Samstag, 7. August 2010

US-Arbeitsmarkt und -Wirtschaft und sog. Erfolgsmodelle - Schein und Sein


800 Millionen Liter
- so viel Öl ist laut offiziellen Schätzungen seit dem Untergang der Ölplattform "Deepwater Horizon" in den Golf von Mexiko geströmt. BP hat nun nach eigenen Angaben das Ölleck am Meeresgrund verschlossen. Prompt verkündete die US-Regierung unter Berufung auf ihre eigenen Experten, 75 Prozent des ausgeströmten Öls wären bereits verschwunden, hätten sich quasi aufgelöst. Einfach so. (1)

14,6 Millionen - das ist aktuell die offizielle Zahl der Arbeitslosen in den USA. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 9,5 Prozent. (2)

40,8 Millionen - das ist die aktuelle Zahl der Amerikaner, die auf Lebensmittelmarken der US-Regierung, genauer gesagt des Agrar-ministeriums, angewiesen sind. Voraussetzung für die Bedürftigkeit: Arbeitslosigkeit. (3)

26,6 Prozent - das wäre umgerechnet die aktuelle US-Arbeitslosenquote, wenn die Zahl von 40,8 Millionen Empfängern von Lebensmittelmarken die "wahre" Zahl der Arbeitslosen wäre.

403 - das ist die aktuelle Zahl der US-Milliardäre. In keinem Land der Welt gibt es mehr Milliardäre. (4)

40 - das ist die aktuelle Zahl der US-Milliardäre, die sich auf Initiative von Bill Gates und Warren Buffet hin dazu bereit erklärt haben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für soziale und wohltätige Zwecke zu spenden. (5)

Das ist die amerikanische Realität. Sie hat zwei Gesichter. Das ist Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - für einen Teil der Amerikaner. Das ist Amerika, das Land, das vor die Wand gefahren wurde -
auf Kosten des Rests und zu Lasten des Ganzen.

Das ist nicht die Realität, die uns Regierung und Medien mit vereinten Kräften vorgaukeln und die Aktien sowie Rohstoffpreise immer weiter steigen, Banken, Börsianer und Anleger jubeln lässt.

Andererseits: Sieht es bei genauerer Betrachtung woanders wirklich so viel besser aus? In Japan etwa, wo der Yen steigt, trotz immer bedroh-licherer Wirtschaftslage mit sinkender Produktion, rückläufigem Export-wachstum (6), fortlaufendem Preisverfall, hoher Arbeitslosigkeit und desaströser Haushaltslage mit einem Schuldenstand von knapp 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts? (7) Oder in China - mit seiner Immobilienblase (8), mit nach offiziellen Angaben ausfallgefährdeten Krediten im Volumen von 171 Mrd. Euro, während Standard & Poors in den nächsten Jahren sogar mit dem Ausfall von Krediten im Volumen von bis zu 300 Mrd. Euro rechnet? (9) China, mit seinem Millionenheer von arbeitslosen Wanderarbeitern und bedrohlich schwelenden sozialen Konflikten in seinen Regionen?

Und wenn das nicht der Fall ist, warum brechen dann Fachleute und Medien in Jubelstürme über die scheinbar grandiose deutsche Wirtschafts- und Krisenpolitik aus, über das deutsche, ganz auf Export-abhängigkeit gemünzte "Erfolgsmodell"? Und außerdem: Wie viel dieses aktuellen Erfolgs der deutschen Wirtschaft verdankt sich einmaligen Effekten staatlicher Konjunkturspritzen, wie viel der brisanten Schwäche des wankenden Riesen USA, die Deutschland gegenwärtig als Ziel für Anleger und Investoren so attraktiv erscheinen lässt - nicht zuletzt für solche aus den Golfstaaten?

40,8 Millionen Amerikaner dürften bisher restlos davon überzeugt sein, dass die in den zurückliegenden Jahren und heute maßgeblichen Politiker, Ökonomen und Notenbanker ihres Landes von der (Volks-)Wirtschaft nichts verstehen oder zumindest sehr viel weniger als sie vorgeben.

Anders ausgedrückt: 40,8 Millionen Empfänger von Lebensmittelmarken - das ist der Preis für die Verschleierung von Inkompetenz und Ignoranz, für eine wirtschaftswissenschaftliche Parallelwelt liberaler und keynesia-nischer Ökonomen, die zur Erklärung und Lösung der Probleme nichts beizutragen weiß.

Denn Bankenrettungs- und Konjunkturpakete haben nichts daran ändern können. Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage ist unverändert heikel. Sie werden auch nichts daran ändern, weil sie nicht an den Ursachen ansetzen. Das wollen viele nicht einsehen und fordern stattdessen immer noch mehr staatliche Hilfen. Auch drakonische Sparpakete, von liberalen Vertretern gefordert, können an den zugrunde liegenden Problemen nichts ändern - das wollen deren Befürworter nicht glauben.

Ändern werden daran leider ebenso wenig die großzügig zugesagten Spenden der bislang 40 US-Milliardäre. Wenn alles so weiter läuft wie bisher, dann wird das Vermögen, das sie für soziale und wohltätige Zwecke spenden wollen, am Ende doch wieder bei ihnen landen. Genau so wie bisher.

Europa und vor allem den Deutschen geht es besser.

Wie lange noch?

Denn ähnliche Probleme gibt es auch hier - nicht zuletzt als Folge der vielfach gängigen Praxis, alles, was in den USA gemacht wird, zu kopieren. Und ebenso wie in den USA werden sie mehr oder weniger erfolgreich hinter einer Fassade versteckt. Hinzu kommt die überaus heikle Abhängigkeit vom Export. Die aktuelle Stärke der Deutschen erklärt sich darüber hinaus zumindest zum Teil auch aus der Schwäche der anderen.

Einen Grund, hierzulande in Jubelgeschrei über die scheinbar grandiose Wirtschafts- und Krisenpolitik auszubrechen, gibt es deswegen nicht. Die Krise ist nicht zu Ende, sie wurde noch nicht bewältigt. Es spricht bei nüchterner Betrachtung vieles dafür, dass mit den Billionen, die für die Rettung von Banken und für die Kunjunkturankurbelung weltweit aufge-wendet wurden, nur ein Strohfeuer entfacht werden konnte. Ein Stroh-feuer, das gegenwärtig vielleicht nur nirgendwo sonst so hell brennt wie bei uns, das aber in absehbarer Zeit verlöscht. Diese Möglichkeit muss man in Betracht ziehen und ebenso die bisherige Erfahrung mit der Krise, dass es jederzeit überaus rasch zu einem dramatischen Um-schwung und Absturz kommen kann. Wenigstens die Börsianer sehen das. Darum bleiben die Börsen kippelig.

Kommentare:

  1. Ein wirklich sehr interessanter Beitrag.
    Um weitere verschiedene wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, kann ich den folgenden Blog empfehlen. Er verbindet grundsätzliches wirtschaftliches Verständnis mit Kommentaren zu aktuellen Ereignissen auf eine einzigartige Art und Weise. – http://talkabouteconomics.wordpress.com/

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  2. Ein hervorragender Blog.

    Hier nur ein Kommentar zur Arbeitslosenquote.

    Es sind inzwischen 43 Millionen Lebensmittelmarkenempfänger geworden, die meisten sind jedoch Kinder.

    Die tatsächliche unbeschönigte Arbeitslosenquote 2010 war laut Querschuesse.de 17%.

    Schlimm genug.

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