Freitag, 12. Juni 2009

Ölpreisanstieg: Vorbote des Aufschwungs oder neue Blase?


Es ist schon erstaunlich.


Der US-Ölpreis ist wieder auf über 72 Dollar gestiegen. Damit hat er sich seit seinem Tief von 35 Dollar im November 2008 mehr als verdoppelt. Händler begründen dies mit der anhaltenden Zuversicht der Investoren über eine stabilere Konjunktur im Jahresverlauf. Bestärkt werden sie in ihrer Auffassung von der Internationalen Energieagentur (IEA), die zusehends Anzeichen dafür sieht, dass die Talsohle des wirtschaftlichen Abschwungs erreicht ist. Erstmals seit fast einem Jahr hat die Agentur sogar ihre Prognose für den Ölverbrauch in 2009 angehoben. (1)

Der Ölpreisanstieg wird als sicheres Zeichen dafür gewertet, dass die Talsohle erreicht ist und es wirtschaftlich wieder aufwärts geht.

Viele Ökonomen und Institute stützen diese Auffassung, wenn auch gedämpft und vorsichtig. Die US-Notenbank beispielsweise sieht Anzeichen für einen nachlassenden wirtschaftlichen Abwärtstrend. Einen deutlichen Anstieg der wirtschaftlichen Aktivität erwartet sie in 2009 zwar nicht, aber immerhin. (2) Auch die EZB und das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel sind optimistisch. (3) In den letzten beiden Quartalen 2009 wird sich nach EZB-Einschätzung die Rezession abschwächen. Nach einer Stabilisierungsphase erwartet sie ab Mitte 2010 positive Wachstumsraten. Aus Sicht des IfW hat sich die Konjunktur in Deutschland zur Jahresmitte annähernd stabilisiert. Für das laufende Jahr wird ein Rückgang des BIP um sechs Prozent angenommen. Die Prognose für das kommende Jahr hat das Institut jedoch von einem bisher erwarteten Rückgang des Wachstums um 0,1 Prozent auf ein Plus von 0,4 Prozent angehoben. Und auch die Großbanken sehen ein Ende der globalen Krise. Das Institute of Inter-national Finance (IFF) erwartet für 2009 ein BIP-Minus von drei Prozent, sieht das Jahr 2010 in seiner Prognose indes als "Jahr der Erholung". (4)

Gute Aussichten also - zumindest aus dieser Perspektive.

Allerdings gibt es auch eine andere Perspektive - hier einige Beispiele:

Kreditmarkt: Die Bank of England stellt zwei neue Kreditlinien für Unternehmen zur Verfügung und richtet einen Topf für Zulieferer ein, um den Kapitalfluss für Unternehmen zu verbessern. Die Hilfen sollen so lange fließen, bis die Kreditklemme überwunden ist - mit anderen Worten sie ist es noch nicht. (5) Auch in Deutschland vergeben Banken immer weniger Kredite. Einerseits sind sie bei der Kreditvergabe z. T. erheblich restriktiver geworden. Andererseits ist aber auch die Kredit-nachfrage rückläufig, insbesondere die Nachfrage nach langfristigen Investitionsfinanzierungen. Kein Wunder, denn die Ausrüstungsin-vestitionen sanken im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um über 16 Prozent. (6)

Automobilmarkt: Nach dem Erfolg der deutschen Abwrackprämie (im Mai Zulassungsplus von 40 Prozent) wird von Experten für 2009 mit 3,4 Millionen Neuzulassungen gerechnet, für 2010 jedoch ein Absturz auf 2,8 Millionen prognostiziert. Die Abwrackprämie hätte, sollte sich die Prognose bestätigen, ein Strohfeuer entfacht. Dafür spricht auch, das die Rabatte auf Neufahrzeuge in den vergangenen Monaten trotz Abwrackprämie erneut angehoben wurden. Bricht der Automarkt tatsächlich ein, wird mit zahlreichen Insolvenzen gerechnet - jeder vierte Autohändler wäre bedroht, heißt es. (7)

Industriekonzerne: Nicht nur die Automobilindustrie befindet sich in einer anhaltend schwierigen Lage. (8) Im ersten Quartal brachen die Nettogewinne der 100 größten deutschen börsennotierten Industrie-konzerne um 70 Prozent ein. (9)

Bevölkerung: Auf der anderen Seite verschlechtert sich auch die Situation für viele Menschen im Land. Aktuelles Beispiel: Die Zahl der Menschen, die die Deutschen Tafeln in Anspruch nehmen, ist in den vergangenen zwölf Monaten um 100.000 auf über eine Million gestiegen - Tendenz: weiter ansteigend. (10)

Gewiss, ein zusammenhängendes Bild der realen Situation ergibt sich aus diesen Beispielen nicht. Aber ein solches bieten Ökonomen und Institute der Öffentlichkeit auch nicht, Händler, Analysten und Banken schon gar nicht. Und selbst wenn, dann möge sich jeder nur einmal in Erinnerung rufen, wie häufig Prognosen in den letzten Monaten revidiert und angeblich kompetente Aussagen von Experten ad absurdum geführt wurden. Das gilt auch für die Ölpreisprognosen im ersten Halbjahr 2008.

So gesehen gibt es realwirtschaftlich gesehen keine wirklich tragfähige Begründung dafür, warum der Ölpreis aktuell wieder in die Höhe schießt. Die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung ist mögli-cherweise nur vorgeschoben. Schon im vergangenen Jahr, als der Ölpreis bis auf knapp 150 Dollar anstieg, wurde trotz des vielfach geäußerten Verdachts, es handele sich um eine Spekulationsblase, darauf beharrt, vor allem die steigende Ölnachfrage, knappe Ressourcen und die künftig teurere Förderung seien der Grund. Nach dem Platzen der Blase war klar, dass es sich nicht so verhielt. (11) Auch lässt sich zeigen, dass in der Entwicklung der Ölpreise typische Kennzeichen einer Blasenbildung zu erkennen gewesen waren. (12)

Es spricht folglich einiges dafür, dass wir derzeit eine erneute Blasen-bildung erleben. Wenn es sich so verhält, dann muss man sich über die Wirkung der im Grundtenor einhellig optimistischen Prognosen führender Ökonomen und Institute angesichts der faktisch nach wie vor bedenklichen Lage der Wirtschaft und fehlender verlässlicher Anzeichen für eine Trendwende im Klaren sein: Sie befeuern die Spekulanten und damit die Blasenbildung. (13)

Und auch Folgendes möge man berücksichtigen, wenn über die Gründe des gegenwärtigen Ölpreisanstiegs diskutiert wird:

Ende Januar wurde darüber berichtet, wie Spekulanten, große Ölgesell-schaften, aber auch Banken, z. B. die Citigroup, im großen Stil Öl auf Supertankern auf hoher See zwischenlagern, um es zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringend zu verkaufen. (14) Dies lohnt sich, wenn der Rohölpreis steigt, mit anderen Worten es wurde auf steigende Preise gewettet. Zu der Zeit befand sich der Ölmarkt im Contango, das heißt die Terminkurse für Öl lagen höher als die Preise der nahen Kontrakte oder zur sofortigen Auslieferung (Spotmarkt).

Wie hoch die auf diese Weise zwischengelagerte Ölmenge tatsächlich war, darüber wurde spekuliert. Die Schätzungen reichten von 35 bis 70 der jeweils bis zu 2 Millionen Barrel Öl fassenden Supertanker. (14)

Links:

(1)     Ölpreis setzt Höhenflug fort (v. 11.06.09);
(2)     US-Notenbank: Talsohle ist erreicht (v. 10.06.09);
(3)     EZB und IfW legen Ausblicke vor: Rückkehr zum Wachstum ab Mitte 2010? (v. 11.06.09);
(4)     Großbanken sehen Ende der Krise (v. 11.06.09);
(5)     Bank of England weitet Hilfen abermals aus (v. 08.06.09);
(6)     Zinssenkungen und Kredite: Bundesbank-Chef droht mit härterer Gangart  (v. 23.06.09);
(6)     Das Neugeschäft schrumpft: Banken vergeben immer weniger Kredite (v. 04.06.09);
(7)     Automarkt rast auf Absatzstau zu (v. 02.06.09);
(7)     Deutscher Autoabsatz steigt um 40 Prozent (v. 16.06.09);
(8)     Deutschlands Exporte brechen um 21 Prozent ein (v. 23.06.09);
(8)     Arbeitgeber befürchten Jobabbau in Metall- und Elektroindustrie (v. 23.06.09);
(8)     Jeder zweite Maschinenbauer will Stellen streichen (v. 22.06.09);
(8)     Fünf Millionen Arbeitslose bis 2010 (v. 15.06.09);
(9)     Gewinne deutscher Unternehmen brechen ein (v. 11.06.09);
(10)   Zahl der Tafel-Empfänger auf eine Million gewachsen (v. 11.06.09);
(11)   Wann platzt die nächste Blase? (v. 11.09.08);
(12)   Ölpreisanstieg verdutzt Experten (v. 13.05.09);
(13)   William R. White: Konjunktur: Es wird nicht wieder "normal" (v. 02.09.09);
(13)   Roubini befürchtet zweite Weltrezession (v. 25.08.09);
(13)   Spekulanten: Deutsche Bank löst US-Ölzertifikat auf (v. 02.09.09);
(13)   Bernanke treibt den Ölpreis (v. 24.08.09);
(13)   Bernanke und das Risiko der Untätigkeit (v. 25.06.09);
(14)   "Die Rohstoffpreise werden deutlich fallen" (v. 29.06.09);
(14)   Öl-Spekulanten: Riesige Öllager auf hoher See (v. 30.01.09).

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