Dienstag, 18. Februar 2014

Vermögensentwicklung in der Krise – Teil 6.2: Armut und soziale Ausgrenzung weiten sich in der Europäischen Union aus



Wie sich die Krise auf die Zunahme der „Nicht-Vermögenden“ ausgewirkt hat, geht aus Vermögensstudien wie der der Credit Suisse nicht hervor. Um diese wichtige Facette der Vermögensentwicklung in die Analyse speziell mit Blick auf die Krise in Europa einbeziehen zu können, werden im Folgenden Eurostat-Daten zu den von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in der Europäischen Union herangezogen.

Bekämpfung der Krisenfolgen in Europa: Die Strategie „Europa 2020“

In der Europäischen Union ist man sich des Problems der zunehmenden Zahl der von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohter Menschen infolge der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise bewusst. Im März 2010 formulierte die Europäische Kommission die Strategie „Europa 2020 – Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum(1), die darauf abzielt, dass Europa gestärkt aus der Krise hervorgeht. Der Kommissionspräsident José Manuel Barroso schreibt dazu im Vorwort des Dokuments: ((2) S. 2-3))
„In den vergangenen zwei Jahren haben Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Die angehäuften Schulden werden noch viele Jahre auf uns lasten. Die Krise hat auch neue Bedrohungen des sozialen Zusammenhalts mit sich gebracht und die fundamentalen Heraus-forderungen, denen sich die europäische Wirtschaft gegenübersieht, schonungslos offengelegt. …
Auf kurze Sicht ist es unsere wichtigste Aufgabe, die Krise erfolgreich zu überwinden. …
Die Krise ist ein Weckruf. Wir müssen erkennen: ein „Weiter so wie bisher“ würde uns in der neuen Weltordnung schrittweise in die Zweitrangigkeit zurückfallen lassen. …
… Europa muss wieder auf Kurs kommen und dann auf dem richtigen Kurs bleiben. Das ist das Anliegen von Europa 2020. Es geht um mehr Arbeitsplätze und mehr Lebensqualität. …
Die Kommission schlägt fünf messbare Ziele für die EU-Ebene vor, die bis 2020 verwirklicht und in nationale Ziele umgesetzt werden sollen. Es handelt sich um Ziele in den Bereichen Beschäftigung, Forschung und Innovation, Klimaschutz und Energie, Bildung und Armutsbekämpfung. Sie geben die Richtung vor, auf die wir Kurs nehmen sollten. An ihnen werden wir unseren Erfolg messen.“
In dem Papier von März 2010 formuliert die Europäische Kommission dazu fünf EU-Kernziele, die bis 2020 erreicht werden sollen und sieben Initiativen, mit Hilfe derer dies gelingen soll. ((3) S. 5-7)) Zwei dieser Ziele stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Problem der Armut und der sozialen Ausgrenzung. Sie lauten wie folgt: ((4) S. 12-13))
  • Die Beschäftigungsquote der 20- bis 64-jährigen sollte von derzeit (Anfang 2010) 69 % auf mindestens 75 % ansteigen;
  • die Zahl der Europäer, die unter den nationalen Armutsgrenzen leben, sollte um 25 % gesenkt werden, was 20 Millionen Menschen aus der Armut befreien würde.
Als „armutsgefährdet“ gelten in der EU Personen, die in einem Haushalt mit einem verfügbaren Äquivalenzein-kommen unter der Armutsgefährdungsschwelle leben, welche auf 60 Prozent des verfügbaren Median-Äquivalenz-einkommens (nach Sozialleistungen!) festgelegt ist. (5)
(Anmerkung S. L. E.: Für die Berechnung des Äquivalenzeinkommens wird das Gesamteinkommen eines Haushalts nach einem bestimmten Schlüssel gewichtet auf dessen Mitglieder verteilt.)
Als „von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht“ gelten Menschen in der Europäischen Union, wenn sie von mindestens einer der folgenden drei Lebensbedingungen betroffen sind: (6)
  • sie sind von Armut bedroht (siehe dazu obige Definition);
  • sie leiden unter erheblicher materieller Entbehrung, das heißt sie leben unter Bedingungen, die durch fehlende Mittel eingeschränkt sind und sie sind von mindestens vier der folgenden neun Entbehrungskategorien betroffen: Sie sind nicht in der Lage
  1. die Miete/Hypothek oder Rechnungen für Versorgungsleistungen pünktlich zu bezahlen,
  2. die Wohnung angemessen zu beheizen,
  3. unerwartete Ausgaben zu tätigen,
  4. jeden zweiten Tag eine fleisch- oder fischhaltige Mahlzeit (bzw. vegetarische Entsprechung) zu haben,
  5. einen einwöchigen Jahresurlaub weg von zu Hause zu finanzieren, sich
  6. ein Auto,
  7. eine Waschmaschine,
  8. einen Farbfernseher oder
  9. ein Telefon (einschließlich Mobiltelefon) zu leisten.
  • sie leben in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit, das heißt, dass die Erwachsenen (18-59 Jahre) in diesem Haushalt im vorherigen Jahr insgesamt weniger als 20 Prozent ihres Erwerbspotenzials ausgeschöpft haben. (Studierende sind nicht miteinbezogen!).
Wie schon in den Teil 4 und Teil 5 steht auch bezüglich der Entwicklung der von Armut und sozialer Ausgrenzung Bedrohten in Europa im Folgenden speziell der Krisenabschnitt 2009-2012 – also die Phase der Euro-Krise – im Blickpunkt des Interesses.

Armut und soziale Ausgrenzung in Europa im Zuge der Euro-Krise

Wie in Teil 1 dargelegt, ist das Privatvermögen in der Europäischen Union sehr ungleich verteilt. Deutlich reduziert hat es sich in der Euro-Krise primär in den reichsten Mitgliedstaaten, wie die Abbildung 2 aus Teil 1 zeigt, die hier zwecks eines einfacheren Vergleichs mit den Daten zur Entwicklung von Armut und sozialen Ausgrenzung nochmals gezeigt wird.
Abbildung 2: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
Sehr gut zu erkennen ist beim Blick auf die Abbildung 2 auch, dass es während der Euro-Krise in den 15 Mitglied-staaten in der linken Hälfte – von Malta bis einschließlich Finnland – nur geringe und oft überhaupt keine Verände-rungen beim allerdings ohnehin vergleichsweise sehr niedrigen Privatvermögen gegeben hat.

Die Zahl der Armutsgefährdeten ist in der Euro-Krise gestiegen

Abbildung 33 zeigt die Entwicklung der Anzahl der von Armut bedrohten Personen in den 28 EU-Mitglied-staaten, wobei für die vier Krisenjahre dieselbe Farbgebung wie in Abbildung 2 (dort für das Privatvermögen in absoluten Zahlen) gewählt wurde.
Das Bild, das sich ergibt, ist sehr aufschlussreich.
Zunächst ist festzustellen, dass in den reichsten EU-Ländern auch die Zahl der von Armut gefährdeten Menschen am höchsten und vor allem in der Euro-Krise auch noch weiter gestiegen ist. Die einzige Ausnahme unter den reichen EU-Ländern ist Großbritannien. Hier ist die Zahl der von Armut bedrohten Menschen zurückgegangen.
Spitzenreiter bei der Armutsgefährdung ist Deutschland gefolgt von Italien. Betrachtet man nur die Gruppe der fünf reichsten EU-Staaten, dann fällt auf, dass sich die Armut in Frankreich auf einem signifikant niedrigeren Niveau als in den anderen vier Ländern befindet.
Abbildung 33: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
Des Weiteren fällt bei Abbildung 32 besonders auf, dass es bei den Zahlen zur Armutsgefährdung und deren Entwicklung speziell bei den Mitgliedstaaten mit vergleichsweise geringem bis sehr niedrigen Privatvermögen sehr viel stärker ausgeprägte Unterschiede und Bewegungen als beim Privatvermögen gibt (siehe dazu Abbildung 2).
So liegt etwa das Krisenland Spanien beim Privatvermögen mit großem Abstand zu Großbritannien an fünfter Stelle (siehe oben Abbildung 2), bei der Zahl der von Armut bedrohten Bürger jedoch praktisch auf demselben Niveau wie das Vereinigte Königreich und in 2011 und 2012 sogar darüber.
Der Anstieg bei der Zahl der Armutsgefährdeten ist im Übrigen in Spanien ebenso wie in den beiden Euro-Krisen-ländern Griechenland und Italien besonders ausgeprägt, was nicht zuletzt auch mit dem in diesen Ländern eingeschlagenen austeritätspolitischen Kurs zusammenhängen dürfte, der mit Kürzungen bei Löhnen, Renten und Sozialleistungen sowie steigender Arbeitslosigkeit einherging.
Ausgesprochen hoch ist die Zahl der Armutsgefährdeten auch in Rumänien und Polen. Vergleichsweise hoch ist sie darüber hinaus auch Portugal, Bulgarien und Ungarn. In ist Ungarn sie zudem auch gestiegen. Zu berück-sichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass das Land ähnlich wie die Euro-Krisenländer in finanzielle Schwierig-keiten geraten und aufgrund der in Anspruch genommenen Finanzhilfen zu einem harten Sparkurs gezwungen gewesen war.
In der EU 28 hat sich die Zahl der von Armut bedrohten Menschen von 2010-2012 von 82 Millionen auf 85 Millionen erhöht und in der EU 27 (also ohne Kroatien, dem jüngsten EU-Mitglied) ist sie von 80,5 Millionen (2009) auf 84,1 Millionen gestiegen.
Das Ziel der Europäischen Kommission, die Armut mit Hilfe der in der Strategie „Europa 2020“ von März 2010 beschriebenen Maßnahmen bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent bzw. um 20 Millionen zu senken, ist damit offen-sichtlich in noch weitere Ferne gerückt. Es ist kein Wunder, dass dies nicht an die große Glocke gehangen wird.

In 16 EU-Staaten liegt der Anteil der Armutsgefährdeten bei über 15 Prozent

Was die absoluten Zahlen zur Armutsgefährdung in Abbildung 33 wirklich für Europa bedeuten sieht man jedoch erst, wenn sie in Relation zu den jeweiligen Bevölkerungszahlen gesetzt werden. Das ist in Abbildung 34 geschehen, die die Anteile der Armutsgefährdeten in Prozent der Gesamtbevölkerung zeigt.
Die Werte liegen in vielen Ländern auf einem erschreckend hohen Niveau und zudem ist in 18 EU-Staaten auch eine negative Entwicklung auszumachen.
Besonders hohe Werte verzeichnen Griechenland, Spanien, Rumänien, Bulgarien und Kroatien, aber auch Italien, wo der Anteil bei um die 20 Prozent oder sogar deutlich darüber liegt.
Eine starke Zunahme der Armutsgefährdung gibt es in Slowenien, der Slowakei und Ungarn, vor allem aber in den Euro-Krisenländern Griechenland, Spanien und Italien. Einen Anstieg verzeichnen aber auch Österreich, Schweden und die beiden reichsten EU-Länder, nämlich Deutschland und Frankreich.
Abbildung 34: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
In Lettland – mittlerweile ein Euro-Land – und Litauen, aber beispielsweise erstaunlicherweise auch im Euro- Krisenland Zypern ist die Entwicklung dagegen positiv, das heißt, die Armutsgefährdung ist dort im betrachteten Zeitraum zurückgegangen.
Menschen, die im Zuge der Krise in Armut und soziale Ausgrenzung abzugleiten drohen, sind sehr oft solche, die ihre Beschäftigung verloren haben und in ihrem Land keine neue finden können. Es ist insofern naheliegend, dass sie sich, sofern ihnen das möglich ist, im Ausland um eine Möglichkeit für den Verdienst ihres Lebensunterhalts bemühen. Es ist bekannt, dass dies speziell in den südeuropäischen Krisenstaaten geschieht und gerade auch in Irland in signifikantem Umfang geschehen ist.
Natürlich schlägt sich dies sowohl in der Arbeitslosenstatistik als auch in der Statistik zur Armut und sozialen Ausgrenzung der jeweiligen Länder nieder. In kleineren Ländern wie etwa Irland, mit etwa 4,5 Millionen Einwohnern oder Lettland und Litauen, mit 2 Millionen bzw. 3 Millionen Einwohnern, kann dieser Effekt die entsprechenden Statistiken durchaus spürbar beeinflussen und mithin etwas besser aussehen lassen, als die Lage bei genauerer Betrachtung in diesen Ländern wirklich ist.
Das ist insofern sicherlich ein Aspekt, den man bei der Bewertung der in den Abbildungen dargestellten Entwick-lungen zur Anzahl und zum Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohter Menschen in den Mitglied-staaten der Europäischen Union im Blick haben muss. Wie stark er in einzelnen Ländern tatsächlich ist, lässt sich aus dieser Eurostat-Statistik nicht ablesen.
Unter dem Strich ist die Entwicklung für die EU 28 während der Euro-Krise negativ gewesen. Der Anteil der von Armut gefährdeten europäischen Bürger ist gestiegen.

Bei Armut und sozialer Ausgrenzung ergibt sich für die EU ein düsteres Bild

Abbildung 35 zeigt die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in der Europäischen Union in den Jahren 2009-2012. Das Niveau wie auch die Entwicklung der Zahlen sind noch alarmierender als bei denen zur Armutsgefährdung.
Abbildung 35: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
In Rumänien, Bulgarien und Ungarn sind die Zahlen beispielsweise mehr als doppelt so hoch wie die Werte zur Armutsgefährdung.
Auch in Griechenland liegen sie um rund 50 Prozent höher, wobei sich der Anstieg im Vergleich zu den Werten zur Armutsgefährdung stärker beschleunigt hat. Die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen ist in Griechenland also stärker gestiegen als die der Armutsgefährdeten.
Dasselbe gilt auch für Spanien und insbesondere für Italien. In beiden Ländern ist die Zahl der Armutsgefährdeten von 2011 auf 2012 zwar zurückgegangen, die der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen jedoch weiter gestiegen, in Italien sogar besonders drastisch.
Sehr aufschlussreich ist der Vergleich der Zahlen aus Abbildung 33 mit denen in der Abbildung 35 auch im Falle Großbritanniens. Dort ist die Zahl der Armutsgefährdeten im Krisenabschnitt 2009-2012 gesunken, die der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen indes kontinuierlich und vor allem deutlich gestiegen.
Genau umgekehrt verhält es sich im Falle Deutschlands. Hier ist die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeter im Zuge der Euro-Krise gesunken, während die der Armutsgefährdeten gestiegen ist.

Anstieg des Anteils der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeten in den Euro-Krisenstaaten auf Werte um 30 Prozent

Bedrohlich sieht das Bild bei den Anteilen der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeten in der Europä-ischen Union aus, welches sich bei der Betrachtung von Abbildung 36 bietet. Erschütternde Spitzenwerte von bis zu knapp 50 Prozent werden in Bulgarien erreicht. Anteile von über oder knapp unter 40 Prozent verzeichnen Rumänien und Lettland und in Griechenland lagen sie zuletzt bei knapp 35 Prozent.
Es ist darüber hinaus bemerkenswert, dass die Entwicklung bei den Anteilen der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in Lettland und Litauen keineswegs so eindeutig positiv ist wie die bei den Anteilen der Armutsgefährdeten (siehe dazu Abbildung 34). Er ist im Gegenteil in beiden Ländern zunächst deutlich gestiegen und zuletzt insgesamt viel weniger stark gesunken als der der Armutsgefährdeten.
In Zypern ist die Entwicklung sogar entgegengesetzt gewesen. Während in diesem Euro-Krisenland die Armuts-gefährdung kontinuierlich zurückgegangen ist (siehe oben Abbildung 34), ist der Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung stark gestiegen, von 2011 auf 2012 sogar sprunghaft.
Abbildung 36: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
Nicht weniger alarmierend ist der Anstieg auf zuletzt, das heißt 2012, knapp 35 Prozent in Griechenland sowie auf knapp 30 Prozent in Irland (in 2011), Spanien und Italien. Der Anstieg hat sich gerade in Italien und Griechenland dramatisch beschleunigt. Er liegt in Italien um mehr als zehn Prozentpunkte höher als der der Armutsgefährdung. In Griechenland liegt die Differenz in 2012 sogar bei über elf Prozentpunkten.
Damit zeigt sich, dass sich in der Euro-Krise gerade in den Euro-Krisenländern, die einen austeritätspolitischen Kurs verfolgen, um ihr Schuldenproblem in den Griff zu bekommen, die Gefahr von Armut und sozialer Ausgrenzung stark vergrößert hat.

Europäische Strategie zur Krisenbewältigung verdient ein dickes Fragezeichen

All das setzt – aus anderer Perspektive, nämlich der der Vermögensentwicklung, und damit einmal mehr – ein dickes Fragezeichen hinter die nach wie vor verfolgte austeritätspolitische Strategie zur Bewältigung der Euro- bzw. Schuldenkrise.
Das gilt erst recht im Lichte der Verteilung der Anteile an dem in der Europäischen Union gehaltenen Privat-vermögen auf die 28 Mitgliedstaaten (siehe Abbildung 37) und der in vielen Ländern im Zuge der Krise weiter gestiegenen Vermögenskonzentration (siehe obige Ausführungen und Abbildungen zur Vermögensverteilung).
Abbildung 37: Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken!
Rund 80 Prozent des Privatvermögens in der EU vereinen die fünf reichsten Länder auf sich, die reichsten vier kommen auf rund 73 Prozent. Diese Werte haben sich – Euro-Krise hin, Euro-Krise her – praktisch so gut wie gar nicht verändert.
Italien und Deutschland waren beim Privatvermögen die größten Verlierer in der EU 28 in der Euro-Krise (siehe dazu Teil 1 und Teil 5). Auch Spanien war ein großer Verlierer. Aber in allen drei Ländern ist die Vermögenskon-zentration in diesem Krisenabschnitt dennoch weiter gestiegen (siehe oben Abbildung 31) und, was besonders alarmierend ist, ebenso die Zahl der von Armut bedrohten Menschen.
In Spanien und Italien ist die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung gefährdeten Menschen sogar massiv gestiegen (siehe oben Abbildung 35). Ihr Anteil an der Bevölkerung ist in beiden Länder bis zuletzt (2012) auf knapp 30 Prozent angestiegen.
Das ist ein hoher Preis für die Krisenbekämpfung à la Euro-Retter. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dann könnte er sich letztlich durchaus auch als zu hoch erweisen. Denn Armut und soziale Ausgrenzung haben in den Euro-Krisenländern inzwischen ein Ausmaß erreicht, das als Gefahr des sozialen Frieden und damit auch der politischen Stabilität dieser Ländern wahr- und vor allem ernstgenommen werden muss. Mit dem Ziel der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Europäischen Union und mit den Zielen der Strategie „Europa 2020“ ist diese Entwicklung in jedem Fall nicht vereinbar.
Betrachtet man die Vermögensentwicklung in der Europäischen Union über die Phase der Euro-Krise hinaus und von Beginn der US-Hypothekenkrise (2007) an bis 2013, dann ist in der Europäischen Union Großbritannien der größte Krisenverlierer gewesen (siehe dazu Teil 2). Die großen Verluste sind dort aber nicht beim finanziellen Privatvermögen angefallen, sondern beim nicht-finanziellen Privatvermögen, also insbesondere bei Immobilien (siehe dazu Teil 4 und Teil 5).

Über die unterschiedlichen Möglichkeiten, ein Krisengewinner zu werden

Die Zahl der großen Krisengewinner ist, egal welchen Krisenabschnitt man auch betrachtet, klein. Australien und Kanada gehören dazu, Japan auch, allerdings lediglich bis 2012, weil die drastische Yen-Abwertung infolge der Abenomics von Premier Shinzo Abe ab Ende 2012 auch das in Dollar bewertete Privatvermögen der Japaner massiv zusammenschrumpfen ließ.
Unter dem Strich sind China und in erster Linie die USA die größten Krisengewinner, wobei die Vermögens-gewinne in den USA so stark wie in keinem anderen Land beim Finanzvermögen angefallen sind (siehe dazu Teil 4, Abbildung 19 und 20 sowie Teil 5, Abbildung 25 und 26).
Doch während China in der analysierten Zeitspanne als ein aufstrebendes, sich entwickelndes und stark wachsendes Land gesehen werden muss, gilt dasselbe ganz sicher nicht für die reife, alternde und seit Jahren wachstumsschwache Volkswirtschaft der USA.
Insofern begründet sich der Anstieg des Privatvermögens in China in der Krise zumindest auch zu einem guten Teil anders als in den USA. Denn immerhin lässt sich nicht von der Hand weisen, dass eine dynamische volks-wirtschaftliche Entwicklung und starkes Wirtschaftswachstum steigenden Wohlstand bewirken, auch wenn damit noch nichts über die Verteilung desselben gesagt werden kann. Denn die Verteilung ist letztlich immer und in erster Linie von der Wirtschaftsstruktur und von den Marktstrukturen abhängig. Hoch konzentrierte, von wenigen, sehr großen Unternehmen (und Banken) dominierte Märkte tragen in hohem Maße zur Vermögenskonzentration dabei. (siehe dazu: „Einkommens- und Vermögenskonzentration – Teil 6: Das brüchige Fundament – Neuordnung des Erklärungszusammenhangs der Krise und Implikationen(7)). In den USA, aber auch in China – dort in Form der Staatskonzerne – liegen solche Bedingungen in hohem Maße vor.
Vor allem aber ist mit Blick auf die beiden Krisengewinner China und USA zu berücksichtigen, dass die Hypothekenkrise wie auch die Finanzmarktkrise ihren Ausgang in den USA genommen hat, verursacht durch hoch riskante, unverantwortliche Geschäfte insbesondere der führenden Banken und Finanzmarktakteure des Landes. Dort waren die Gefahr des Finanzkollapses und der Umfang der Rettungs- und Stabilisierungsmaß-nahmen so groß wie nirgendwo sonst.
Nimmt man beides zusammen, das heißt die Tatsache, dass die USA das Epizentrum der Krise waren und dass das Wirtschaftswachstum dort bis zuletzt schwach, die Arbeitslosigkeit hoch geblieben ist, dann ist es besonders erstaunlich wie unvergleichlich positiv sich das Privatvermögen ausgerechnet dort im Zuge der Krise entwickelt hat. Nicht vergessen werden darf dabei, dass die ohnehin sehr hohe Vermögenskonzentration in den USA in der Krise sogar noch weiter gestiegen ist. Mit anderen Worten sind die unteren 90 Prozent (siehe oben Abbildung 29) und die unteren 60 Prozent der Vermögenspyramide (Abbildung 31) ärmer, die oberen 10 Prozent und insbesondere das reichste 1 Prozent noch reicher geworden.

Europa zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Es fällt vor diesem Hintergrund schwer die Schlussfolgerung von der Hand zu weisen, dass in den USA das Spiel im Finanzmarktcasino besonders gut beherrscht wird und die Europäer nicht nur bei der Euro-Krisenbekämpfung eine wenig glückliche Hand hatten, sondern auch am Spieltisch. Aber wie hat es doch José Manuel Barroso, der noch bis zur Berufung seines Nachfolgers in diesem Jahr Präsident der Europäischen Kommission ist, in seinem Vorwort zur oben zitierten Strategie „Europa 2020“ gesagt:
„Die Krise ist ein Weckruf. Wir müssen erkennen: ein „Weiter so wie bisher“ würde uns in der neuen Weltordnung schrittweise in die Zweitrangigkeit zurückfallen lassen.“ (8)
Es sieht nicht unbedingt danach aus, als sei in Europa verstanden worden, aus welchem Traum es zu erwachen gilt. Denn wir sind nicht auf dem Weg nach vorne oder gar nach oben. Das ist jedenfalls nicht das Ergebnis der Analyse dieser Aufsatzreihe.
Möglicherweise war aber auch einfach nur der Weckruf viel zu leise. Bei all dem unabläs­sigen Zank und Geschrei über die richtige Krisenstrategie in Europa kann das natürlich leicht geschehen. Sich stattdessen einmal einer nüchternen und breiteren Auswertung der Wirkungen der bisherigen Krisenbekämpfung anhand der gesammelten Fakten zuzu­wenden, das wäre für die Europäer sicher schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch vielleicht ist er zu groß. Vielleicht braucht es erst eine weitere ernste Krise, um ihn tun zu können.
Bisher herrscht jedenfalls eher noch der Tunnelblick vor, eine Vorliebe für „altbewährte“ Konzepte sowie dafür, sich Europa und die eigene Krisenpolitik schön zu rechnen und zu reden und sich dabei auf ein Set von Indikatoren und Fakten zu beziehen, das vieles andere ausblendet.
Aber was will man auch erwarten? Irgendwo stehen immer gerade irgendwelche wichti­gen Wahlen vor der Tür und wer will schon gerne zugeben, dass etwas faul ist im Staatenbund. Jetzt ist es die Europawahl im Mai, der alles untergeordnet wird. Damit wird der Erfolg Europas letztlich immer wieder dem politischen Erfolg untergeordnet. Rational im Sinne Europas ist das nicht, sondern ein Rezept für vorprogrammierte, hausgemachte Krisen, von der andere profitieren.
Keine Frage, es sind wohl die obersten Europäer selbst, die Europa am meisten im Wege stehen. Europa fällt nicht in die Zweitrangigkeit zurück, es steckt darin fest.

Alle anderen Aufsätze der Reihe finden sich hier:

Kommentare:

  1. Hallo Herr Eichner,

    kennen Sie eigentlich die Arbeiten von Dirk Bezemer?
    Meiner Meinung nach erklärt dieser Vortrag von Dirk Bezemer die Entwicklung die Sie hier darstellen gut.

    http://ineteconomics.org/conference/berlin/dirk-bezemer-creating-socially-useful-financial-system-35

    Die Fragen die er hier nur implizit aber durchaus hörbar aufwirft sind: wie konnte es zu einer gigantischen Explosion der Finanzmärkte und der Ungleichverteilung kommen, was können wir tun, was tun wir nicht und was sagt dies über unsere Gesellschaft?

    Ein anderer Vortrag der ebenfalls einen interessanten Blick auf die Entwicklung der Krise wirft ist dieser von Moritz Schularick:

    http://www.youtube.com/watch?v=mJRb8yponQI

    Hier zeigt er, dass Krisen sich historisch immer durch Kreditblasen ergeben haben. "Ponzi Schemes" also Pyramidenspiele machen heute den wesentlichen Teil unserer Finanzmärkte aus.

    Beide werfen zwar die Frage auf, was man tun kann, aber trauen sich nicht die offensichtliche Antwort zu geben. Das liegt daran, dass wenn die offensichtliche Antwort die antwort der politisch "Linken" darstellt ist sie in der heutigen Landschaft der Ökonomie nicht einmal denkbar, geschweige denn Veröffentlichbar.

    Eine Antwort müsste nämlich nicht nur eine Lösung sein die den stetigen Fluss von Zins aus der realen Wirtschaft in die Finanzwirtschaft, also von arm zu reich, beenden würde sondern auch die vor allem fiktiven (groß) Vermögen zu gunsten einer groß angelegten Umverteilung verschwinden liesse.

    Sowohl Finanzinstitute als auch ihre Großkunden, die "top 5%", haben sich in den letzten Jahrzehnte in eine Position gebracht in der sie die Wirtschaftswissenschaften und die Wirtschaftspolitik im wesentlichen bestimmen.

    Wie sie seit unserer ersten Diskussion wissen halte ich diese Entwicklung nicht für eine zufällige Folge einer kurzsichtigen und fehlerhaften Ökonomie sondern für eine absichtliche Strategie. Wie auch immer es dazu kam, jede Änderung wird nur gegen den Widerstand der heute mächtigsten Institutionen und Personen unseres Planeten durchzuführen sein.

    Dazu kommt aber noch eine andere Entwicklung. Weder Bezemer noch Schularick stellen grundsätzlich das Wachstum in Frage, was natürlich nicht Teil ihres wissenschaftlichen Fokus ist, aber in der Weltsicht der Ökonomen findet sich ein weiterer (absichtlicher) Systemfehler der im krassen Gegensatz zur Empirie steht.

    In diesem Vortrag von Steven Kopits, Managing Director von Douglas-Westwood, wird klar warum der Einfluss der Ressourcenkrise auf Wachstumsprognosen in den Wirtschaftswissenschaften ignoriert wird.

    http://energypolicy.columbia.edu/events-calendar/global-oil-market-forecasting-main-approaches-key-drivers

    Die VWL geht allgemein von einem Nachfragemarkt aus in dem die Ölindustrie immer in der Lage sein wird die nötigen Ressourcen (Öl, Erdgas, etc.) für zukünftiges Wachstum zur Verfügung stellen wird. Das dem nicht so ist, belegt er mit sehr schlüssigen Daten.

    Ich denke wir werden sehr bald ein Platzen der Kreditblasen durch das Ausbleiben weiteren Wachstums aufgrund eines Rückgangs der verfügbaren Ressourcden erleben werden. Da die klassischen Modell der VWL weder Kreditblasen noch Ressourcenengpässe in ihren Modellen überhaupt kennt wird diese Auffassung in den Kreisen der VWL meist lächerlich gemacht.

    Alle die von mir hier verlinkten Vorträge stammen allerdings von Wirtschaftswissenschaftlern die sich zwar als eigenständige Denker aber nicht als Systemkritiker hervortun.

    In diesen Vorträgen zeigt sich die Macht der empirischen Daten der die vorherrschende Ideologie der Mainstream Ökonomie auf Dauer nichts entgegenzusetzen hat. Ein Umdenken setzt sogar in der VWL ein, kommt aber leider viel zu spät um einen großen Kollaps noch zu verhindern.

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    1. Hallo alien observer,

      vielen Dank für die Hinweise und entsprechenden Links. Wie Sie wissen, sehe ich das zentrale Problem oder besser gesagt den zentralen Ansatzpunkt für die Lösung dieses Bündels von mittlerweile fundamentalen Problemen in der auf den wichtigsten internationalen Märkten inzwischen erreichten hohen Unternehmenskonzentration und der starken Verflechtungen zwischen den großen Global Playern. Deswegen haben ich unten, am Ende von Teil 6.2 auch nochmals auf einen entsprechenden Aufsatz von mir hingewiesen, den Sie ja auch kennen.

      Was die Kreditblasen und das Ausbleiben von weiterem Wachstum anbelangt ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass das Wachstum der letzten Jahre ja genau dadurch - zumindest in hohem Maße - überhaupt nur möglich geworden ist. Denken Sie daran, dass die ganze Liquidität der Notenbanken im Wesentlichen nicht in der Wirtschaft angekommen ist, sondern im Finanzsektor zirkulierte und für spekulative Zwecke (insb. Derivate) verwendet wurde!

      Was wir jetzt erleben, ist, dass diese Geschäfte zunehmend unmöglich gemacht werden (Regulierung) oder nicht mehr so lukrativ sind, nicht zuletzt wegen der Vielzahl der laufenden Ermittlungen wegen Manipulation.

      Das trägt zum Verfall der Preise bei, die spekulativ überhöht waren und ist vor allem der Hauptgrund dafür, warum die Kreditblase zu platzen droht. Es ist fraglich, ob es gelingen kann, die Luft langsam aus der bzw. den Blasen entweichen zu lassen. Das Wachstumsproblem wird damit aber in jedem Fall wieder akut werden und es ist nach wie vor von den Entscheidern nicht gelöst worden.

      Viele Grüße
      SLE

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  2. Nachtrag: Übrigens ist auch meine These von einer absichtlichen Entwicklung durch Wissenschaft unterstützt. Paul Jorion gibt in seiner Vorlesungsreihe über "Stweardship of Finance" Einsicht in eine verbrecherische Denkweise der Finanzinstitutionen:

    http://www.pauljorion.com/blog_en/?p=1181

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