Dienstag, 6. Dezember 2011

S&P senkt den Ausblick für 15 Euro-Staaten: Rating oder Orakel

Standard & Poors hat in der Nacht für gleich 15 Euro-Staaten den Ausblick auf "negativ" gesenkt und mit einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit innerhalb der nächsten 90 Tage gedroht. Während es bei den bisher mit der Top-Bonitätsnote bewerteten Staaten Deutschland, Frankreich, Österreich, Niederlande, Finnland und Luxemburg um eine Stufe nach unten gehen könnte, müssen laut S&P alle anderen unter Umständen mit einer Verschlechterung um zwei Stufen rechnen. (1) Zur Begründung wurde
  • auf die Verschärfung Schuldenkrise hingewiesen, die mittlerweile Europa als Ganzes bedrohe und damit auch bisher stabile Länder wie Deutschland,
  • auf die Gefahr, dass Europa 2012 - laut S&P mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent - in die Rezession rutsche sowie
  • auf das nach Auffassung von S&P unkoordinierte und unentschlossene Handeln der europäischen Staats- und Regierungschefs. (2)  
Eine Entscheidung will S&P nach dem Euro-Gipfel treffen, der am 9. Dezember beginnt.

Es wirkt beinahe wie eine trotzige Antwort auf die gestrige Ankündigung von Bundes-kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, sich auf dem anstehenden Euro-Gipfel für EU-Vertragsänderungen im Sinne einer strengeren Haushaltsdisziplin der Euro-Staaten einzusetzen und die Umsetzung des permanenten Rettungsfonds (European Stability Mechanism (ESM)) von 2013 auf 2012 vorzuziehen. Auch wenn das Handeln der Politiker in Europa alles andere als überzeugend und zudem fraglich ist, ob die angestrebten Maßnahmen am besten geeignet sind oder, falls sie es sind, ausreichen, um die Krise in der Euro-Zone in den Griff zu bekommen, so wird in Europa doch unzweifelhaft etwas unternommen.

Die USA versinken dagegen buchstäblich in der Fülle ihrer Probleme. Doch die US-Regierung unternimmt nichts, rechnet sich stattdessen die US-Welt schön und zeigt mit dem Finger auf Europa, dessen Presse und Medien nichts Besseres zu tun haben als uns dasselbe Lied zu singen - es kommt einem schon zu den Ohren heraus. Ein paar Beispiele:
  • Die US-Arbeitsmarktlage mit einer offiziellen Arbeitslosenquote (U3) von 8,6 Prozent, die aber in der weiter gefassten Definition (U6) offiziell bei 15,6 Prozent und in anderen, nicht offiziellen Schätzungen sogar jenseits von 22 Prozent liegt;
  • die um sich greifende Armut (jeder sechste US-Bürger ist betroffen) und die seit Beginn der Krise ständig steigende Zahl von Essensmarkenempfängern (mittlerweile knapp 46 Millionen) in den USA;
  • der immer noch im Sinkflug befindliche US-Immobilienmarkt, mit seit der Lehman-Pleite jährlich mehr als 3 Millionen Anträgen auf Zwangsversteigerungen von Häusern, mit vielen leer stehenden und verfallenden Häusern sowie einer damit verbundene Flut von Prozessen gegen Banken;
  • die Bilanzrisiken von US-Banken, bedingt durch exzessiven Derivatehandel (Wettgeschäfte), wobei lediglich 5 US-Banken 95 Prozent aller von US-Banken gehaltenen Derivate (laut OCC, Stand 30.6.2011: 249 Billionen Dollar) in ihren Bilanzen stehen haben, bei einem Gesamtvolumen des weltweiten Derivatemarktes von gut 707 Billionen Dollar (laut BIS, Stand 30.06.2011);
  • die US-Staatsverschuldung, die allein von Juni bis Ende November 2011 um ca. 700 Mrd. Dollar auf über 15 Billionen Dollar gestiegen ist, ohne dass sich Demokraten und Republikaner bis heute auf gemeinsame, geschweige denn energische Schritte zur Eindämmung der Staatsverschuldung hätten einigen können;
  • die prekäre Lage zahlreicher US-Bundesstaaten, die seit der Lehman-Pleite Jahr für Jahr Haushaltsdefizite anhäuften (laut CBPP kämpfen im Fiskaljahr 2011 ganze 47 Bundesstaaten mit Haushaltdefiziten, 2012 sollen es 42 sein) - nicht wenige kämpfen angesichts der weiter vor sich hin dümpelnden US-Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit mit der Zahlungsunfähigkeit.
Wenn man es folglich einmal pointiert ausdrücken will, so lässt sich angesichts der vielfältigen, sich kaum gebremst weiter verschärfenden Probleme durchaus fragen, ob die US-Krise nicht außer Kontrolle zu geraten droht - trotzt massiver Intervention der Fed und der US-Regierung. Der überraschend scharfe Stresstest, den die Fed die größten US-Banken jetzt durchspielen lässt, kann so gesehen nicht nur als Indiz für die Ernst-haftigkeit der europäischen Schuldenkrise gewertet werden.

Es wirkt vor diesem Hintergrund widersinnig, dass Zinsen und Risikoprämien für US-Staatsanleihen auf Tiefstständen verharren und die großen US-Ratingagenturen im Wesentlichen still halten, während sie das durchaus nicht lethargische, sondern - wenn auch nicht immer überzeugend - handelnde Europa mit fortlaufenden Herabstufungen und Warnungen zum weltweiten Sorgenkind Nummer 1 ernennen.

Grundsätzlich gilt: Ratings sind nichts anderes als Aussagen über die Zukunft und deswegen prinzipiell unsicher. Wie unsicher sie sind, lässt sich nicht ohne weiteres abschätzen - vor allem deswegen nicht, weil die Kriterien, nach denen sie erstellt werden, nicht bekannt sind. Die großen Ratingagenturen haben sich mit ihren Ratings zudem bisher nicht gerade mit Ruhm bekleckert - wie die US-Hypothekenkrise und die aktuelle Flut von Prozessen gegen Banken, die windige, aber seinerzeit mit Top-Ratings versehene Papiere unter die Anleger brachten, zeigen.

Sich bei seinen Anlage-Entscheidungen an einem "Orakel" zu orientieren (wie einst Krösus), ist deswegen eine riskante Angelegenheit. Es kann auch schon mal das Gegenteil von dem eintreten, was man erwartet.

Kommentare:

  1. Wer glaubt, die zukuenftige Entwicklung nichtlinearer, dynamischer Systeme vorausberechnen zu koennen, dem empfehle ich, sich mit der Theorie komplexer Systeme auseinander zusetzen.

    http://www.leisen.studienseminar-koblenz.de/uploads2/03%20Fachdidaktik%20Physik/03%20Handreichung%20Nichtlineare%20dynamische%20Systeme%20Chaosphysik.pdf

    Wer glaubt Maerkte seien selbstregulierende Einrichtungen, dem empfehle ich die Grundlagenvorlesung Regelungstechnik.

    http://www.f07.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/krah_jens/rt.pdf

    Und wer dann noch immer nicht einsieht, dass Ratingagenturen strategische Instrumente der US Finanzoligarchie sind, die zielgerichtet sich selbsterfuellende Prophezeiungen generieren (US Schrottpapiere hochjubeln / dadurch in Schwierigkeiten gekommene, konkurrierende Wirtschaftsraeume und Waehrungen in Schutt und Asche herabstufen), dem kann aus einer wissenschaftlichen Sicht der Dinge wohl nicht geholfen werden.

    Gruesse

    Georg Trappe

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  2. Weg aus der Wirtschaftskrise ist die Einführung von Zöllen und die Abschaffung der EU. Europäischen Union ist wirtschaftlich ungleichen Ländern zusammen. Gestellt in direkten Wettbewerb Wirtschaft wirtschaftlich schwachen Länder werden durch die starke Wirtschaft zerstört werden. Osteuropäischen Ländern durch Importe sind erstickt, kann die Produktion von Werkzeugen und osteuropäischen Ländern nicht mithalten mit den westlichen Wirtschaft. Die Lösung ist für die Freizügigkeit von Personen zu erhalten, aber die Zölle auf alle Produkte einzuführen.

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  3. @ european

    Ja, ja, das ist das Schutzzoll- oder "Infant-Industries"-Argument.

    Es ist halt klar, dass in Krisenphasen alle ohnehin wirtschaftlich schwachen Volkwirtschaften stärker zurückfallen als die starken Länder und dass vom Freihandel nur die starken Länder profitieren, während die schwachen keine Chance haben aufzuholen oder besser gesagt: sich zu erholen.

    Drittens wird dieses Problem aber noch dadurch verschärft, dass die globale Wirtschaft von den "Global Players", den großen, multinationalen Konzernen dominiert wird. So lange dies so ist und auch die schwer angeschlagenen Staaten mit schwacher Wirtschaftsstruktur uneingeschränkt Freihandel haben, werden sie auf keinen grünen Zweig kommen können. Das muss man wohl tatsächlich so sehen.

    Grüße
    SLE

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