren Märkten große Oligopolisten das politische Interesse auf sich ziehen. Ausufernder Einfluss von Lobbyisten und Korruption sind der Tod der Chancengleichheit und des fairen Wettbewerbs. Beides ist auch Ausdruck für das Ausmaß der Veränderungsresistenz (Verkrustung) des wirtschaftlichpolitischen Systems.
Egal ob in Griechenland, Italien, Deutschland, Großbritannien oder in den USA – solange daran nichts geändert wird, lässt sich eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung schwerlich erreichen.
Politik
Unter den gegenwärtigen Bedingungen, das heißt angesichts vielfach ausgereifter, oligopolisierter und teils stagnierender Märkte, kann die generelle politische Aufgabe nur darin bestehen, Verkrustungen auf den entsprechenden Märkten aufzuweichen und aufzulösen. Egal ob Industrie, Forschung, Energie, Bildung oder Infrastruktur – die Politik kommt der Dynamisierung der Wirtschaft keinen Schritt näher, wenn sie schlicht nur ihre Anstrengungen und finanziellen Aufwendungen in diesen und anderen Politikfeldern erhöht. Auf reifen Märkten mit hoher Unternehmenskonzentration profitieren davon direkt oder indirekt in erster Linie die etablierten großen Unternehmen und insofern tragen sie auf ausgereifte Märkten zum Erhalt des Status Quo bei.
Worauf es stattdessen ankommt ist ein differenzierender Politikansatz, der all jene Bedingungen, Verhaltensweisen und Kräfte fördert, die für ein Zurückschwingen der „Wettbewerbswippe“ zu einer von Funktionalität und Qualität geprägten Wettbewerbsform erforderlich sind.
Nach gängigem neoklassischen und liberalen Wettbewerbsverständnis würde eine solche differenzierende bzw. spezifische Verhaltensweisen begünstigende Politik mit dem Hinweis auf die Selbstregulierungskräfte als wettbewerbsverzerrend eingestuft und abgelehnt werden. Auf ausgereiften, verkrusteten Märkten (Stichwort: „ewige“ Gewinner) versagen jedoch die den Märkten zugeschriebenen „Selbstregulierungskräfte“. Je mehr Märkte von diesem Problem betroffen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer krisenhaften Zuspitzung von volkswirtschaftlicher Dimension. Unter solchen Bedingungen ist eine differenzierende Politik notwendig, um wieder eine dynamische Entwicklung auf verkrusteten Märkten in Gang zu bringen. Denn der Wettbewerb leistet dies, anders als beispielsweise in der völlig anderen wirtschaftlichen Situation des Nachkriegsdeutschlands, die in gewisser Weise das krasse Gegenteil der heutigen war, in diesem Fall nicht. Wirtschaftsliberalismus ist deswegen für die aktuellen Probleme in der Wirtschaft keine Lösung. Konjunkturprogramme, die ebenfalls nicht differenzierend eingesetzt werden, sind es aber ebenso wenig.
Ein differenzierender Ansatz bedeutet, man müsste sich die Märkte anschauen und unter anderem fragen:
  • Welche Rolle spielt Lobbyismus? Gibt es Korruption?
  • Welche Entwicklungsphase liegt vor? Sind Kosten und Preis ausschlaggebend im Wettbewerb um Nachfrageanteile oder Qualität und Funktionalität? Welche Bedeutung haben signifikante Innovationen? Gibt es ein dominantes technisches Design oder unterschiedliche Produktkonzeptionen? Hat sich eine „Best Practise“ herausgebildet?
  • Welches Verhalten herrscht auf der Nachfrageseite vor? Was kann man tun, um nachfrageseitig einen entwicklungstragenden Wettbewerb anzuregen, bei dem Qualität und Funktionalität im Vordergrund stehen?
  • Was kann man angebotsseitig tun, um dies zu fördern? Gibt es marktstrukturell bedingte Verkrustungen? Wie können sie aufgelöst werden?
    Im Extremfall kann ein differenzierender Ansatz dazu führen, dass als Voraussetzung für einen entwicklungstragenden Wettbewerb Konzerne entflochten werden müssen. Angesichts der gegenwärtigen, hier stark pointiert skizzierten Bedingungen auf zahlreichen Märkten ist das wahrscheinlich.
Sie halten das alles eigentlich für selbstverständlich? Seien Sie versichert, von Ausnahmen abgesehen spielen diese und ähnliche Fragen bisher kaum einer Rolle. Sie liegen jenseits der herrschenden Wachstums- und Wettbewerbslogik.

Griechenland & Co.
Speziell in Griechenland gibt es keine ausgeprägte industrielle Basis. Wirtschaftsstrukturelle Schwächen gibt es im Prinzip aber auch in den anderen Krisenstaaten der EU, zum Beispiel Portugal und Spanien. Italien wiederum hat eine ausgeprägte Industriestruktur, ist aber im Wettbewerb auf den globalen Märkten zurückgefallen.
Für Italien gilt insofern das, was hier zuvor allgemein für die Stimulierung einer dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung angesichts des ausgereizten Wachstumsmodells und der herrschenden Strukturen in der globalen Wirtschaft gesagt wurde. Für Griechenland reicht das allein nicht aus und ähnlich verhält es sich beispielsweise auch mit Portugal oder Ungarn, die bisher vom Effizienzstreben multinationaler Konzerne insofern profitierten, weil diese dort Produktionsstandorte ansiedelten, um u. a. von den niedrigen Lohnkosten zu profitieren. Dass allein Volkswagen mit seinem Werk in der Stadt Palmela in Portugal mit 3.000 Beschäftigten einer der größten Exporteure dort ist und für mehr als 5 Prozent der Exporte dieses Landes steht (10), veranschaulicht dies exemplarisch.
Es ist insofern mehr als fraglich, ob Krisenstaaten mit ausgeprägten wirtschaftsstruktu-rellen Schwächen wirtschaftliche Entwicklung durch die Förderung der exportorientierten Industrie in Gang bringen und Wachstum erzielen können. Was stattdessen erfolgversprechend erscheint, ist die Förderung der Fähigkeit der heimischen Wirtschaft, die Binnennachfrage zu decken und damit die Importe und die Importabhängigkeit zu verringern. Dabei kommt es vor allem auch darauf an, dass das Geld im jeweiligen Land und dort im Wirtschaftskreislauf bleibt. Wenn ein Ausstieg aus dem Euro aus politischen Gründen ausscheidet, kann das angesichts der Dominanz von Global Playern nur bedeuteten, dass man die jeweilige Wirtschaft zumindest partiell aus dem internationalen Wettbewerb herausnehmen muss. De facto würden damit Importbeschränkungen und auch Kapitalverkehrskontrollen notwendig.
Das ist nicht mit Primat des Freihandels und somit auch nicht mit dem „Washington Consensus“ (11) zu vereinbaren, den Internationaler Währungsfonds und Weltbank bei der Sanierung von angeschlagenen Staaten anwenden. Aber es andererseits ein zentraler Bestandteil des wirtschaftsliberalen Paradigmas, dass Freihandel grundsätzlich gut für alle Volkswirtschaften ist. Das Scheitern dieses Paradigmas kommt aber gerade auch im hier besprochenen Versagen des in den Industriestaaten verfolgten Wachstumsmodells zum Ausdruck. Es ist im Übrigen die Frage, ob bzw. wie lange sich führende Industriestaaten wie etwa die USA tatsächlich, das heißt faktisch, noch daran halten. Wenn ihre Wirtschaft nicht nur nicht wieder auf die Beine kommt, sondern sich weiter talwärts bewegt, dürfte das Freihandelspostulat auch dort schnell zu Makulatur werden.
Es gibt mit Blick auf die Strukturen auf den globalen Märkten noch eine weitere Maßnahme, die eine dynamische Entwicklung in Griechenland & Co. sowie darüber hinaus effektiv fördern würde: Dekonzentrationspolitik.
Doch wie auch immer man es dreht: Es wird Einschnitte beim Lebensstandard in den Schuldenstaaten geben. Es ist nur die Frage, mit welcher Perspektive sie einhergehen.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Eichner. danke für die Aufschlußreiche Serie.

    Sie schreiben: "Was stattdessen erfolgver-sprechend erscheint, ist die Förderung der Fähigkeit der heimischen Wirtschaft, die Binnennachfrage zu decken und damit die Importe und die Importabhängigkeit zu verringern."

    Wann immer Staaten und Ihre Bürger mit den Problemen der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zu kämpfen hatten, hat sich die Regionalwährung/Komplementärwährung als erfolgreiches Modell zur Bewältigung herausgestellt.

    Beispiel "Der Wörgler" (1932)
    http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/schmitt/text6.htm

    Beispiel Argentinien: "In Argentinien, wo die offizielle, staatlich abgesegnete Währung zusammengebrochen ist, hat die Bevölkerung zur Selbsthilfe gegriffen und in Form von Tauschringen alternative Währungen geschaffen. Von einer Geldentwertung wollen die Argentinier zu Recht nichts mehr hören."

    http://www.dreigliederung.de/essays/2003-04-001.html

    Bernard Lietaer, ehemals erfoglreicher Währungsspekulant, ist überzeugt, dass Komplementärwährungen die beste Möglichkeit ist, die inherente Krisenhaftigkeit des Kapitalismus entgegenzuwirken.

    http://www.lietaer.com/about/

    Dies scheint mir nach Lektüre ihrer Serie als Erfolgversprechendes Modell für die griechische Bevölkerung.

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  2. Hallo alien observer,

    wenn die Aufsatzreihe Ideen heben hilft und zur Öffnung der bisher eindimensionalen Debatte über die Möglichkeiten zur Krisenbewältigung beiträgt, dann bin ich darüber schon sehr froh.

    Viele Grüße
    SLE

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  3. Hallo,

    Es hilft vor allem dabei diese Ideen auf ein Fundament aus guten Argumenten zu stellen. Ideen gibt es viele, gute Argumente sind noch wichtiger.

    Gruß

    AlienObserver

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