Donnerstag, 19. April 2012

Der Dollar, Renminbi-Pläne in China und London ... und die Affäre Bo Xilai


Bo Xilai

Einiges ist zwischenzeitlich über die Affäre Bo Xilai, den Tod des englischen Beraters Neil Heywood in einem Chonqinger Hotel im November vergangenen Jahres und über die in diesem Zusammenhang aufgenommenen Ermittlungen gegen Bos Frau Gu Kailai (53) berichtet worden. Außer Frage steht, dass die Familie Bos Heywood (41) nicht nur gut kannte, sondern auch geschäftlich mit ihm eng verbunden war. Ebenso klar ist mittlerweile geworden, dass die Familie des „Prinzlings“ Bo Xilai vielfältige Geschäfte betreibt und so ein Vermögen angehäuft hat, das ihr einen luxuriösen Lebensstil erlaubt – was, wenn man Berichten über den Fall glauben darf, bei anderen Familien von „Prinzlingen“ nicht anders ist. (1)
Der Brite Neil Heywood soll dabei geholfen haben. Unter anderem soll er auch Bo Xilais Sohn Bo Guagua (24) zu einer Ausbildung an der Eliteschule Harrow in London verholfen haben. Jetzt studiert Bo Guagua Politik an der Eliteuniversität Harvard in Boston. (2) Jüngst wurde indes reichlich kryptisch berichtet, dass er – kurz vor seinem Examen stehend – Ende vergangener Woche an seinem Studienort in den USA von Kriminalbeamten abgeholt wurde und kurz darauf chinesische Zivilisten vor seiner Wohnung auftauchten. (3)
Doch ebenso wie über die Umstände des Todes von Heywood und die Entmachtung von Bo Xilai gibt es auch für die Ereignisse im Zusammenhang mit Bo Guagua in den USA weiterhin keine klaren Informationen. In der westlichen Presse suggerieren die Schlagzeilen zwar, dass es hier im Grunde um Korruption und Mord geht. Doch die Berichte selbst werfen viele Aspekte und auch Fragen auf, die Grund zu der Annahme geben, die tiefere Ursache der Geschehnisse könnte durchaus auch ein Machtkampf in Chinas Kommunistischer Partei sein. Allein bleibt auch dabei unklar und im Endeffekt spekulativ, wer sich hier eigentlich – wenn überhaupt – mit wem in einem Machtkampf befindet.
Machen wir deswegen an dieser Stelle unter dem China-Kapitel „Bo Xilai“ einen sauberen, wenn auch imaginären Strich, bevor ein ganz anderes China-Kapitel aufgeschlagen wird, nämlich das der „Renminbi-Pläne“.

Renminbi-Pläne

Was den Renminbi anbelangt, so kann – worauf hier im Blog bereits an anderer Stelle hingewiesen wurde (4) – gar kein Zweifel mehr daran bestehen, dass China ihn sukzessive, aber äußerst zielstrebig zu einer Weltwährung aufbaut. Dafür muss es jedoch notwendigerweise die Regulierung lockern, die die Konvertierbarkeit und Nutzung des Renminbi einschränkt und es muss sich sukzessive für die Finanzmärkte öffnen. Zuletzt wurde deswegen die erlaubte Spanne für die Schwankung des Yuan-Kurses zum Dollar von 0,5 auf 1 Prozent (plus und minus) erhöht. (5) Ferner kündigte jetzt die chinesische Notenbank, die People´s Bank of China, auch den Aufbau einer eigenen Plattform für die vollautomatische Abwicklung von Zahlungen (China International Payment System) innerhalb der nächsten zwei Jahre an, wie sie für Dollar oder Euro seit Jahrzehnten existiert. (6) Bisher wird dies noch um-ständlich über die Auslandsfilialen der Großbank Bank of China bewerkstelligt.
In diesem Zusammenhang nimmt Hongkong als Handelsplattform eine zentrale Rolle ein. Hongkong war ab 1843 britische Kronkolonie und wurde zum 1. Juli 1997 an China zurückgegeben. Seitdem ist es eine Sonderverwal-tungszone und genießt infolgedessen ein vergleichsweise hohes Maß an Autonomie. (7) Dort entwickelt sich nun gewollt recht rasch ein Markt für Finanzprodukte in chinesischer Währung wie etwa „China-SWAPS“, aber insbesondere auch Yuan-Anleihen (sogenannte Dim-Sum-Bonds).
Speziell Yuan-Anleihen sind für Chinas ambitionierte Währungspläne von zentraler Bedeutung. Denn Devisen-reserven werden in der Regel in Form von Staatsanleihen gehalten. Allerdings sind nur große Märkte liquide und damit für Anleger interessant. Der nach wie vor mit Abstand größte und liquideste Anleihenmarkt ist aber ausgerechnet der, von dem China seine bisher immense und – mit Blick auf die dortigen Risiken - gefährliche Abhängigkeit möglichst rasch reduzieren will: die USA. Das Volumen der auf dem globalen Markt gehandelten China-Bonds hat sich im vergangenen Jahr nach Angaben der britischen Hongkong Shanghai Banking Corporation (HSBC), die bisher Emissionsführer bei den meisten Dim-Sum-Bonds in Hongkong war (8), zwar auf 200 Milliarden Yuan versechsfacht. Es macht damit aber immer noch lediglich 0,03 Prozent des Volumens der globalen Anleihenmärkte aus. (9)
Das soll und wird sich ändern, vor allem weil China sich seit 2009 auch im internationalen Warenhandel verstärkt vom Dollar abkoppelt. (10) Bisher werden große Teile des Welthandels und nahezu der gesamte weltweite Rohstoffhandel in Dollar abgewickelt. Diesen Umweg will China nicht mehr gehen und vereinbart deswegen verstärkt – im Wege entsprechender bilateraler Abkommen etwa mit den BRIC-Staaten, Ende 2011 aber auch mit Japan – die Abwicklung des Handels in Landeswährung. Der auf diese Weise im Direktverkehr abgewickelte Handel erreichte 2011 ein Volumen von 350 Milliarden Euro, das entsprach etwa zehn Prozent des gesamten chinesischen Handels. (11)
Kurz gesagt: Chinas Währungspläne zielen auf die Schwächung des Dollars und untergraben dessen Leitwährungsstatus. Das kann nicht im Interesse der USA liegen. Andererseits muss man sehen, dass sich mit diesen Währungsplänen für die Finanzmarktakteure ein hoch interessanter Wachstumsmarkt auftut, womit die US-Regierung in eine interessante Zwickmühle geraten ist. Denn die beiden führenden Finanzmarktzentren sind nun einmal die Wall Street und die Londoner City.
Dass der britische Premier David Cameron stets die Interessen der Londoner City im Auge hat, wissen die Europäer nur zu gut – spätestens seit dem Eklat um sein „Nein“ zum Fiskalpakt auf dem EU-Gipfel Anfang Dezember 2011. (12) Die langjährigen und intensiven politischen und geschäftlichen Verbindungen der Briten mit China und ganz besonders zum Standort Hongkong sind zudem ein Vorteil, der bei der Förderung der Interessen der City in die Waagschale geworfen werden kann.
Tatsächlich vereinbarte der Finanzminister Hongkongs, Norman Chan, Mitte Januar diesen Jahres mit dem britischen Schatzkanzler George Osborne, dass London neben Hongkong als zweiter Umschlagplatz für chine-sische Yuan aufgebaut wird. (13) Diese Woche nun kündigte George Osborne eine gemeinsame Initiative von Regierung und Banken (u.a. Barclays, HSBC, Standard Chartered, aber auch die Deutsche Bank) sowie der Stadtbehörde der City (Corporation of London) an, die zum Ziel hat, London zum führenden Zentrum für inter-nationales Geschäft in Renminbi zu machen. (14) Zeitgleich hatte Premier Cameron in Downing Street eine Unterredung mit einem chinesischen Regierungsabgeordneten und zwar wegen des Todes von Neil Heywood in Chongqing. (15)

Fazit

Damit schließt sich der Kreis – wenigstens thematisch. Was unter dem Strich festgehalten werden kann, ist wenig. Der Fall Bo Xilai bleibt undurchsichtig und insofern lassen sich seriös keine Verbindungslinien ziehen – wohin auch immer.
Klarer ist die Lage im zweiten, hier aufgeschlagenen China-Kapitel: Tatsache ist, dass Chinas Renminbi-Pläne aus geschäftlicher Perspektive für die Finanzmarktakteure in beiden führenden Finanzzentren, New York und London, prinzipiell gleichermaßen hoch interessant sein dürften, an beiden Standorten jedoch politisch möglicherweise nahezu diametral entgegengesetzt bewertet werden. Im Klartext:
Die gemeinsame Renminbi-Initiative von britischer Regierung und Londoner City stellt letztlich eine Unterstützung für die Bestrebungen Chinas dar, den Dollar als Leitwährung abzulösen.
Welche Implikationen dieser eine Satz – im Gesamtkontext einschließlich der Euro-Krise – beinhaltet, darüber lohnt es sich in jedem Fall einmal nachzudenken.

Für Interessierte: Neuere Berichte zum Fall "Bo Xilai" und dem behandelten Thema:

    China: Foltervorwürfe gegen Bo Xilai (v. 24.04.12)
    Abhörskandal in Chinas KP: Bo Xilai und die verwanzte Stadt (v. 26.04.12)
    Chinas Staatsaffäre: Die bizarre Welt der Frau Gu (v. 02.05.12)
    Wirtschaftsdialog mit USA: China könnte Zugang zu Finanzsektor erleichtern (v. 04.05.12)

Kommentare:

  1. Es gibt innerhalb Chinas und seiner Fuehrung eine ganze Reihe von Spannugsfeldern. Eines der groesseren duerfte sicherlich die hier angesprochene Problematik der massiven Abhaengigkeit von den USA als Konsument / US$ als Waehrungsreserve / Wertspeicher sein. Es ist sehr gut moeglich, dass der Fall Bo Xilai Ausdruck dieser Spannungen bzw. der Auseinandersetzung darueber ist, wie man mit diesem Dilemma in Zukunft umgehen will. Es gibt mit Sicherheit ein Lager in China, das dem "alten" Erfolgsrezept anhaengt und eine Aenderung als grosse Gefahr fuer "Besitzstaende" empfindet. Es gibt natuerlich auch diejenigen, die erkannt haben, dass es sich bei diesem Erfolgsrezept um eine Sackgasse handelt in der z.B. Japan bereits seit fast 20 Jahren fest sitzt und offenbar nicht mehr aus eigener Kraft hinaus findet. Europas Versuch, wenn es sich denn jemals um einen ernst gemeinten Versuch gehandelt hat, sich aus dieser Umklammerung zu loesen, ist ja gerade grandios gescheitert. Das kann von chinesischer Seite als Ermutigung aber auch als Warnung verstanden werden. Welcher Interpretation der Vorrang gegeben wird, scheint noch nicht vollstaendig abgemacht zu sein. Zumindest sieht es so aus, als gaebe es massive Differenzen ueber das eingeschlagene Tempo und die Einschaetzung der amerikanischen Moeglichkeiten
    den Chinesen auf dem Weg zu ihrem Ziel etwas entgegen zu setzen. Immerhin war ja der Brueckenkopf der Wall Street in London nicht ganz unbeteiligt beim Abladen der Massenvernichtungswaffen amerikanischer Herkunft auf Europa. Warum also sollte ein Hongkong da weniger gefaehrlich sein?
    Eine wie ich finde interessante Beleuchtung dieser Paranoia, die nicht ganz von ungefaehr kommt, liefert auch dieser Artikel:
    http://www.project-syndicate.org/commentary/the-paranoid-style-in-chinese-politics
    Viele Gruesse
    Georg Trappe

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    1. Vielen Dank für Ihre Einschätzung. Dass in China noch nichts abgemacht ist, diesen Eindruck habe ich auch. Lagerübergreifend dürfte dort das Ziel unstrittig sein, den Dollar als Leitwährung zu kippen. Was hingegen umstritten sein könnte, ist, wie der bisherige Kurs "Öffnung und Reform" konkret fortgesetzt werden soll und damit verbunden natürlich auch, wer im Herbst in die KP-Führung aufsteigt.

      Ich könnte mir vorstellen, dass Großbritanniens eine eher links-konservativen Fortsetzung durchaus gelegen käme. In diesem Fall würden sich die historisch gewachsenen Verbindungen auszahlen. Den USA dürfte hingegen vermutlich an einer stärkeren "Nodernisierung", Öffnung und Liberalisierung nach bekanntem angelsächsischen Muster gelegen sein. Das wäre das breite Tor, durch das die Wirtschaft und vor allem die Finanzmarktakteure ins Land strömen könnten. Auf diese Weise - durch sukzessive, aber systematische Liberalisierung und Freihandel - waren die USA bisher sehr erfolgreich.

      Irgendwo in diesem Spannungsfeld britischer und amerikanischer Interessen könnte Bo Xilai eine Rolle gespielt haben - wer weiß.

      China wird sich nicht gerne auf einen Liberalisierungskurs begeben, wenn es weiß, dass damit die USA, deren Dollar-Macht sie beseitigen wollen, quasi durch die Hintertür wieder herein kommen. Es ist insofern sicher irreführend, die "Modernisierer" um Wen Jiabao als "Liberale" zu bezeichnen. Allerdings scheinen dort gegenwärtig erhebliche Unsicherheiten zu bestehen, mit welchem Alternativkonzept zur angelsächsichen Liberalisierung man erstens auf Wachstumskurs bleibt und zweitens verhindert, dass die US- und allgemein Finanzkorporatokratie China quasi "einnimmt".

      Auf der anderen Seite wird man die Unterstützung der Briten im Kampf gegen den Dollar gerne in Anspruch nehmen, sie aber ebensowenig wie die USA in eine Position gelangen wollen lassen, in der sie das Spiel mittel- oder langfristig kontrollieren könnten. Es mag sein, dass man sich in Großbritannien in der Hoffnung den konservativen Linken (und mithin Bo Xilai) in China zugewendet hatte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: erstens den Einfluss und den Markt in China für sich zu sichern und zweitens auf diesem Wege die wirtschaftliche Vormachtstellung des "Rivalen" USA brechen.

      Grüße
      SLE

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